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Montag, 11. April 2022

Fastenzeit

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Medienfasten hilft. 

  • Was ich am eigenen Leib seit zwei Jahren wohltuend erfahre, ist nun auch wissenschaftlich bestätigt. Wieder einmal ist es Steffen Lohrer, der mich in seinem sonntägliche Newsletter auf etwas Wichtiges aufmerksam gemacht hat. Dabei habe ich auch noch ein neues Modewort kennengelernt: Doomscrolling.

Das Wort bezeichnet eine durch die Nutzung von Smartphones, Tablets und auch PC hervorgerufene Tätigket: verleitet durch schreierische Bilder, fette emotionalsierende Überschriften und eingebaute Links verliert man sich schier endlos im Lesen und Betrachten negativer, katastrophenschildernder, angstmachender Nachrichten. Immer in dem Gefühl, informiert sein zu müssen, damit man weiß, was auf einen zukommt und was in der Welt gerade los ist.

Dabei ist das Gezeigte ja nur ein winziger Teil des tatsächlichen täglichen Geschehens auf der Erde. Und damit ist die Informiertheit sehr ausschnitthaft. Aber es ist eben ein Ausschnitt, der die Ur-Instinkte des Überlebenswillens kitzelt bzw. der (indirekten) Todesangst stimuliert. All die wunderbaren, lebendigen, glücklich machenden, konstruktiven, ermutigenden Dinge, die gleichzeitig geschehen, sind den wenigsten Medien eine Meldung wert, geschweige denn an prominenter Stelle. Und wenn es darum geht, die Medienkonsumenten zum Lachen bringen zu wollen, wird das mit Videos gemacht, in denen Menschen oder Tiere lächerlich gemacht und damit in ihrer Würde erniedrigt werden.

Und so ist dann auch der vermeintlich unterstützende Konsum immer neuer Schreckensmeldungen, z.B. in der Hoch-Zeit der 👑-Dramatik oder jetzt im Zusammenhang mit den Kämpfen in der Ukraine das genaue Gegenteil von unterstützend. Sehr, sehr viele Menschen befinden sich nach ausführlichem Studieren der in den Nachrichten auf den diversesten Kanälen verbreiteten Aktualitäten in einer traurigen, wütenden, sich ohnmächtig ausgeliefert fühlenden Verfassung. Durch das Lesen der erschreckenden Meldungen und das Betrachten der bedrohlich wirkenden Bilder werden Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin freigesetzt, und die tief im Gehirn verankerten, angesprochenen Ur-Gefühle lösen Alarm aus: "Flieh oder kämpfe!".

"2021 ließ ein Team um Kathryn Buchanan von der University of Essex in Großbritannien hunderte Versuchspersonen für wenige Minuten durch einen Twitterfeed mit Informationen zu Covid-19 scrollen oder aber ein kurzes Youtube-Video zur Pandemie anschauen, in dem beispielsweise Ärztinnen und Ärzte für mehr Schutzausrüstung demonstrierten. Beide Gruppen berichteten daraufhin von weniger positiven Gefühlen als die Teilnehmer einer Kontrollgruppe, die sich keine Corona-Nachrichten angesehen hatten. Außerdem gab die Mehrheit der Videozuschauer anschießend an, eine weniger optimistische Sicht auf die Welt zu haben." schreibt Lohrer in seinem Blog.

Eine Anzahl weiterer Untersuchungen weist in die gleiche Richtung und sind in Lohrers Blog zusammengetragen. Es war für mich sehr aufschlussreich, das zu lesen. Es lohnt sich meiner Meinung nach, auf den Link zu klicken 😉

Warum ich hier augenzwinkere? Weil - das Internet mit seinen zahlreichen Verlinkungen hat entscheidend dazu beigatragen, dass viele Menschen beinahe süchtig sich im (Schreckens-)Nachrichtenkonsum verlieren. Eine Zeitung kann man weglegen. Eine neue Zeitung kommt erst am nächsten Morgen. Dazwischen hörte man früher vielleicht noch ein Mal mittags und ein Mal abends die Nachrichten oder schaute die Tagesschau bzw. Heute. Internetlinks aber sind verführerisch und suggerieren, dass man immer mehr und noch mehr gaaaaaanz wichtige, sensationelle, vielleicht auch schaurige Details erfährt.

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Die Lernforscherin Michaela Brohm-Badry von der Uni Trier macht darauf aufmerksam, dass wir eine Situation (unter anderem) verstehen müssen, wenn wir das Gefühl haben wollen, sie beherrschen zu können. Es gibt viele Menschen, die sich unermüdlich durch die Nachrichtenseiten des www und der Social Media scrollen, weil sie denken, dass dies ihnen ein Empfinden von Kontrolle und Sicherheit verschaffe. Das entsteht aus dem Überlebenswillen: »Wenn etwas eventuell Bedrohliches kommt, müssen wir hinblicken: Können wir etwas sehen oder hören, das Schrecken erzeugt?« wird Brohm-Badry im Blog zitiert. Es mag Krisen geben, bei denen diese Methode aufgeht. Gerade im Zusammenhang mit den Kämpfen in der Ukraine jedoch helfen mehr Informationen nur begrenzt weiter. Auch durch ein erhöhtes Maß an Nachrichten können wir hier unsere Situation nicht verbessern, sicherer machen. Das Hamstern ist eine der Schein-Lösungen, denen manche sich dann anheimgeben. Und so letztlich ihre Angst im eigenen Haus manifestieren und sich zusätzlich immer wieder vor Augen führen.

Dazu kommt: Wie schon vor langer Zeit, nämlich nach dem ersten und nach dem zweiten Weltkrieg, wissenschaftlich untersucht wurde, wird in der Zeit solcher Konflikte auf beiden Seiten sehr, sehr flexibel mit der Wahrheit umgegangen. Freundlich ausgedrückt. Rutger Bregman kommt in seinem wunderbaren Buch "Im Grunde gut" in einigen Kapitel auf diesee Tatsache zu sprechen, am deutlichsten im 18. Kapitel, dessen Überschrift lautet: "Als die Soldaten aus den Schützengräben kamen".

Auch dieses Wissen ruft zu sehr umsichtigem Nachrichtenkonsum auf. Sich die Frage zu stellen angesichts von Meldungen "Cui bono" – wer hat was davon – ist auch hier, wie so oft, als Gegenprobe nicht unangebracht.

In diesem Zusammenhang gebe ich noch einen mir interessant scheinenden Literaturtip weiter: Ronja von Wurmb-Seibel »Wie wir die Welt sehen: Was negative Nachrichten mit unserem Denken machen und wie wir uns davon befreien". Die Erfahrungen der zwei Jahre, in denen sie als Journalistin aus Kabul berichtet hat, halfen ihr dabei, einen guten Umgang mit schlechten Nachrichten zu entwickeln. Auch dieser Tip ist aus dem Artikel von Lohrer. Ich habe es noch nicht gelesen, aber auf meine innere Merkliste gesetzt.

Und so schließe ich meinen heutigen Blog mit den Tips gegen 'Doomscrolling', mit denen auch Steffen Lohrers Text endet:

·        Schränken Sie Ihren Nachrichtenkonsum ein.
Nehmen Sie sich zum Beispiel vor, sich nur morgens und abends über das Weltgeschehen zu informieren.

·        Üben Sie, optimistisch zu sein.
Etwa durch soziale Aktivitäten,
indem Sie anderen Menschen helfen oder Dankbarkeitsübungen absolvieren.

·        Verbringen Sie insgesamt weniger Zeit in den sozialen Netzwerken.
Gehen Sie stattdessen raus, tanken Sie Licht, treffen Sie Freunde.

·        Suchen Sie gezielt nach positiven Informationen.
Zum Beispiel, indem Sie einem Account folgen, der sich mit konstruktiven Nachrichten beschäftigt.

Und dann füge ich noch fünf Fragen an, auf die mich die Website eines Heilpraktikers  aufmerksam gemacht hat. Fragen, die man sich selbst stellen kann, nachdem man eine Zeit lang Nachrichtenfasten betrieben hat:

·        Wie habe die ich so gewonnene, freie Zeit genutzt? 

·        War es schwierig keinerlei Nachrichten zu konsumieren?

·        Wie hat sich mein Leben in dieser Zeit verändert?

·        Hat mir was gefehlt?

Und ganz zum Schluss noch ein schöner Link, den ich bei der Bildersuche gefunden habe, ein Text, der schon 2014 geschrieben wurde: "15 Gründe, Dir  keine Nachrichten mehr anzun (und wie Du das schaffst)".

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Hintergrund Vektor erstellt von BiZkettE1

..... wie war das doch noch mit dem Hängenbleiben im www aufgrund von viel zu vielen Links?? ...



2 Kommentare:

  1. Lieber Silberstern, auch ich habe meinen Medienkonsum extrem geändert, den Fernseher (bildlich) aus dem Fenster geworfen und den täglichen Blick auf die Nachrichten, gleich am Morgen, bleiben lassen. Es reicht, was mich an Informationen ohnehin erreicht.

    Selbst auf liebevollen Seiten lasse ich die Störsender mittlerweile immer erfolgreicher links liegen und konzentriere mich immer mehr, wie es der Wiener Pschologe Raphael Bonelli immer wieder so schön formuliert, auf das Gute, das Wahre und das Schöne ...

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  2. Wobei, lieber Diogenes, es - jedenfalls für mich - immer wieder neu eine Herausforderung ist, diese Konzentration auf das Gute, Wahre, Schöne aufrecht zu erhalten. *Seufz*
    Aber das gehört dazu........

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