Mitte März bis 10. April 2020 täglich. Ab 11. April 2020 erscheinen die Beiträge jeden zweiten Tag. Ab Montag, 22. Juni 2020 immer Montag und Donnerstag abends.


Donnerstag, 29. Juli 2021

Erdbeerradtour

Schon eine Weile hatte ich die Erdbeeren aus dem örtlichen Supermarkt total satt. Diese festen, auf Transportbeständigkeit gezüchteten, wie Erdbeeren aussehenden und wie Erdbeeren riechenden Früchte, deren Geschmack auch so ungefähr an Erdbeeren erinnert. Und die trotz der beinahe apfelartigen Bissfestigkeit doch immer Transportschäden haben, gedrückte Stellen, die schon am zweiten, spätestens dritten Tag im Kühlschrank matschig werden. 

 Ja, und vor ein paar Tagen war es endlich so weit. Fahrradfahren ging wieder, juchhu! Meine erste kleine Tour mit dem Rad führte mich dann auch folgerichtig zum Erdbeer-Spargel-inzwischen-auch-alles-mögliche Hofladen(supermarkt) in Noordbroek.

Es war super Wetter: abwechselnd Wolken und Sonne, angenehme Temperatur etwas über 20 Grad, nur wenig Wind.

Die Dampfmolkerei auf einer alten Ansichtskarte, ca. 1905
Inernetfund (Pinterest)

Ich wählte die Route, die an der Kirche vorbei durch den früheren Dorfkern hinaus in die Äcker führt. Später kommt man noch an einer ehemaligen Dampf-Molkerei vorbei, gegründet 1885, die als erste Kooperative auf diesem Sektor in den Niederlanden gilt. Sie wurde 1948 geschlossen. Heute hat da ein vor sich hindümpelnder Karosseriebauer seine Werkstatt. Vielleicht steht aber auch alles ungenutzt nur noch herum.
Ein Teil der historischen Gebäude und der Schornstein sind jedenfalls inzwischen völlig bewachsen.


Mit jedem Pedalumlauf wurde es mir ein bisschen urlaubsartiger zumute. Dies Wetter ließ mich ganz intensiv an die Nordseeurlaube unserer Kindheit und frühen Jugend denken. Mir wurde das Herz weit, und ein großes Glücksgefühl breitete sich in mir aus. Weit und breit war kein Mensch zu sehen, kein Auto überholte mich oder kam mir entgegen. Ich hatte Straße und Landschaft ganz für mich.

Ausgabe 1876 / Public Domein/Wikimedia
Tief aus meiner Erinnerung tauchte "Geh aus, mein Herz, und suche Freud" auf, das - jedenfalls in meiner Generation - allseits bekannte Lied von Paul Gerhardt. Weil ich gerade so schön allein war, fing ich an, es vor mich hinzusingen. Oops, Stimme völlig ungeübt und piepsig. Egal! Allerdings mehr als (fast vollständig) die erste Strophe  und die Lerche, die sich in der dritten in die Luft schwingt, wollte mir vom Text nicht mehr einfallen. Aber La-la, la-la, la-lalalala-la tat es auch. Es ging darum das innere Glück auszudrücken mit dieser Melodie voll Erinnerungen an meine Kindherzeit.

Überhaupt, dieser diesjährige Sommer! Angesichts der Unwetter- und Flutkatastrophen, die überall geschehen sind, traue ich es mich kaum zu sagen. Aber Petrus hätte mir persönlich, hier in diesem Teil der Welt, kein schöneres Geschenk machen können als einen Sommer, so wie er bislang war. Temperaturen, die so gut wie nie über die 25° kommen, viele Nächte, in denen es richtig schön abkühlt, keine Knallsonne. Es ist diese Art Sommer, die ich aus unseren Urlauben in Norddeutschland als 'normal' erinnere. Mit Regentagen, an denen wir im Urlaub nach Wilhelmshaven, Oldenburg, Emden oder Wittmund fuhren, Städtchenbummeln mit Sommerschlussverkauf oder Rührei-mit-Krabbenbrot essen. Regentage, die im Zuhause-Sommerferienteil dazu führten, dass wir Kinder gefühlt stundenlang trübsinnig unsere Nasen am Fenster plattdrückten,  innerlich stöhnend "mir.ist.so.lang.weilig!!!".
Oder, wie ich vor ein paar Tagen in irgendeiner Zeitung hier las, "een doodgewone Hollandse zomer" – ein ganz gewöhnlicher, normaler Holländischer Sommer. Toll!

Die Veränderungen im ländlichen Alltag sind jedoch trotz aller glücklichen Kindheitserinnerungen und wunderschönen Landschaften sichtbar.

Da sind plötzlich Maisfelder, wo vor zwei, drei Jahren noch Kühe auf der Weide standen. Der Fahrradweg Zuidbroek – Noordbroek führt zwischen zwei dieser ehemaligen Weiden und heutigen Maisäcker entlang und war da durch Wildroste unterbrochen, weil der Bauer die Kühe auf den durch kleine Wassergräben umschlossenen Weiden uneingezäunt laufen ließ.

Der Mais lässt darauf schließen, dass der Bauer noch immer Kühe hält. Diese aber keinen Weidegang mehr haben, sondern nur noch drinnen sind und Kraftfutter bekommen.

Die Getreidemahd hat bislang noch kaum begonnen. Nachteil des kühlen Sommers…. – sorry, Bauern für meine egoistische Begeisterung ob der Kühle. Der Weizen auf vielen Äckern, erst recht Roggen oder Hafer, dürfen noch ein bisschen gelber werden. Und auch die Kartoffelblüte ist dies Jahr ziemlich spät dran. Aber vielleicht habe ich auch eine blühfaule Sorte abgelichtet auf dem Foto rechts, wer weiß. Gerade habe ich nämlich gelesen, dass Kartoffeln im Blühverhalten und Wachstumsverhalten nicht auf Sonnenscheindauer oder -intensität reagieren, sondern sobald die Nächte eine bestimmte Stundenzahl unterschreiten.

 

Ein Stückchen Weiter war auch das Getreide weiter, der Acker ist gemäht und übersät mit Krähen, Dohlen, Möwen, Tauben, die alle irgendwas zu picken finden auf diesem Stoppelfeld. Die Windräder im Hintergrund gehören zu der gigantischen Windkraftanlage von über dreißig Windrädern, die gegen den heftigen Widerstand der Bevölkerung dieser Gegend durchgesetzt worden ist. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

 

 

Zurück im Dorf durfte ich wieder einmal das Schauspiel der geöffneten Klappbrücke genießen. Anders als viele Niederländer, vor allem die Auto fahrenden – für die der Vorrang des Verkehrs auf den Wasserwegen vor dem auf den Straßen ein ewiges Ärgernis ist, immer dieses Warten! – finde ich das auch nach 13 Jahren Leben in den Niederlanden noch immer einen schönen bis spannenden Anblick. Es bleibt für mich besonders, wenn sich vor mir auf dem Weg plötzlich ein Stück Straße senkrecht in den Himmel erhebt.

Was für ein Geschenk: ich fahre einkaufen, und komme voller Urlaubsglücksgefühl nach Hause.

Montag, 26. Juli 2021

Inselgefühl

Im Naturgebiet Reiderwolde
Am Samstag waren wir Spazieren im Naturgebiet Reiderwolde bei Winschoten. Dieses ca. 200 ha große Gebiet wurde vor 15 Jahren durch eine Gruppe von Bauern der Agrarischen Naturvereinigung Ost-Groningen eingerichtet. Inzwischen ist es ein wirklich schönes Stückchen Ost-Groningen, in dem das Flüsschen Tjamme wieder in seinem früheren, mäandernden Bett fließt.

Von unserer Wohnung aus ist es nur mit dem Auto zu erreichen.

So waren wir Samstagnachmittag unterwegs auf der Autobahn Richtung Winschoten, die in ihrer Fortsetzung zur deutschen Grenze und zum Autobahndreieck Bunde führt, wo sie mit der deutschen A31 zusammentrifft, dem Highway ins Ruhrgebiet bzw. in der anderen Richtung nach Oldenburg und Bremen. Unterwegs wurden wir von enorm vielen Autos mit weißen Nummernschildern überholt (wir hier in den Niederlanden habe gelbe Nummernschilder). Massenhafter Rückreiseverkehr nach Deutschland. Ungewöhnlich. Mitten in der Sommerferienzeit.

Und dann erinnerte ich mich an die Radiosendung "Met het oog op morgen" (Mit dem Blick auf morgen) vom Abend vorher. Dort war eine deutsche Journalistin interviewt worden, die als Korrespondentin in den Niederlanden tätig ist. Übrigens ist es immer ein kurioses Gefühl, andere Deutsche Niederländisch sprechen zu hören und den krassen deutschen Akzent überdeutlich wahrzunehmen. Man selbst denkt ja immer, dass man die Sprache perfekt beherrsche...

Thema im Interview, wieder einmal: das Krönchen, das große C. Und die aktuellen Regelungen.

Die Journalistin erklärte der Moderatorin, dass die Niederlande ab Sonntag als Hochinzidenzgebiet eingestuft seien, was bedeute: nach Rückreise aus den Niederlanden 10 Tage Quarantänepflicht, auch mit negativem Test. Mit erneutem negativem Test nach fünf Tagen darf diese vorzeitig beendet werden. Ausgenommen: Genesene und komplett Geimpfte. Die brauchen gar nicht in Quarantäne.
Diese Ausnahme ist natürlich seuchenpolitisch kompletter Unsinn. Auch komplett Geimpfte können ja das Virus weitergeben können und auch selbst erkranken können. Für letzteres habe ich in meinem erweiterten Bekanntenkreis zwei Beispiele. Aber das steht auf einem anderen Blatt Papier.

Wessen wir also auf unserer Fahrt zum Spaziergang Zeugen wurden, war wohl eine Art 'Massenflucht' deutscher Touristen. Schnell vor der Quarantänepflicht wieder zurück nach Deutschland.
Kopfschüttelnd schaute ich mir das absurde Schauspiel an. Wieder ein weißes Nummernschild. Berlin. Und noch eines. Gotha. Wieder einer, Dortmund. Da einer aus Hessen! Undsoweiter.

Das Interview, besser gesagt die Antworten der deutschen Journalistin, waren noch in anderer Hinsicht aufschlussreich.

Auf die Frage, worauf sich diese aktuelle Einstufung der Niederlande basiere, nannte sie die 7-Tage-Inzidenz, also die berühmte Anzahl der in den letzten 7 Tagen neu positiv PCR-Getesteten auf 100.000 Einwohner. Die war am 24.7. in den Niederlanden 360. Heute, am 26.7. liegt sie bei 266. Die Journalistin erzählte weiterhin, dass die Inzidenz als alleiniges Kriterium allerdings in Deutschland jetzt auch – wie in den Niederlanden schon länger – immer mehr in Frage gestellt werde. Man müsse vielmehr nach den tatsächlichen Aufnahmen ins Krankenhaus und der Anzahl intensivmedizinisch Behandelter Covid Patienten schauen. Beides sei in den Niederlanden in keinem dramatischen Bereich.

Das Gespräch drehte sich weiter um die Situation der Urlaubsrückkehrer nach ihrer Ankunft. In gut niederländischer Manier, die Menschen gehen hier öfter mal relativ flexibel mit Regelungen um, fragte die Moderatorin danach, wer das denn wie kontrolliere, ob mit dem Auto Reisende nach ihrer Rückkehr sich brav melden und in Quarantäne begeben. Grenzkontrollen seien doch so gut wie nicht durchführbar.

Screenshot des inzwischen offline geholten Formulars der Stadt Essen
Die deutsche Journalistin: die Leute würden sich auch ohne Kontrolle weitestgehend an diese Regelungen halten. Zum Einen seien die Deutschen sowieso zu einem hohen Prozentsatz sehr regelgetreu. Dazu käme, dass in Deutschland eine ziemliche Gesundheitsangst herrsche, man schon aus purer Furcht vor der Verbreitung alle Maßnahmen mitmache.

Im übrigen gäbe es in Deutschland ein hohes Maß an sozialer Kontrolle. Nachbarn, Freunde und Verwandte wüssten ja im Allgemeinen, dass man im Urlaub in den Niederlanden gewesen sei. Da müsse man schon damit rechnen, dass jemand aus der Gruppe darauf reagieren würde, wenn man sich nicht an die Quarantäneregeln hielte.
Das hat sie aber schön gesagt.
Eine sehr dezente Formulierung der Tatsache, dass die Bereitschaft zur Denunziation in Deutschland nicht gerade niedrig ist.

Eines der Dinge, die mir im letzten Jahr besonders bitter aufgestoßen sind. Ich hätte das nicht für möglich gehalten, 75 Jahre nach Ende des Dritten Reiches und 31 Jahre nach Ende der DDR. Die Tatsache, dass es Städte gab, die auf ihren offiziellen Websites unverhohlen zur Denunziation aufriefen, belehrte mich eines anderen.

Nun sind sie also wieder weg, die deutschen Touristen. Wir sind wieder unter uns hier in unserem kleinen Ländchen. Wieder stellt sich bei mir ein Gefühl ein ähnlich dem letztesJahr während des zweiten Lockdowns.  Damals nannte ich das einen Gläsernen Vorhang. Jetzt ist es eher ein Gefühl wie auf einer der Ostfriesischen Inseln am Abend, wenn die letzte Fähre abgelegt hat. Eine gewisse Stille stellt sich ein. Erst jetzt fühlt es sich wirklich wie auf der Insel an. Ich kann nicht mehr ohne weiteres weg. Es kommen nicht mehr ohne weiteres neue Touristen an. Man ist unter sich. Ein bisschen isoliert, ein bisschen abgeschnitten vom Rest der Welt. Aber auch abgeschnitten von der Umtriebigkeit des Restes der Welt.

Das ist natürlich ein sehr subjektives Gefühl, genährt von der Situation hier im sowieso eher leeren Norden der Niederlande. In Amsterdam oder anderswo im übervollen Westen würde die Empfindung vielleicht nicht so entstehen und hörte ich noch immer ein kunterbuntes Sprachgemisch. Ich muss aber sagen, das hier hat was.

So ähnlich wie im vergangenen Jahr, als der Himmel klar blau, wolkenlos und frei von jeglichen Düsenflugzeugspuren war, bringt auch diese erneute Abgeschlossenheit gegenüber Deutschland (wie Belgien es im Augenblick den Niederlanden gegenüber handhabt, habe ich nicht recherchiert) ein Innehalten mit sich. Da schaut sie wieder um die Ecke, eine der Chancen dieser Pandemie-Situation. In sich hineinfühlen. Vielleicht das Leben anders, neu einrichten. Prioritäten verändern. Gewohnheiten hinterfragen.

Persönlich bin ich damit sowieso immer wieder befasst, seit im März letzten Jahres die ersten Maßnahmen verkündet wurden. Nichts ist mehr wie vorher. Und es wird auch nie wieder wie vorher werden.

Immer wieder ist diese C-Situation für Überraschungen gut. Jeder Gedanke: 'jetzt ha'm wir aber alles durch und können uns entspannen' wird in kürzester Zeit durch eine noch krudere, noch kuriosere Realität im Außen widerlegt. Da hilft nur Stille im Innern.


Donnerstag, 22. Juli 2021

Atempause

Die Vorgänge um die Aufräumarbeiten nach und alle Versäumnisse vor der Flutkatastrophe beschäftigen mich noch immer. Ein Text dazu steht schon im Konzept. Da lasse ich ihn auch vorläufig stehen.

Ich gönne mir und Euch eine Atempause.Tief durchatmen.
Ent-spannen.
Nicht gleich wieder in eine weitere Philippika verfallen.

Mein aktuelles Tagebuch, das handschriftlich  mit Tinte auf das Papier eines dicken Buches geschriebene, habe ich überschrieben mit einer Anzahl Fragen. Zu ihnen gekommen bin ich durch ein Video von Sonja Ariel von Staden am 26. Juni 2021 Fragen, die ich mir selbst durch mein So-Sein, durch mein So-Leben immer wieder beantworten will. Mir sind sie wichtige Impulse. Auch und gerade, um einigermaßen heil und stabil auch durch diese aktuelle, "strubbelige", "sehr merkwürdige" (Christina von Dreien) Zeit zu kommen:

Bin ich gerne auf der Erde?
Bin ich gerne in diesem Körper?
Liebe ich mich?

Vertraue ich mir und meinen Gefühlen?
Vertraue ich dem Kosmos?
Vertraue ich der Göttlichen Kraft in mir und um mich herum?

Was wünsche ich mir noch von meinem Leben?
Was möchte ich noch gerne erleben?
Was möchte ich noch gerne tun?

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Indem ich mir immer wieder einmal diese Fragen stelle, halte ich inne. Ziehe eine Art Resümee  und bringe Licht auf den Pfad, der vor mir liegt. Wo stehe ich gerade, was passiert in mir aktuell, habe ich eine Idee, wo ich hin will. Mir tut das enorm gut. Es erdet mich im wörtlichen Sinn. "Wir machen den Weg frei" – was die Volks- und Raiffeisenbanken versprochen haben, halten diese Fragen.

 

 

 …Schritt für Schritt auf dem Weg…


 

Montag, 19. Juli 2021

Wassermassen

Bewusst steht hier kein Bild aus einem der Katastrophengebiete, sondern eines, das ganz
allgemein Kraft und Gewalt von Wasser abbildet.

Das Hochwasser, die Flutkata-strophe in der niederländischen Provinz Limburg, in Belgien, in Deutschland in der Eifel und in Nordrhein-Westfalen, jetzt auch in Bayern, Österreich und der Schweiz, sitzt mir noch in den Knochen.
So viele Menschen wurden von den Wasser- und Schlammmassen überrascht, konnten sich gerade so retten. Oder verloren ihr Leben.
Es berührt mich tief, packt mich emotional. Auch wenn ich weit weg wohne. Dennoch. Eine vage Ahnung von dem, was den Menschen geschehen ist, verbindet sich mit einer Erinnerung. Verglichen mit dem, was die Bewohner der betroffenen Gebiete heimgesucht hat, ist das, was ich um die Jahrhundertwende in Büdesheim miterlebt habe, ein 'Flütchen'. Die Häuser blieben alle stehen, die Infrastruktur blieb erhalten, es war 'nur' stinkendes, schlammiges Wasser, was die Keller, Teile des Erdgeschosses und Straßen überflutete. Und doch ist die Erinnerung an die mehrere Tage dauernden Aufräumarbeiten so gruselig gegenwärtig, als sei es vor einem, zwei Jahren geschehen.

Was die Menschen in den Katastrophenregionen nach den Fluten vom 14./15. Juli 2021 und den folgenden Tagen mitmachen mussten und müssen, hat völlig andere Ausmaße.
Betroffen sitze ich hier, lese und höre, folge diversen Nachrichtenkanälen. Eine Ausdrucksform der Betroffenheit und meines Mit-Fühlens bahnt sich an, ist aber nicht Gegenstand meiner hiesigen Überlegungen.

Was Deutschland betrifft, bin ich erschrocken nicht nur über das Maß und die Auswirkungen dieser Naturkatastrophe. Erschrocken bin ich auch über das, was davor und danach alles nicht geschehen ist. Oder jetzt noch immer schiefläuft. Was ist los mit den Offiziellen in dem Land, in dem ich geboren und aufgewachsen bin?

Auch hier in den Niederlanden hat es die Provinz Limburg schwer getroffen.
Jedoch: die Bevölkerung war vorher gewarnt und auf eventuelle Evakuierungen vorbereitet worden. Die Entwicklung des Hochwassers wurde beobachtet. Erste Evakuierungen fanden am 14. statt, ein Hospiz und ein Krankenhaus in Valkenburg wurden da vorsorglich geräumt. Einen Tag später wurden viele Bewohner des Ortes Valkenburg am total übergelaufenen Flüsschen Geul evakuiert, dann auch in anderen Gemeinden, z.B. ca. 10.000 Menschen aus Maastricht.
Am 16. Tausende Menschen aus der Stadt Venlo (die an der Maas kurz nach der Mündung der Rur in Roermond liegt).

Das Königspaar (im politischen Rang vergleichbar dem Bundespräsidenten) war einen Tag nach der Katastrophe am 15. Julie vor Ort in u.a. Valkenburg. Ministerpräsident Rutte rief am selbsen Tag namens der Regierung den Katastrophenfall aus. Dies bedeutet aufgrund einer gesetzlichen Regelung automatisch, dass die Geschädigten vom Staat denjenigen Schaden ersetzt bekommen, für den keine Versicherung und oder andere Instanz aufkommt. D.h. wenigstens materiell wurde den Menschen SOFORT letztlich komplette Erstattung des Schadens zugesagt.
Der Katastrophenzustand (dann griffen landesweit organisierte Hilfsmaßnahmen) wurde durch die Regierung nicht ausgerufen, weil der regionale Katastrophenschutz alles gut organisiert und Zugriff auf genügend Einsatzkräfte habe.

Was in der Provinz Limburg sicher auch geholfen hat sind die Maßnahmen des nach den schweren
Überflutungen der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts begonnenen Projektes, in denen überall Ausweichflächen (Flutpolder u.ä.) für Hochwasser führende Flüsse geschaffen wurden. Mehrere Milliarden Euro kostete das Projekt, dessen Ergebnis nun den ersten Ernstfall zu verkraften hatte. Aus dem weiter zu lernen die entsprechenden Wasserbehörden bereits angekündigt haben.

Auch in der Provinz Limburg gab es genug dramatische Einzelschicksale, z.B. Menschen, die der Lebensgefahr um ein Haar entweichen konnten. Ich idealisiere nicht. Aber manche Unterschiede sind doch eklatant.

Über die Situation in Belgien weiß ich nicht viel. Nur, dass dort mit sehr gutem Erfolg hochspezialisierte österreichische Feuerwehren mit 120 Einsatzkräften, 15 Fahrzeugen und 25 Booten geholfen haben, die am 17.7. nach getaner Arbeit wieder zurück nach  Österreich fuhren. Sie hätten 'unterwegs' auch im deutschen Katastrophengebiet helfen können, wurden aber trotz ständigen Kontakts zwischen dem deutschen Innenminister Seehofer und dem österreichischen Innenminister Nehammer nicht angefordert. Warum eigentlich nicht?

Nach allem, was ich bislang an Informationen gelesen, gesehen, gehört habe, ging im deutschen Krisengebiet noch viel mehr schief.

Es gab wohl keinerlei Warnung an die Bevölkerung.
Bereits neun Tage vor den Niederschlägen waren von einem Wettersatelliten über dem Rheintal erste Zeichen einer sich nähernden Katastrophe verzeichnet worden, ist in der englischenTimes zu lesen. Die Bildzeitung, normalerweise nicht meine literarische Leibspeise, aber in diesem Fall eine interessante Quelle, zitiert eine Mitentwicklerin des europäischen Hochwasserwarnsystems, nach deren Aussagen das System vier Tage vor der Katastrophe Alarm geschlagen habe. Woraufhin die belgische und die bundesdeutsche Regierung alarmiert worden waren.

Netzfund Social Media
Bloß – die Warnungen kamen nie dort an, wo sie hätten ankommen müssen: bei der Bevölkerung der betroffenen Gebiete. Auf der politischen Ebene werden Vorwürfe laut. Der Bundesinnenminister weist das als billige Wahlkampfrede zurück. Ein beißender Kommentar in der Bild: "Doch in weiten Teilen der Hochwasser-Gebiete zwischen Mosel und Ahr hat der Katastrophenschutz versagt. Sirenen blieben vielerorts stumm. Warndurchsagen gab es kaum. Lautsprecherwagen blieben zu oft in den Depots. Und der öffentlich-rechtliche Rundfunk spielte Pop-Musik, als Hunderte Menschen von Fluten hinweggerissen wurden, als Häuser einstürzten, Dörfer niedergewalzt wurden." Das ist enorm polemisch, spiegelt aber wohl deutlich auch die Gefühle vieler Getroffenen wider. Die sich enorm allein gelassen fühlen.

Wie auch viele der Helfer, die spontan und schnell z.B. nach Ahrweiler oder Schuld geeilt sind.
Bauern. Bauunternehmer. Die schweres Gerät und manpower zur Verfügung stellten und stellen. Ich habe mehrere ihrer Videos mir angeschaut, in denen immer wieder der Stand der Arbeiten und der (Nicht-)Organisation dokumentiert wurde. Ein enormer Kraftakt, ein Wahnsinnseinsatz, den diese Männer hier leisten! Und dann sowas: die freiwillige Feuerwehr in Schuld wartete tagelang startbereit, bekam aber keinen Befehl zum Ausrücken. Erst am Montagmorgen. Da schrieben wir den 19. Juli.
Ich bin absolut beeindruckt, was für eine gigantische Hilfsleistung selbstorganisiert und selbstverantwortet erbracht wurde und wird. Leider passiert dann auch sowas:
An einer Stelle war es fast gelungen, eine weggerissene Straße so weit wiederherzustellen, dass Hilfsfahrzeuge zu einem abgeschnittenen Hof hätten fahren können, auf dem Menschen (unter ihnen eine 90-jährige Frau) auf Hilfe warten. Es fehlten noch wenige Meter Wiederaufschüttung, Gerät war da, Material wurde angefahren. Man hatte die letzten 24 Stunden durchgearbeitet. Dann wurden jetzt am Montagnachmittag, da ich dies schreibe, die Arbeiten gestoppt. Man müsse das den offiziellen Helfern überlassen, sei ihnen gesagt worden, erzählt einer der Fahrer des schweren Geräts achselzuckend im Video.
Ich sehe das und bin ohnmächtig sprachlos.

Eine Elterninitiative organisiert Pädagog/inn/en und Therapeut/inn/en, schafft es auch, unbeschädigte Räume in einem Ortsteil zu finden, in dem man nicht auf Zerstörtes blicht, um Eltern und Kindern einen entspannten Begegnungsort und erste Verarbeitungsmöglichkeiten zu bieten. Stunden später wird ihnen der Raum wieder gekündigt, weil sie "Querdenker" seien. Mir stehen die Haare zu Berge. Ist man in Deutschland wirklich so weit: Gesinnungsprüfung, ehe man helfen darf?
Einen Tag später, heute, ist  diese Initiative vorläufig im Hilfszentrum in der Aloysiusschule in Ahrweiler untergekommen.

Viele Betroffene klagen über nicht vorhandene Feuerwehren, THW und andere Organisationen des Katastrophenschutzes in den ersten Tagen. An anderen Orten gibt es diese, glücklicherweise. Tausende Helfer aus diesen Organisationen sind, vor allem inzwischen, tätig, und auch sie fahren vollen Einsatz. 

Vor all diesen Helfern, organisiert oder nicht organisiert, ziehe ich meinen Hut!

Der Bundespräsident besuchte am 17. Juli gemeinsam mit Ministerpräsident Laschet Erftstadt. Das war da, wo Laschet, während Steinmeier ein Statement abgab, mit Umstehenden scherzte und lachte. Die Bundeskanzlerin war 4 Tage nach der Katastrophe vor Ort. Es wurde umfassende und unbürokratische Hilfe zugesagt. Darüber konferiert wird erst am Mittwoch. 

Es hat mich erschüttert, das alles mitzubekommen. Hick-Hack, Hin und Her, politische Machtspiele, Vorwürfe, wo es eigentlich nur und ausschließlich um sofortige, möglichst Tat-kräftige Hilfe gehen sollte.

Bei all dem fällt es mir ganz schwer, nicht sehr pessimistisch zu werden. Den Blick auf die positiven Dinge zu richten. All die unfassbar zupackende, spontan organisierte Hilfe von Tausenden von Menschen, die nicht Mitglieder irgendeiner Hilfsorganisation oder gar staatlichen Stelle sind. Und die alle wirklich etwas bewegen!
Und so bin ich dankbar, dass ich meinen Meditationskreis habe. Das Einklinken dort hilft immer wieder, zurück in die Mitte zu kommen. Panik und Ärger helfen ja niemandem. Gestern hatten wir diese Meditation, zu der das nebenstehende Bild gehört. An all den Stellen, an denen in der Meditation anderen Menschen Fülle und positive Dinge zugewünscht werden, haben wir in unserer Vorstellung die Menschen eingesetzt, die durch die Flut betroffen waren. Eine Art Geistiges Heilen.
Nicht verwirren lassen solltet Ihr Euch durch das Wort Dankbarkeit im Titel. Wer sich auf die Meditation einlässt, begreift unterwegs, wie das gemeint ist.

Ich hab mich noch kundig gemacht, wie das mit Spendenmöglichkeiten ist.
Ein privater Organisator hat einen Paypal-Spendenpool eröffnet und bis zum Spätnachmittag ca. 450.000 Euro gesammelt. Aus diesem Pool wurden z.B. ab heute die Baufahrzeuge bezahlt, die bereits drei Tage lang mit Mann und Gerät ehrenamtlich im Einsatz gewesen waren. Aus diesem Pool werden eine große Anzahl höchstnötiger Dixi-Toiletten bezahlt. Soforthilfe halt.

Auf der Seite des SWR kann ich aktuell aus 9 verschiedenen Spendenkonten wählen. Auch t-online bietet viele Hilfsorganisationen zur Auswahl.

In den Niederlanden ist wie immer in solchen Fällen die Kontonummer 777 freigeschaltet, dahinter steht ein Zusammenschluss vieler Hilfsorganisationen. Bis heute Morgen waren dort 5 Millionen Euro an Spenden eingegangen.  

 

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