Mitte März bis 10. April 2020 täglich. Ab 11. April 2020 erscheinen die Beiträge jeden zweiten Tag. Ab Montag, 22. Juni 2020 immer Montag und Donnerstag abends. Ab Montag, 13. Dezember 2021 am Montagabend nach 22 Uhr.


Montag, 16. Mai 2022

Ilsebill

Europamarke 1997 "Vom Fischer und seiner Frau"
Aus diesem Märchen der Brüder Grimm stammt mein Eingangszitat.


"Mine Fru de Ilsebill
will nich so as ik wol will!"

Tja.

Vieles will in diesen Tagen nicht so, wie ich es gerne hätte. Mir wünschen würde. Wie ich es angenehm fände. Das Ganze läuft irgendwie unrund, da beißt keine Maus den Faden ab. Das reicht von der allgemeinen Situation im Außen bis hin zu allerlei Malaisen, an denen herumzulösen mein Körper mich in den letzten Wochen vehement aufforderte. Wer z.B. hätte je gedacht, dass ich einmal an der eigenen Geburtstagskaffeetafel neidlos allen beim Kuchenschlecken und Kaffee trinken zusehen würde, derweil ich selbst Reis-Hafer-Cracker mit Butter und Banane mümmele und einen Gewürztee trinke.

Irgendwie sind viele, viele ehemaligen Gewissheiten dahin, verdampft wie Regen nach einem viel zu heißen Maientag.

Anders gesagt - ich fühle mich wie "im Schleudergang der Waschmaschine" (Sonja Ariel von Staden).
Mit dieser Verfassung bin ich nicht allein, das weiß ich, und das fühle ich auch allenthalben.

Eine Freundin schrieb mir heute vom "Gefühl zu schweben zwischen Himmel und Erde, nicht so recht zu wissen, wo ich mich grad befinde", das sich momentan enorm bei ihr breitmache. Andere in meiner Umgebung sind aktuell heftig mit sich selbst, mit der Verarbeitung früherer Traumata beschäftigt. Und da. wo noch bis vor 10 oder 14 Tagen man fröhlich fast allabendlich zu Online-Schwätzrunden zusammenkam, ist auf schwer erklärbare Weise die Leichtigkeit verschwunden, und haben sich selbst einzelne aus der Runde verabschiedet. Ein lieber Freund aus Frankfurt, der mit beiden Füßen auf der
Erde steht und weder verschwörungstheoretischer noch esoterisch-spiritueller Gedankengänge verdächtigt werden kann, wünschte mir kürzlich "viele nette Freunde die dir vor allem nach der Corona-Zeitenwende zuhören und die mit dir eine vergnügliche Zeit verbringen."

Nicht umsonst also hatte wohl Stefan Kleinbichler gerade jetzt ein Online-Event mit dem Titel "Leben im Urvertrauen" gestartet (Leider ist die kostenfreie Zeit des Events schon herum und außerdem der Link durch Serverwartungsarbeiten erst ab 18. Mai 2022 wieder erreichbar.).
Wie not-wendend dies Urvertrauen ist, ist mir gerade in den letzten Wochen und Monaten immer wieder neu bewusst geworden. Alicia Kusumitra bringt es am Anfang Ihres Interviews perfekt auf den Punkt: "Es ist ein ganz, ganz wichtiges Thema. Gerade jetzt ist es wichtiger denn je. Wir sehen: Es ist das, was uns am meisten fehlt. Wir haben kein Vertrauen mehr ins Leben. Wir haben kein Vertrauen in uns selbst. Wir fühlen uns so oft ohne Wurzeln, ent-wurzelt. Gerade jetzt in dieser Zeit. Diese Zeit ist so sehr von Angst bestimmt."

Ja, tatsächlich. Wir befinden uns gerade in einer Phase, die gekennzeichnet ist von vielen Umbrüchen. Und - vom Weg zurück in dies Urvertrauen. Noch einmal Kusumitra: "Wir brauchen Vertrauen in uns selbst. Wir brauchen Vertrauen in die Erde. In den Kosmos. Wir brauchen Vertrauen in das Leben!"


Ein wunderbarer Begleiter auf dem weiteren Weg in diese Richtung, das spüre ich, wird mir ein Buch
sein, das ich kürzlich geschenkt bekam: "Steine und Brot"  von Holger Heiten. 

Bislang habe ich nur die ersten Seiten gelesen, heute unterwegs im Zug, und bin schon da von einem "Aha"-Erlebnis zum nächsten geglitten. Hätte ich meine Buntstifte dabeigehabt, wären bereits unzählige Sätze angestrichen und würden vielleicht nun hier zitiert.

Statt dessen zitiere ich ein Gedicht von Rumi (wie im Buch in seiner englischen Übersetzung), das Heiten über das Vorwort seines Buches geschrieben hat:

Come, come whoever you are.
Wanderer, worshipper,lover of leaving.
It doesn't matter. Ours is not a caravan of despair.
Come, even if you have broken your vow a thousand times.
Come, yet again, come, come.

 


P.S.:

Vorher

Glücklicherweise ist nicht alles "kommer en kwel" – Jammer und Elend.
Heute Vormittag hatte ich beschlossen, endlich den Rest der Brombeerhecke zu entfernen, die eine Treppe zum Kanaldeich völlig zugewuchert hatte. Ein Kollege aus dem Dorpsraad hatte vor zwei Wochen einen großen Teil des Gestrüpps bereits entfernt, aber um die Treppe wieder benutzen zu können, musste noch ein Stück Arbeit getan werden.

Nachher

Wobei das Foto links vor 2 Wochen auf-genommen wurde und heute schon viel mehr wieder gewuchert war.


 

 

 


Nach eineinhalb Stunden war es so weit: die Treppe ist wieder benutzbar. Wenn auch noch nicht ganz frei. Ein paar dicke Wurzelstöcke muss der Kollege noch mit sozusagen jugendlicher Manneskraft und anderen Gartengeräten entfernen.

Es tat gut, mit körperlichem Einsatz ein so deutlich sichtbares Ergebnis zustandegebracht zu haben. Auch wenn's Muskelkater kostet.

Montag, 9. Mai 2022

Unruhe und Stille

Eine merkwürdige Zeit ist es gerade. Ich bin, ohne ganz genau sagen zu können warum, immer wieder voller innerer Unruhe. Wie ein Hund, der sich irgendwo niederlegen will. Der sich fallen lässt, kurz drauf wieder aufsteht, sich ein paar Mal im Kreis dreht, die richtige Stelle sucht, sich wieder fallen lässt, aber noch immer nicht gut liegt, erneut aufsteht, sich nochmals dreht, ein bisschen zur Seite geht, sich erneut um sich selbst dreht und dann wieder fallen lässt. Und noch immer nicht zufrieden ist mit seiner Liegeposition.

Da kam mir eine Geschichte gerade recht, die Steffen Lohrer in seinem Newsletter der vergangenen Woche mitschickte. Sie ist als Netzfund gekennzeichnet, Autor unbekannt, und wird - wie ich gerade merkte - auf vielen Websites geteilt. Nun also auch in meinem Blog.


Carl Spitzweg - Einsiedler vor seiner Klause (1844)
Gemeinfrei - Digitale Sammlung Städelmuseum, Frankfurt am Main
Vom Mönch und dem Brunnen

Ein als Einsiedler im Wald lebender Mönch bekam eines Tages Besuch von einer Gruppe Menschen. Sie hatten schon viel Gutes über ihn gehört und hofften, von diesem Weisen etwas lernen zu können.
Einer von Ihnen fragte: „Was für einen Sinn siehst du in deinem Leben der Stille und Meditation?“

Der Mönch war mit dem Schöpfen von Wasser aus einem tiefen Brunnen beschäftigt. Er sprach zu seinen Besuchern:
„Schaut in den Brunnen. Was seht ihr?“
Die Leute blickten in den tiefen Brunnen und antworteten:
„Wir können nichts erkennen.“

Nach einer kurzen Weile forderte der Mönch die Leute erneut auf:
„Schaut in den Brunnen! Was seht ihr jetzt?“

Die Leute blickten wieder hinunter:
„Ja, jetzt sehen wir uns selber!“

Der Mönch sprach:
„Nun, als ich vorhin Wasser schöpfte, war das Wasser unruhig. Jetzt ist das Wasser ruhig. Das ist die Erfahrung der Stille und der Meditation: Man sieht sich selber! Und nun wartet noch eine Weile.“

Nachdem also eine Zeit verstrichen war, sagte der Mönch erneut:
„Schaut jetzt in den Brunnen. Was seht ihr?“

Die Menschen schauten hinunter:
„Nun sehen wir die Steine auf dem Grund des Brunnens.“
Da erklärte der Mönch: „Das ist die Erfahrung der Stille und der Meditation. Wenn man lange genug wartet, sieht man den Grund aller Dinge.“

 

Es gilt also, unbeirrt weiter zu üben.

Viel gelesen