Mitte März bis 10. April 2020 täglich. Ab 11. April 2020 erscheinen die Beiträge jeden zweiten Tag. Ab Montag, 22. Juni 2020 immer Montag und Donnerstag abends.


Freitag, 22. Januar 2021

Nächtliche Ausgangssperre

"Alle schönen Dinge werden noch unerreichbarer, noch beschränkter, das ist der Sinn des Ganzen" - Artikel über Ausgangssperre

Jetzt passiert's also. Ab Samstag gibt es eine nächtliche Ausgangssperre, von 21 Uhr bis 4 Uhr 30, in den gesamten Niederlanden.

Das hatte man hier zuletzt in der Besatzungszeit im 2. Weltkrieg. Damals ein Disziplinierungsmittel der Deutschen, um den Kontakt der Niederländer untereinander zu beschränken und um Widerstandsak-tivitäten zu unterbinden. Daher war das Thema "Ausgangssperre" in diesem Land bislang ein Tabu. Plötzlich nicht mehr, weil – "die Englische Mutation". Über die Maßnahme wurde im Parlament debattiert. Eigentlich waren viele Parteien dagegen. Lächerliches Schauspiel am Rande: diejenige Koalitionspartei, die absolut und total dagegen war – wodurch es keine Mehrheit für die Maßnahme gegeben hätte – hat sich mit einer halben Stunde länger Draußenseindürfen kaufen lassen (ursprünglich sollte die Sperrstunde um 20 Uhr 30 beginnen). Wie auch immer. Wir erleben erneut eine Maßnahme, von der mir viele Niederländerinnen und Niederländer sagten: das werden sie niemals machen. Nicht in unserem Land.
Doch. Tun sie.

Im Lande hört man bislang wenig Protest dagegen. Manche behaupten: weil sich doch keiner dran halten wird. Noch traut sich der Staat nicht, mit militärischer Härte vorzugehen, wenn seine Bürger eigene Entscheidungen treffen, was sie verantwortet finden und was nicht.

Die Ausgangssperre wird alle treffen. Egal ob Stadt oder Land, dicht bevölkerte Region oder dünn besiedeltes Gebiet. Egal, ob es viele positiv getestete in einer Region gibt oder ganz wenige, ob die Krankenhäuser voll sind oder leer. Ziel der Maßnahme: Man will damit das Bilden von Grüppchen draußen verhindern (illegale Feste oder Geselligkeit) und, dass Leute einander besuchen. Denn einander besuchen, so wird jetzt gesagt, sei der größte Ansteckungsfaktor. "Wir müssen die Kontaktmomente weiter beschränken", so der Ministerpräsident in der letzten Pressekonferenz, in der er die Maßnahme noch vor der Debatte im Parlament ankündigte. Als ob einander nicht auch tagsüber besuchen kann, wenn man es denn will. Es darf jetzt auch nur noch eine einzige Person bei jemand anders zu Besuch kommen. Die vielen Autos, die manchmal vor irgendwelchen Häusern stehen, deren Geschmücktsein auf einen Geburtstag, ein Ehejubiläum oder gerade zur Welt gekommenen Nachwuchs schließen lässt, sprechen eine andere Sprache. Glücklicherweise ist dies hier bislang kein Volk von Denunzianten.

Andererseits, noch immer ist das Thema Homeoffice absolut unterbelichtet, zwar von offizieller Seite immer wieder benannt. Doch vorgestern habe ich ein aktuelles Foto aus einem Vorortzug in der Rush Hour gesehen, in dem die Menschen – alle mit Maske natürlich – gequetscht standen wie die Ölsardinen. Zuhause arbeiten? Lockdown? Wo? Nicht tagsüber, wenn es ums Arbeiten geht. Obwohl noch im Sommer oder Herbst der Ministerpräsident nicht müde wurde, verlauten zu lassen, dass am Arbeitsplatz die meisten Ansteckungen stattfänden.

Mir fällt zu all dem nur noch eines ein: ??? ??? ???

Wie schon die ganze Zeit muss man sehen, seinen eigenen Weg in all dem zu finden.
Momentan konzentriere ich mich wieder vermehrt auf das, was mir die Reizarmut der letzten Monate an Positivem gebracht hat. Noch nie gab es so viel niedrigschwellige Möglichkeiten, sich unkompliziert und ohne auf Reisen zu irgendwelchen Workshops gehen zu müssen, geistig-geistlich inspirieren zu lassen. Ich mache davon regen Gebrauch. Online-Kongresse. Zoom-Treffen. Bergeweise interessante Interviews auf Youtube. Virtuelle Retreats. Und endlich klappt es mit dem regelmäßigen Meditieren.

Der Retreat zu den Rauhnächten zwischen Weihnachten und Dreikönig war so intensiv, dass ich kaum zu etwas anderem kam, und noch immer bin ich im Rückstand mit dem Beantworten meiner Brieffreundinnen-Briefe. Beinahe könnte von Stress die Rede sein. Worüber ich dann doch herzlich lachen muss.

Das Leben ist ein komplett anderes geworden als vor einem Jahr. Vieles hat sich verändert. Manches wird sich noch verändern, denn natürlich ist noch lange kein Ende von all dem in Sicht. Und sowieso sind sich über eines inzwischen wohl alle im Klaren: so wie es bis einschließlich Februar 2020 war, wird es nie mehr werden. Wenn dies alles vorbei ist, wird die Welt eine andere sein.

Wie genau diese andere Welt aussehen wird – keiner weiß es.

Ich persönlich konzentriere mich auf die Chancen, die in all dem liegen. Die Sehnsucht nach dem, was früher war, habe ich verabschiedet. Das hilft auf jeden Fall, das Ganze besser zu durchstehen und kreative, schöne Lösungen für meine jeweiligen Jetzte zu finden.

Manchmal kann auch so ein Video von Jitka Petrova
helfen bei der Stimmungsaufhellung

 

Ich schlage mein "Die Kraft des Jetzt Tagebuch" von Eckhart Tolle auf, das ich letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt bekam. Die Niederländische Ausgabe. Auf der Seite, die ich zufällig getroffen, nicht bewusst gewählt habe steht:

"Geef je zintuigen eens goed de kost. Wees waar je bent. Kijk om je heen. Kijk alleen maar, interpreteer niet. Zie het licht, de vormen, de kleuren, het uiterlijk van de dingen. Wees je bewust van de stillen aanwezigheid van elk ding."

"Nimm einmal so richtig mit allen Sinnen wahr. Sei, wo du bist. Schau dich um. Nur Betrachten, nicht Interpretieren. Nimm das Licht wahr, die Formen, die Farben, das Äußere der Dinge. Sei dir der stillen Anwesenheit eines jeden Dings bewusst."

Genau das.

Montag, 18. Januar 2021

Winter

Es ist Winter. Und was für einer!

Nicht Winter draußen in der Landschaft.
Den gibt es zwar auch, in manchen Gegenden jedenfalls. Bei uns erschien er nur zu einem kurzen Gastspiel. Nach ein paar Stunden Schneeweiß war wieder alles braun, grün, nass, matschig. Das macht eine nicht gerade frohgemut. Doch -

Den strengen Winter, den ich meine, erleben wir draußen in der Gesellschaft. Den erleben wir durch die Maßnahmen und das immer wieder neue Verbreiten von Panik. Die Zahl der positiv Getesteten, las ich heute als Überschrift in der Zeitung, ist so niedrig wie zuletzt im Oktober. Trotzdem sollen jetzt noch schärfere Maßnahmen ergriffen werden. Habe ich auf der selben Zeitungsseite gelesen.
Noch mehr Einschränkung der Bewegungsfreiheit.
Noch mehr Einschränkung der Atemfreiheit.
Noch mehr Kontaktbeschränkung.
Noch mehr Vereinzelung.
Noch mehr Angst.
Noch mehr Verkriechen. Noch mehr Bedrohungsszenarien.

Der Kälte, die sich dadurch ins Herz schleichen will, begegne ich entschlossen mit innerer Wärme.
Herzenswärme gegenüber allen Menschen, mit denen ich auf die eine oder andere Weise Kontakt habe. Sei es telefonisch, per Brief, per mail, beim Spazierengehen, an der Kasse im Supermarkt, bei einer Zoom-Zusammenkunft.

Ein Text von Lothar Zenetti, den ich in einem Büchlein mit Inspirationen für 2021 fand, das ich zu Weihnachten geschenkt bekam, bringt ermutigend auf den Punkt, worum es geht:

Winterpsalm

Die Abbildung stammt aus einem Artikel darüber, wie überlebensnotwendig
Kuscheln für uns Menschen ist.
Es ist jetzt nicht die Zeit, um zu ernten.
Es ist jetzt nicht die Zeit, um zu säen.
An uns ist es, in winterlicher Zeit uns
eng um das Feuer zu scharen
und den gefrorenen Acker
in Treue geduldig zu hüten.
Andere vor uns haben gesät,
andere nach uns werden ernten.
An uns ist es, in Kälte und Dunkelheit
beieinander zu bleiben und
während es schneit, unentwegt
wachzuhalten die Hoffnung.
Das ist es,
das ist uns aufgegeben
in winterlicher Zeit


Donnerstag, 14. Januar 2021

Kein ungelebtes Leben

Von einer lieben Freundin erhielt ich als Impuls zum Jahresbeginn ein wunderbares Gedicht von Davna Markova zugesendet. Diesen Text schreibe ich mir über dieses Jahr 2021:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vorsatz

Ich werde kein ungelebtes Leben sterben.
Ich werde nicht in Angst leben vorm Fallen oder Feuer fangen.
Ich wähle, meine Tage zu bewohnen,
und erlaube meiner Lebensweise, mich zu öffnen,
um mich weniger ängstlich sein zu lassen,
zugänglicher,
um mein Herz zu lösen,
bis es ein Flügel wird,
eine Fackel, ein Versprechen.
Ich wähle, meine Wichtigkeit zu riskieren;
so zu leben, dass das, was zu mir als Same kommt,
als Blüte zum Nächsten geht,
und das, was zu mir als Blüte kommt,
weiter geht, als eine Frucht.

Dawna Markova

 

 

Montag, 11. Januar 2021

Teddys Weihnachten

Jetzt, wo die Heiligen Drei Könige schon ihren Besuch beim Jesuskind hinter sich haben und die Heilige Familie auf dem Weg nach Ägypten ist; jetzt, wo in den Häusern beinahe überall die Weihnachtssachen wieder weggeräumt sind, erzählt uns Teddy, wie er dieses Fest erlebt hat.

Es begann schon im Advent. Er bekam ganz viel Adventspost, diesmal nicht vom Briefträger gebracht, sondern per whatsapp oder facebook.

Bilder, die ihn träumen ließen.
Von weißer Weihnacht.

 

Von gefüllten Nikolausstiefeln.

 


 

Von Tannenduft und Plätzchengenuss. 

 

 

Von einer romantischen Bescherung.


 


Vom gemeinsamen Singen am Adventskranz,
am liebsten zusammen mit anderen Teddys.
Oder Teddyengeln.

 

 

Davon, den Tannenbaum zu schmücken.

 

 


 

Und dann bekam er an Heiligabend das Foto vom geschmückten Tannenbaum in der Wohnung seiner Tante.
Unterm Baum die Weihnachtskrippe aus Kindertagen. 

Teddy fühlte einen dicken Kloß im Hals.
Bei ihm zuhause war von Weihnachten eigentlich beinahe nichts zu merken. Jedenfalls kein geschmückter Tannenbaum.
Und selbstgebackene Plätzchen gab es auch keine. Oder gar Christstollen!
Weder Tannenduft noch Plätzchenluft...
 


Ihm war richtig ein bisschen zum Heulen zumute.
Keine Heiligabendstimmung. Ganz und gar nicht.

Für uns Erwachsene war es, wie ja in den Niederlanden üblich, ein beinahe normaler Abend gewesen.
Ich schäme mich noch heute, weil ich von Teddys Traurigkeit nichts mitbekommen hatte. In meinem Gefühl waren wir auch ganz normal zu Bett gegangen. Teddy aber saß mit langem Gesicht auf seinem Stammplatz und konnte wohl lange nicht einschlafen.

Am nächsten Morgen muss er früh wach gewesen sein. Als ich nach unten ins Wohnzimmer kam, turnte er auf  den Möbeln herum. Glücklich.


 

Er hatte gemerkt, dass es doch Weihnachtliches bei uns zu entdecken gab.
Zunächst musste ich mit ihm zurück nach oben ins Arbeitszimmer, wo auf seinem Thron vom Frühjahr, von dem aus er den Kindern draußen zugewunken hatte, nun ein kleiner Adventskalender seinen Platz gefunden hatte.



Als nächstes gings ins kleine Zimmer nebenan. Dort hatte er den wunderschönen, großen Adventskalender "Weihnachten bei den Tieren im Wald" gefunden.

Stolz posierte er zwischen Adventskalender, dem aktuellen Einhorn und Engeln.
So ließ es sich gut Teddy sein.



 

 

 

Dann zog er mich an der Hand hastig wieder nach unten. Vor der Anrichte stand ein Stuhl, der da normalerweise nicht hingehört. Da kletterte er schneller, als ich 'oho' sagen konnte, hinauf und präsentierte mir den Gabentisch und alle Weihnachtspost, die der Briefträger gebracht hatte. Viele, viele Karten....


Danach durfte ich ihn porträtieren. Mitten zwischen den Karten und Gaben, angetan mit Christbaumschmuck, den er zu Teddyschmuck umfunktioniert hatte.

Tat ich doch gerne.
Auch hatte er die kleine, bronzene Krippe gefunden, die zwischen all den Weihnachtsgaben ihren Platz bekommen hatte.
Die musste mit aufs Bild.



Nächste Etappe: der Schrank gegenüber. Irgendwie war heimlich aus meinem Teddy ein akrobatischer Kletterer geworden. Allmählich frage ich mich wirklich, was er alles so treibt, wenn ich mit anderen Dingen so beschäftigt bin, dass ich rechts und links kaum was wahrnehme...

Nein, keine Angst, mit Feuer spielt er nicht. Die Kerzen hatte ich auf seine Bitte hin angezündet, auch wenn es noch hellichter Vormittag war.
 

 

Hier gab es einen zweiten, allerliebsten kleinen Adventskalender zu bewundern und ein paar zauberhafte Glaskugeln mit musizierenden Engeln darin und einem güldenen Stern.

 


 

 

Die Minikrippe aus der Streichholzschachtel nicht zu vergessen, die bei mir an keinem Weihnachtsfest fehlen darf.

Und dann - nun war er wirklich ein bisschen gerührt - zog Teddy mich in den vorderen Teil vom Wohnzimmer. Dort hatte er den Weihnachtsstrauß gefunden. Ein Weihnachtsstrauß ist zwar kein Weihnachtsbaum. Aber immerhin doch - ein bisschen sowas ähnliches. Mit der Pfote zeigt er auf das Extra-Teddy-Geschenk: ein Spielzeugschlitten. Damit kann man wenigstens Winter spielen, wenn schon draußen keinn Schnee liegt.

 

Danach war Pause angesagt. Teddy war  müde geworden vom Herumturnen und der ganzen Aufregung.

Am Nachmittag kam er dann wieder an. Ausgeschlafen. Auf zu neuen Taten! Aufgeregt hopste er herum, zog an meinem Arm, es half alles nichts, ich musste vom Schreibtisch aufstehen und wieder mit ihm nach unten gehen. Es gab noch Manches zu bewundern.

Draußen war es inzwischen dunkel geworden. Lichtchen waren angeschaltet worden. Im dunklen Wohnzimmer wirkte das total romantisch. Mein zappeliger Teddy wurde ganz still.

Ich solle ihn aufs Cembalo setzen bedeutete Teddy mir. (Er weiß genau, dass bär hier keine Turnübungen machen darf; ein Cembalo ist ein empfindliches Musikinstrument und kein robustes Möbelstück.) Er wollte zu dem kleinen Tannenbäumchen aus Keramik mit einer Gruppe Kinder davor.
Dies Bäumchen haben wir von seiner Stiefoma geerbt. Als sie hochbetagt keinen echten Baum mehr aufstellen wollte und konnte, hatte sie noch immer dies - als Sehnsuchtsanker und Symbol für Weihnachten. Nun ist es für uns eine Erinnerung an sie.

Teddy blieb hier eine ganze Weile sinnierend und in die Lichtchen blickend sitzen.

Als nächstes wollte er aufs Fensterbrett. Und wieder ganz allein eine Zeit lang sitzen und ins Licht schauen. Denken. Träumen. Glücklich sein.

 
 
Auch ohne eigenen Weihnachtsbaum und selbstgebackene Plätzchen kann bär sich weihnachtlich fühlen. Und mensch auch.
 






Wenn dann auch noch die Nachbarn mithelfen und ihrerseits für schöne Weihnachtsstimmung sorgen...

Heimlich still und leise war Teddy aufgestanden und zum anderen Fenster gekraxelt.

So endete ein doch noch schöner erster Weihnachtstag.
In dieser Nicht schlief Teddy herrlich.
Er summte vor dem Einschlafen das Lied "Abends, wenn ich schlafen geh, vierzehn Englein um mich stehn" aus Humperndincks Oper Hänsel und Gretel vor sich hin.
So wohlig fühlte er sich.

Ausgedehnt lang geschlafen haben kann er nicht.

Am nächsten Morgen staunte ich nicht schlecht, als ich nach unten ins Esszimmer kam. Nicht nur leuchtete der Stern vor der der Terrassentür...

Sondern - naja, seht selbst.
Teddy hatte eine Schaukel entdeckt, von der ich noch nicht wusste, dass es eine war.
Ich musste furchtbar lachen, als ich das sah, und konnte ihm mal wieder nicht böse sein.

Selbstgebackene Plätzchen hatte er dann auch noch gefunden. Auf dem Gabentisch. Zwar nicht von mir gebacken. Aber das war nicht so wichtig. Hauptsache: Plätzchen!

Viel gelesen