Mitte März bis 10. April 2020 täglich. Ab 11. April 2020 erscheinen die Beiträge jeden zweiten Tag. Ab Montag, 22. Juni 2020 immer Montag und Donnerstag abends. Ab Montag, 13. Dezember 2021 am Montagabend nach 22 Uhr.


Donnerstag, 9. April 2020

Ausgeliefert



Eine Brieffreundin schrieb mir Ende März, dass sie in der Apotheke ihr vertrautes Präparat zur Behandlung einer chronischen Erkrankung nur noch in einer höheren Dosierung pro Tablette bekommen konnte und die Tabletten nun teilen muss. Im Radio hörte ich vor einer Stunde - und das brachte mich dazu, diesen Text heute online zu stellen – dass aktuell weltweit schwere Knappheit an bestimmten Arzneimitteln besteht. Vor allem solcher, die im Zusammenhang mit der C-Krise benötigt werden. Auf manchen Intensivpflegestationen weiß man sich nicht mehr anders zu helfen als bestimmte Schlafmittel aus der Tiermedizin einzusetzen, weil die Menschen-Arznei nicht mehr zu bekommen ist.
Das Ganze findet statt in einer Situation, in der jedes Land gegen jedes andere konkurriert. Nicht nur die Amerikaner schnappen "uns" Mundschutze weg. Auch europäische Länder untereinander benehmen sich wie Piraten, wenn es um diese knappen Ressourcen geht.

Denn wir produzieren dies alles nicht mehr selbst. Dies gilt vor allem für Medikamente aus erprobten Wirkstoffen, für die die Patentschutzfrist abgelaufen ist. Die Einführung marktwirtschaftlicher Prinzipien im Gesundheitswesen, die Privatisierung des Gesundheitswesens sowie die Globalisierung sind die dahinter liegenden, verursachenden Prinzipien. Seit Mitte der 80er galt im Gesundheitswesen nur noch ein Prinzip: Kosten senken, Kosten senken, Kosten senken. Die fatalen Folgen können wir nun auf allen Gebieten des Gesundheitswesens bewundern, so auch bei der Arzneimittelproduktion. Wo früher Grundstoffe und Medikamente im eigenen Land oder zumindest innerhalb Europas hergestellt wurden, wurde diese Produktion aufgrund der immer mächtiger werdenden "billig, billig"-Mentalität zunächst nach Indien verlagert. Die Medikamente, so lernte ich in der Radio-Sendung, werden noch immer in Indien gemacht. Aber inzwischen werden die Grundstoffe schon nicht mehr dorrt hergestellt, sondern vielfach aus China bezogen. Eventuell werden Halbfertigprodukte auch noch innerhalb Ostasiens hin und her gekarrt. Und das alles passiert "just in time" – so lange bis bei irgendeinem Glied der Kette irgendwas schiefgeht. Dann fällt die gesamte Produktion erst mal still. Und bekommen wir unsere Arzneimittel nicht mehr. Das ist auch vor dem C-Virus häufiger mal vorgekommen, jetzt aber nimmt es weltweit bedrohliche Formen an, und es droht ein gigantischer Verteilungskampf.




Als Kollektiv waren wir uns dieser Abhängigkeiten nicht bewusst. "Irgendwie" hatten wir es zwar am Rande bemerkt: wo einst Fabriken waren, in denen auch Arzneimittel hergestellt wurden – Hoechst z.B. – enstanden inzwischen sogenannte "Industrieparks". Konglomerate von allerlei Betrieben, worunter auch chemische Industrie, aber im allgemeinen keine vor Ort produzierende Pharmaindustrie mehr.
Der Prozess an sich ging schleichend. Man bekam es gar nicht richtig mit. Irgendwann mal in den Nachrichten Meldungen, dass aus Firma A durch Zusammenschluss mit Unternehmen Y aus dem Ausland Firma YA geworden war, und vielleicht später mal, dann schon gar nicht mehr richtig wahrgenommen, dass YA durch feindliche Übernahme von Z aufgekauft worden war und daraus nun Z-Y geworden war. Außerdem spielten die sogenannten Generika*), billige Nachahmer-Arzneimittel eine immer größere Rolle am Markt. Auch das nahm man so am Rande wahr. Irgendwie hatten die meisten der darauf spezialisierten Firmen einen Sitz irgendwo im eigenen Land, ober wo nun die Produktion war? Keine Ahnung. Und auch nie gefragt.

Hinter all dem stecken, wie oben beschrieben: ausschließlich ökonomische Interessen.
Kosten drücken, koste es, was es wolle. Der Preis in diesem Fall: 
die zuverlässige und sichere Versorgung der Bevölkerung mit den notwendigen Arzneimitteln. 
Resultat: totale Abhängigkeit. Von einzelnen Produktionsstandorten. In China und Indien.

Wie konnte es so weit kommen? Fragt sich nun manche und mancher. Tja.

Wieder einmal macht die C-Krise - wie schon bei der klaren Luft, dem streifenlosen Himmel und den immer sauberer werdenden Gewässern - auf eine schwere, gesellschaftlich-politische Fehlentwicklung aufmerksam.
Ob sich die noch zurückdrehen lässt?


*) Marktanteil Generika bezogen auf alle verkauften Arzneimittel in ausgewählten Ländern Europas  2014: Deutschland 81%, Niederlande 71%, Österreich 52%, Großbritannien 84%, Frankreich 30%
Quelle: OECD

Mittwoch, 8. April 2020

Kahl


Zu früh gefreut. Als ich gestern meine Beitrag schrieb, wusste ich noch nicht, was ich nun weiß:

"Glatzen sind jetzt die neuen Trendfrisuren. Männer aller Altersgruppen nutzen die Isolationszeit, um Coiffeure zu spielen und sich obenrum komplett nackt zu zeigen." (Tagblatt St. Gallen, 04. April 2020, heute morgen gelesen.)

Ich begreif' es nicht! Männer, seid doch mal mutig! Behaltet euer Haar! Wovor um Himmels Willen habt Ihr Angst? Angst, die Kontrolle zu verlieren, weil die entstehende Lockenpracht irgendwann nicht mehr mit Gel fest in Form gepappt werden kann und vielleicht ein bisschen hemmungslos aussehen könnte? Warum beraubt Ihr Euch des schönsten natürlichen Schmucks, über den Menschen verfügen?
Habt Mut! Mut zur Fülle!

Samson - Valentin de Boulogne (um 1630)
Manche sagen, sich des Haares berauben bedeutet, dass man sich der eigenen Kraft beraubt.
Die Erzählung von Samson im Buch 'Richter' des Ersten Testaments der Bibel illustriert dies sprechend. Wie auch immer man zur Bibel stehen mag, vielleicht können wir uns darauf einigen, dass sie zu den ältesten Überlieferungen der Menschheit gehört und als solche Ur-Mythen der Menschheit transportiert. Samson war ein starker und schöner Mann des israelitischen Stammes Dan. Und er war bekannt für sein prachtvolles und langes Haar. Außerdem war er unbesiegbar und wurde deshalb gefürchtet. Unbesiegbar blieb er allerdings nur, solange er sein Haupthaar ungeschoren ließ. Dies Geheimnis verriet der verliebte Samson seiner Frau Delila. Die erlag den Bestechungsversuchen der Philister, gab das Geheimnis preis, woraufhin Samson gefangen genommen, geblendet und geschoren wurde. Da die Philister aber nicht daran dachten, dass sein Haar wieder wachsen würde, erlangte er noch einmal seine Kraft und brachte einen Philistertempel zum Einsturz, wodurch er 3000 Philister mit sich in den Tod riss.

Noch Fragen?

Tatsache ist: wer sich seines Haares beraubt, beraubt sich eines Schutzes seines Schädels. Solch ein Haupt ist verletzbarer und ohne künstlichen Schutz allerlei Unbilden ausgeliefert.

Also, Männer, warum  nicht mal abenteuerlustig sein und sich überraschen lassen, wie mann mit längerem Haar und ohne Gelfrisur aussieht?!? 

Längeres Haar wird mit vielen positiven Dingen und Eigenschaften assoziiert. Mit Eigenschaften, die unsere Gesellschaft gerade jetzt nötiger hat als Vieles andere:
Kreativität. Lebendigkeit. Abenteuersinn. Sanftmut. Künstlertum. Lebenswille. Schmuck.Wildheit.
Sinnlichkeit.

Raffaello Sanzio da Urbino - Selbstbildnis
zwischen 1504 und 1506

Sinn-lich-keit! Männer, habt Ihr überhaupt eine Ahnung davon, wie schön es sich für Frauenhände anfühlt, in Eurem Haar herum zu wuscheln? Genau! So wie es sich für Euch anfühlt, uns durch die Haare zu streichen. Habt Ihr eine Ahnung davon, wie schön es ist, sich den Wind durchs Haar wehen zu lassen? Ausprobieren!

Ach, das sieht ungepflegt aus? Unsinn! Es gibt Shampoos wie Sand am Meer. Regelmäßig gewaschen und gekämmt/gebürstet sieht kein Haar ungepflegt aus.


Aber schön.
Schön sieht es aus, wenn Männer ihr Haar länger tragen.
Ich weiß das. Ich habe die späten 60er und die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts miterlebt. und nach Strich und Faden genossen. Jedes. einzelne. Jahr. Jeden. einzelnen. Tag. (Naja, beinahe.)



Männer mit natürlicherweise wenig Haar: Seid nicht traurig, wir lieben Euch trotzdem! 💙💙💙

Dienstag, 7. April 2020

Haarig



Ich stehe mit einem nassen Kamm vor dem Spiegel und kämme mir die Haare aus der Stirn. In der Hoffnung, dass dies eine Weile so bleiben wird. Meine Oma machte das immer so. Aus dem Spiegel schaut mir eine ältere Dame mit welliger, silberfarbener 50er-Jahre-Hausfrauenfrisur entgegen. Mein Partner mit seiner werdenden Künstlermähne hingegen beginnt mich immer stärker an Herman van Veen zu erinnern, haarmäßig gesehen. Oder an den Cembalobauer Cornelis Bom, aber mit diesem Namen werden die wenigsten meiner Leserinnen und Leser ein Bild verbinden.

Wir können alle nicht mehr zum Friseur. Die Haare wachsen und wachsen, bei den einen schneller, bei den anderen langsamer. (Und an der derzeitigen Differenz zur üblichen Frisur lässt sich ablesen, wie nah am nächsten Friseurtermin der Zeitpunkt war, an dem alle Friseure schließen mussten.)

Nachbarinnen bekommen ein anderes Aussehen,  und bei der einen oder anderen muss ich schon jetzt zwei Mal hinschauen: auch so, sie ist das! Eigentlich finde ich das ganz lustig, man schaut ganz neu nach sich und den anderen.

Ein Friseurgeschäft im Dorf bietet für seine Kund*inn*en ein Zuhause-Ansatz-Nachfärben-Set an, mit exakt der Farbton-Zusammenstellung, die beim letzten Mal verwendet wurde. Zusammen mit einer genauen Anleitung. Ich weiß nicht, ob viele davon Gebrauch machen werden. Beinahe hoffe ich, dass nicht. Denn ich bin durchaus neugierig, welche haarfarblichen Überraschungen in den nächsten Wochen zum Vorschein kommen werden. 

Oder wie sich unser aller Frisuren- und damit Mode-"Typ" mit der Zeit verändern wird.
 
Mit Ausnahme der selbstgemähten Glatzen oder Beinahe-Glatzen natürlich. Und derjenigen Männer, deren Haar schon immer von ihren Frauen geschnitten wurde.

Die werden auffallen wie bunte Hunde.


Viel gelesen