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Das Regionalkrankenhaus in Scheemda, wie man sieht: weit weg von allem auf der grünen Wiese gebaut. Hauptsache, Autobahnanschluss in der Nähe.
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Kürzlich hatte ich an einem nebligen Morgen einen Termin bei der Dermatologin. So
wie in den Niederlanden üblich in der Poliklinik im Regionalkran-kenhaus. In
Scheemda. Wie gut, dass ich meinen lieben Mann habe! Dankenswerterweise fuhr er
mich hin, und das, obwohl der Termin völlig quer zu unserem Lebensrhythmus
"in aller Hergottsfrühe" um 8:55 h war.
Mit öffentlichen
Verkehrsmitteln wäre es viel komplizierter gewesen, der Zug verkehrt alle 30 Minuten,
aber der Bus vom Bahnhof zum Krankenhaus nur stündlich; und da man "wegen
Corona" nur maximal 5 Minuten vor dem Termin im Krankenhaus ankommen darf,
hätte ich wohl den Termin neu und mit dem Fahrplan passend absprechen müssen.
Allerdings für die Rückfahrt – wenn es nicht zufällig gepasst hätte mit dem
Bus, hätte ich wohl entweder im Nebel bei 10° draußen warten müssen oder die
Strecke zur Bahn zu Fuß zurücklegen können, in der Hoffnung, zu einem passenden
Moment am Bahnhof anzukommen. Mal so nebenbei über das 'Leben auf dem Land'
gesprochen.
Also, Termin im
Krankenhaus. Natürlich mit Maske, hatte mir eine der dünnsten aus meinem Bestand
herausgesucht. Mein eigenes Sterillium habe ich immer dabei, dann brauche ich
nicht den Druck-mechanismus der "Flasche für alle" im Eingangsbereich
zu betätigen. Natürlich muss ich mein Desinfektionsmittel schön auffällig und öffentlich benutzen, damit die reichlich am Eingang verteilten Wachleute auch
sehen, dass ich mich an die Regeln halte.
Im beim Einchecken
zugewiesenen Gang
der Poliklinik angekommen, wurde ich sofort aufgerufen. Auf
den Wartestühlen, normalerweise alle besetzt, saßen ein paar vereinzelte
Menschen im empfohlenen 1,5-m-Abstand. Anders als normalerweise, ist mit der
Maske im Gesicht und unter den Abstandsregeln jede/r im eigenen Kokon eingesponnen.
Man grüßt nicht mehr, schaut auf sein Handy oder stiert ins Leere.
Im Sprechzimmer
machte ich erneut Bekanntschaft mit der hier allen Patienten gegenüber üblichen
ausgesuchten Höflichkeit – und erlebte die (darüber gleich mehr) in den letzten
zwei Jahrzehnten wieder eingekehrte, enorme Schamhaftigkeit.
Die sehr
freundliche Assistentin klärte mich auf: ich sei ja zur Kontrolle meiner Haut
hier, dazu würde mich die Ärztin gerne unbekleidet in Augenschein nehmen – wenn
ich damit einverstanden sei.
Ich: Davon gehe
ich eigentlich aus!
Sie: Schön, dass
Sie das so sehen. Es gibt immer wieder Leute, die das nicht wollen.
Ich: ???
Dann kam, was ich
schon kannte: Klamotten bitte aus bis auf BH und Slip, und auf der mit Hygienepapier
abgedeckten Liege sitzend Platz nehmen. Die Ärztin käme gleich. Es gibt bei
diesen Kontrollterminen kein Vorgespräch, aber darüber wunderte ich mich schon
nicht mehr, das kannte ich ja schon. Optimierung im Spar-Gesundheitswesen.
Sicherheitshalber
behielt ich meine Kniestrümpfe und Schuhe erst mal an.
Wer nicht
kam, war die Ärztin.
Allmählich wurde
mir kühl, und ich war froh, dass ich Schuhe und Strümpfe an hatte. Gerade hatte
ich mir zusätzlich mein wollenes Maxi-Strickkleid wie ein wärmendes Tuch um den
Oberkörper geschlungen, erschien die Assistentin wieder: es dauere leider noch
mit der Ärztin. Ob es mir nicht zu kalt würde? – Doch, genau das! – Oh,
vielleicht können Sie sich einen Pullover umhängen? – Habe ich gerade schon
getan. Mein Kleid als Schultertuch. – Gute Idee! Bitte entschuldigen Sie…
Nach weiteren
zwei, drei Minuten – ich war wirklich dankbar für die Wärme des oversized
Yak-Wolle Kleides – klopfte es, und die Ärztin kam herein. Eine junge Chinesin,
dem Gesicht nach. Dem Akzent nach in Brabant aufgewachsen. Eine ausgezeichnete Chirurgin übrigens, das hatte ich im vergangenen Jahr erfahren.
Die Begutachtung
nahm ihren Lauf. Ich wies auf dies und jenes hin, alles harmlos, und und ich wunderte mich, wie sie das alles hinbekam, ohne mich auch nur
ein einziges Mal zu berühren. Ob ich auch die Kniestrümpfe ausziehen solle?, fragte ich sie. – Ja, das
wäre schon praktisch. Gesagt, getan.
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Durch eine Schmerzpuppe musste ich mich dann doch nicht vertreten lassen
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Am Rücken hob sie
die BH-Rückseite etwas an – ha! doch eine Berührung! – und ich fragte, ob ich
den BH nicht ausziehen solle, dann könne sie doch besser gucken. – Oh nein, das
sei nicht nötig. Sie machten es immer so, dass die Patientinnen den BH anbehielten.
Unterdessen war
sie beim Begutachten meiner Vorderseite angelangt.
Ob sie nicht auch die Haut
an und unter den Brüsten sowie seitlich der Brüste sehen müsse? Nein. Normalerweise
behalten Patientinnen den BH an. – Ooch, das mache mir nichts aus, ich gehöre
zu einer Generation, die damit nicht so Probleme hat. Sonst könne sie doch gar
nicht alles sehen?... – Wenn ich unbedingt darauf bestünde, meinen BH
auszuziehen, könne ich das natürlich tun, aber üblicherweise…. – Kam es in
einem Tonfall, als ob ich ein unsittliches Verlangen an sie gerichtet hätte.
Ich verzichtete
dankend.
Bezüglich Slip
das gleiche. Ich zog ihn zu schmalen Streifen zusammen wie bei einem
Mini-Bikini, damit sie alles an den Hüften und am Unterbauch gut sehen könne. Sie schreckte
zurück wie wenn sie an eine heiße Herdplatte gefasst hätte. Nein, nein, das sei
nicht nötig! Normalerweise…. usw.
Das kenne ich aus
Deutschland deutlich weniger schamhaft. Ich bin doch aus
medizinischen Zwecken da, bei einer Ärztin zumal, Frauen unter sich!
Innerlich
kopfschüttelnd begann ich - die Begutachtung war vorbei - mich wieder anzuziehen. Nicht besonders beunruhigt,
was die ungesehenen Stellen meiner Haut betrifft, ich habe nur sehr wenige
Leberflecken u.ä., und habe auch nie in meinem Leben ausdehnte Nackt-Sonnenbäder
genommen. Viel zu helle Haut. Aber natürlich kann auf diese
chinesisch-niederländische Sicht-Weise theoretisch schon etwas übersehen werden…
Nun durfte ich
mich noch an einem der in der heutigen Zeit so gebräuchlichen Euphemismen
freuen. Nach eingehendem Studium meiner Daten am PC nämlich kam sie mit der
"frohen Botschaft": "Sie brauchen nächstes Jahr nicht mehr zur
Kontrolle zu kommen! Es ist nicht nötig, dass Sie noch einmal hierher kommen.
Das ist doch schön!" – Statt in Freudentaumel auszubrechen, fragte ich:
"Ich brauche nicht. Aber darf ich denn?" – Oops! ich
hatte das Manöver durchschaut. Sie zögerte. Einen Moment zu lang. "Also,
wenn Sie unbedingt wollen……… dann können Sie nächstes Jahr nochmal
kommen." – "Ja, gerne, weil ich nämlich seit 2008 immer wieder mal einen
dieser (relativ ungefährlichen, aber doch nicht guten) Flecken hatte." – "O.k.,
dann bekommen Sie ca. in einem Jahr wieder einen Aufruf zur Kontrolle." – Verabschiedung. Weg war sie.
Ich war noch beim
Ankleiden, da kam die Assistentin wieder in den Raum, tat das Papier weg, auf
dem ich gesessen hatte und desinfizierte die Liege. Währenddessen memorierte
sie für mich "In einem Jahr bekommen Sie den Termin wieder zugesandt. Und
wenn Ihnen zwischendurch was auffällt, rufen Sie ruhig an." – Ich:
"kann ich dann direkt hier bei der Dermatologie mich melden und muss nicht
erst zur Hausärztin?" – "Wenn es innerhalb des einen Jahres ist, dann
schon."
Es ist hier
nämlich so: wenn im nächsten Jahr der Check so gut ausfällt wie dies Jahr, ist der
"Fall" abgeschlossen. Dann ich muss in einem eventuellen
Wiederholungsfall erst wieder durch das Nadelöhr "Hausarztpraxis".
Spar-Gesundheitswesen.
Und so zog ich
von dannen, von hinter meiner Maske den hinter ihren Masken versteckten
Wartenden bewusst mit Blicken zulächelnd. Das will ich mir angewöhnen: die Maskierten
explizit anzuschauen und Kontakt mit ihnen aufzunehmen.
Auf dem Weg zum
Auto merkte ich, dass ich mich enorm beschwingt fühlte. Nicht nur wegen des
"ohne Befund". Sondern vor allem, weil ich endlich mal aus meinen
vier Wänden herausgekommen und unter – wie versteckten auch – Menschen gekommen
war! Betriebsamkeit erlebt, mit anderen Menschen als dem eigenen Partner kurz
ein paar Worte gewechselt hatte.
25 Minuten mal
keine Isolation.
Es sind schon
komische Zeiten… in denen man von einem Besuch in der Poliklinik Glücksgefühle
mit nach Hause nimmt!