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Donnerstag, 18. März 2021

Geraubte Stunde

Mit diesem wunderbaren Bild illustriert die Berner Zeitung ihren Artikel zum Thema
Der März schreitet fort. Unerbittlich kommt der Tag näher, an dem uns wieder eine Lebensstunde geklaut wird. Die wir erst nach sieben Monaten zurück erhalten. Es ist - neben der Tatsache, dass dies überhaupt passiert -  zusätzlich eine Unverschämtheit, dass der Zeitraum mit der vor-verschobenen Zeiteinstellung länger dauert als der zeitliche Normalzustand. Länger also als die Erholungspause, in der man wieder dem natürlichen Rhythmus gemäß leben darf. Dieser Zeitraum, in dem die Tagesstunden-Einteilung dem tatsächlichen Sonnenstand optimal angenähert ist, ist mit fünf Monaten einfach zu kurz. Gerade erst gewöhnt man sich daran, dass es nun morgens schön früh hell ist, und schon wird man wieder in ein Erleben katapultiert, bei dem man beinahe zum Frühstück noch Kunstlicht braucht. Ganz zu schweigen davon, dass es "Mittag" zu Lichtverhältnissen und einem Sonnenstand sein wird, der dem späten Vormittagsgefühl entspricht. 

Nachdem ich letztes Jahr den inneren Widerstand gegen diese Sache aufgegeben hatte – was tatsächlich zu verminderten Problemen in der Anpassung an das Unnatürliche geführt hat – habe ich mir für dies Jahr etwas Weiteres vorgenommen, um den Zeitumstellungs-Schock, den mein Körper jedes Mal erleidet, schon mal zu antizipieren.

Bereits seit einiger Zeit bemühe ich mich nach Kräften, eher zu Bett zu gehen und dann auch entsprechend eher aufzustehen. Lustigerweise hat mein guter Freund jenseits der Grenze die gleiche Idee gehabt. Vor wenigen Tagen haat er mir davon erzählt, dass er es die kommende Zeit so handhabe, dass er früher Schlafen gehe. Da hatte ich mich gerade kurz vorher entschlossen, der davor noch vagen Idee Taten folgen zu lassen.

Diese Taten fallen mir nicht wirklich leicht. Zunächst mal das Ganze um eine halbe Stunde verschieben – hatte ich mir vorgenommen.

Erstes Hindernis auf dem Weg: nun kommt unser gemeinsamer Rhythmus aus seinem Tritt. Erst eine halbe und später eine Stunde vor dem üblichen gemeinsamen, abendlichen Umzug ins Schlafzimmer muss ich mich von meinem lieben Mann in die Nacht verabschieden. Da wir ganz oft abends unterschiedliche Dinge tun, die eine hier, der andere dort im Haus, ist diese abendliche Gemeinsamkeit ein schönes Ritual, wieder zusammen zu kommen.

Aber gut, es ist ja nur für eine begrenzte Zeit.
Danach steht auf der Uhr 00:00 h in einem Moment der Erdumdrehung, in dem da heute noch 23:00 h steht, und alles läuft wieder parallel. Mein Mann nämlich hat keinerlei Probleme mit der Zeitumstellung und lebt, was das betrifft schlicht nach der Uhr. Am ersten Sonntag nach der Umstellung schläft er genauso lang wie immer und steht dann halt nach Uhr plusminus eine Stunde später auf als sonst, aber abends ins Bett geht es dann wieder nach der Uhr, wenn seine Lieblings-Magazin-Sendung im Radio zuende ist.

Das nächste Hindernis: so "früh" bin ich einfach nicht müde! Auch nachdem ich meine üblichen Abendverrichtungen entsprechend vorverlegt habe und es tatsächlich schaffe, eine halbe Stunde früher im Bett zu liegen, liege ich da glockenhell wach – und lese dann halt länger. In den ersten Tagen tatsächlich so lange, dass ich noch munter am Lesen war, als mein lieber Gefährte sich zu mir gesellte. Gestern ist es mir zum ersten Mal gelungen, wirklich vor Mitternacht bereits zu schlafen. Wohlgemerkt, Mitternacht wird nach der neuen Zeit 1:00 Uhr sein…

Auch mein Ess-Rhythmus, jedenfalls der Rhythmus meines Appetits, will und will sich nicht freiwillig vorverlegen lassen. Mittags geht das ja noch einigermaßen. Aber schon um 19 Uhr das warme Abendessen fertig zu haben und am Tisch zu sitzen anstatt zwischen viertel vor acht und acht am Abend, ist eine Herausforderung. Es bedeutet, gegen den Appetit zu kochen und gegen den Appetit zu essen.

Dies ist aber unumstößlich notwendig, will ich das frühere Schlafengehen auch nur ansatzweise hinkriegen. Denn,
das dritte Hindernis: neben dem Vormittag ist der Abend seit jeher meine produktivste, kreativste Zeit. Nach dem Abendessen kommt nochmal ein richtiger Schub von Wachsein, Aufmerksamkeit, Ideenreichtum, Energie. Normalerweise bleibt der auf hohem Niveau bis etwa gegen Mitternacht.

Aus dem genannten Artikel der Berner Zeitung, hier in Gänze zu lesen
In den Nachmittagsstunden des Tages ist mit mir noch nie viel los gewesen; zwischen eins und fünf bin ich k.o., müde, erholungsbedürftig. Die optimale Zeit für den täglichen Spaziergang, für Schmökerstunden, um Videos zu schauen, aber nicht, um schöpferisch und wirklich aktiv sein zu können. Wenn man so will, habe ich einen natürlich-südlichen Rhythmus mit Siesta. Und das, obwohl ich ansonsten wirklich eher ein Nord-Mensch bin.

Für die Sommerzeit jedenfalls muss ich diesen Rhythmus dringend um eine Stunde vorververlegen, will ich nicht den ganzen Sommer bis tief in die Nacht-Stunden (laut Uhr) wach sein. Ganz sicher die schwierigste Teil-Aufgabe dieser Lebens-Umstellung, der Anpassung an die andere Uhr-Zeit.

Nun bleibt mir noch eine einzige Woche, um sogenannt frei-willig daran etwas zu drehen. Und von der halben Stunde zu einer Stunde Vorverlegen meiner Nachtruhe-Rituale über zu gehen.

Ab kommenden Sonntag wird es mir aufgezwungen, und not-gedrungen wird sich mein Körper so gut wie möglich anpassen. Gesund ist das nicht. Und ich werde, um das Schädlich zu minimieren, wieder alles tun, um jedweden inneren Widerstand dagegen aufzulösen.

 

Das diesjährige Experiment der selbst auferlegten, allmählichen Zeit-Umstellung hat mir schon jetzt die interessante Erfahrung vermittelt, wie unnatürlich das Ganze ist und wie viel Beharrungsver-mögen der natürliche, eigene Rhythmus hat.
Was ja an sich ein ausgesprochen gutes Zeichen ist. Die Natur ist stark!

1 Kommentar:

  1. Wenn mans ganz genau nimmt, müsste uns doch eigentlich mehr diktiert werden als eine Stunde. Es gibt ja seit mehreren Jahren das Ungleichgewicht 7 Monate künstliche Zeit gegenüber 5 Monaten biologischer Zeit. Zum in Relation setzen und ausrechnen fehlt mir definitiv die Lust dazu.

    Man könnte sich da auch so spannende Fragen stellen, wie :"Wie feiern die Menschen, die z.B. am 2.April 1976 zwischen 23:00 Uhr und 23:59 Uhr geboren sind?" 1977 gabs die Zeitumstellung. "Wann sind die denn dann geboren bzw. sollen sie weiterhin am 2.4. feiern oder am 3.4., weil nun umgestellt korrekt?". Und weiter, wenn die Staaten beschließen, dass die Bevölkerung abstimmen darf, welche Zeitform sich haben wollen - künstliche oder biologische Zeit -, die Bevölkerung sich für künstliche Zeit entschidet, weil länger hell, ändern sich die Geburtsdaten all derer, die nach der ersten Zeitrücksetzung zwischen 23:00 und 23:59 Uhr geboren sind? Und wenn die Menschen sowas beschließen, wie werden sie reagieren, wenn ihnen in der Weihnachtszeit sichtbar bewusst wird, dass es erst gegen 9:30 Uhr hell wird?

    Die Kinder, die mit Zeitumstellung groß geworden sind, haben keine Vergleichsmöglichkeiten. Das ist so wie DM und Euro oder mit BRD und DDR. Das jetzt herrschende ist Normalzustand.Die chronobiologischen Konsequenzen werden sie trotzdem zu spüren bekommen, denn dem Organismus ists egal was irgendwelche verkopfte Menschen entscheiden. Er richtet sich nach seinem inneren Programm und dauernd dagegen anzukämpfen wird dann seinen Preis haben. Die Pharmaindustrie wirds freuen. Die passende Pille oder den passenden Saft und alles ist wieder in Butter. Zum Glück gibts ja dannn auch was für die Nebenwirkungen der Nebenwirkungen gegen deren Nebenwirkungen von anderen Nebenwirkungen usw 2bcontinued. Schließlich wollen die Aktionäre Dividenden sehen.

    Anstatt der üblich gebräuchlichen Begriffe, die ich als manipulativ einstufe, verwende ich lieber biologische und künstliche Zeit, weil das für mich passender und aussagekräftiger ist. Soweit dazu.

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