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Donnerstag, 26. August 2021

Zwischenfazit

Aktueller (13. August 2021) Stufenplan der niederländischen Regierung zur sogenannten
Aufhebung der Maßnahmen
18 Monate, eineinhalb Jahre geht das jetzt schon, dieses ganze C-Chaos. Und kein Ende absehbar. Seitens der Politik und vieler Medien wird, jedenfalls in Deutschland, geunkt und gewarnt, gedroht und gestraft, manches belohnt, viel beschimpft, etikettiert und ausgeschlossen. Schön ist anders. Angenehm ist auch anders.

Viele Menschen haben dies alles einfach vorn und hinten, oben und unten, rechts und links, schlichtweg komplett: satt.

Die Politik in den Niederlanden versucht, diese emotionale Lage durch in Aussicht gestelltes, allmähliches Zurückdrehen der Maßnahmen zu entspannen. In der nebenstehenden Übersicht wird der der Bevölkerung präsentierte Stufenplan dargestellt.

Bis 19. September bleibt alles, wie es zur Zeit ist. Ausnahme: weiterführende Schulen und Hochschulen, wo die eineinhalb-Meter-Regel ab 30. August aufgehoben wird, aber dafür Maskenpflicht besteht und eine Begrenzung auf 75 Anwesende pro Hörsaal.

Ab 19. September scheint es beinahe ein Schlaraffenland zu werden. Auf den ersten Blick werden alle möglichen Einschränkungen aufgehoben. Eine Menge Icons sind auf dem Plakat durchgestrichen.
Eigentlich aber ist es eine Verschlechterung, denn bislang darf man fast überall ohne getestet-genesen-geimpft-Nachweis hin. Halt mit eineinhalb Meter Abstand. Nach dem 19. September wird die Begrenzung der Maximalanzahl Menschen pro Raum aufgehoben, wird die eineinhalb-Meter-Regel aufgehoben, fällt die Maskenpflicht, fällt die Sitzplatzpflicht im Gastgewerbe, fällt das Verbot für Events. 
Aber
: überall, wo mehr als 75 Menschen zusammenkommen, egal ob drinnen oder draußen, gilt ab diesem Moment die 3g-Regel.  Essen im Restaurant (wenn dort mehr als 75 Menschen sitzen können): nur noch g-g-g. Auch im Wirtshausgarten. Zur Zeit kann jeder jedes Restaurant besuchen. Zur Zeit kann auch jeder in jedes Museum. Zwar mit Zeitschloss, aber ohne Maske. Das Orgelkonzert letzten Sonntag, bei dem ich dann doch nicht war, hätte ich ohne Anmeldung und einfach so besuchen können. Zum Beispiel.

Die "Verbesserungen" per 19. September werden darüber hinaus nur dann durchgezogen, wenn der Impfprozentsatz hoch genug ist und die Intensiv- und Krankenhausbettenauslastung im Rahmen bleibt. Wobei jedenfalls auf dieser Übersicht keine Zahlen stehen, die ein Maß dafür angeben.

Die Soziologin in mir stellt fest: geschickter Schachzug. So führt man eine Impfpflicht durch die Hintertür und die Diskriminierung derjenigen, die sich nicht impfen lassen ein in einem Land, in dem aufgrund eines nicht ganz unbedeutenden Anteils bibeltreuer Christen traditionell ein definierter Prozentsatz von Menschen grundsätzlich keine Impfungen machen lässt. In einem Land also, in dem bislang Diskriminierung Ungeimpfter aus Gründen religiöser Toleranz (in den Niederlanden ein hoher Wert) ein No-Go war.

Zum 1. November, so der symbolische Schinken, der der Bevölkerung vor der Nase hergezogen wird, sollen dann – wenn die Zahlen es zulassen, also genug Geimpfte plus wenig Krankenhausauslastung durch Patienten mit Covid-Diagnose – alle Maßnahmen fallen. Nun weiß aber inzwischen jedes Kind, dass spätestens ab dem Herbst die Erkältungs- und Coronviren-Saison beginnt…

Derweil gibt es an anderen Stellen durchaus Erfahrungen von einigermaßen Normalität zu machen. Ein monatliche zusammenkommendes Gremium, in dem ich Mitglied bin, hat sich gestern zum zweiten Mal seit Beginn und Ende der Lockdownerei wieder 'in echt' getroffen. Es ist schon eine besondere Erfahrung, sich nun wieder im großen Karree im Sitzungsraum zu versammeln und einander nicht nur auf dem Bildschirm zu sehen, sondern wirklich zu erleben. Mit Körpersprache, Atmosphäre, Ausstrahlung. Auch meine spirituellen Gruppen treffen sich weiterhin, eine heute, die nächste am Montag. Allmählich nehmen auch wieder alle teil, auch die, die noch vor wenigen Wochen Bedenken hatten. Ein schönes, lebendiges Gefühl, wieder mehr Menschen wirklich begegnen zu können.

Auch die Tatsache, vorläufig in jeden Laden, jedes Restaurant einfach so und mit freiem Gesicht, wie im echten Leben, hineinspazieren zu können und einzukaufen oder zu speisen, genieße ich jedes Mal wieder nach Strich und Faden. In den Zügen, die hier außerhalb der Stoßzeiten meistens eher dünn bevölkert sind und in denen fast nie ein Zugbegleiter anwesend ist, haben immer mehr Fahrgäste die Masken auf Halbmast oder ganz ab. Der nächste Fahrgast sitzt doch viele Meter von einem entfernt. Warum nicht? Man erntet mit halb oder ganz freiem Gesicht vielleicht erstaunte Blicke. Aber sagen würde – jedenfalls hier in Groningen - nie jemand etwas. Auch der Lokführer nicht, der wahrscheinlich die Kamerabilder aus dem Fahrgastraum sehen kann.

Auf der anderen Seite ist die Polarisierung in der Gesellschaft nicht zu übersehen und nicht zu überfühlen. Jemand, der im Lauf der gestrigen Sitzung so en passant fallen ließ, nicht geimpft zu sein, erntete erstaunte Blicke. Aber immerhin – anders als es mir aus Deutschland berichtet wird – keine inquisitorischen Fragen. Jedenfalls nicht im Plenum.

Freundschaften zerbröseln, wenn nicht alle Beteiligten sich sehr viel Mühe geben, dem Gegenüber seine subjektiven Entscheidungen zuzugestehen und das Gegenüber mit seiner Entscheidung in seiner Würde zu lassen. Sobald eine Seite die andere unbedingt überzeugen will von dem, was sie selbst als unverbrüchliche Wahrheit für sich erkannt hat, wird es ungemütlich. Oder unerträglich.

Jedenfalls vergiftet es die Atmosphäre. Und dies Vergiftete ist leider an vielen Stellen zu spüren.
Mich erschöpft das ungemein. Und es macht mich traurig.

"Faust und Gretchen, Marthe und Mephisto im Garten", Theodor Pixisw 1863
Freies Deutsches Hochstift / Goethemuseum Frankfurt am Main © Miteigentum
der BRD / Ursula Edemann (Crative Commons BY-NC-SA)
"Sag, Heinrich, wie hältst Du's mit der Injektion?" würde Gretchen Faust wohl heutzutage in Marthes Garten fragen. Dass jahrelange Freundschaften oder auch Familienbande und Liebesbeziehungen bedroht werden oder zerbrechen, weil man einander nicht mehr richtig nah sein kann, nachdem Beteiligte unterschiedliche Antworten auf diese Frage gefunden haben, tut mir enorm weh. Im Freundeskreis habe ich das inzwischen ein paar Mal erlebt. Wobei mir auffällt, dass es oft eher die Älteren, über 60-jährigen sind, die sich gegen die Injektion entscheiden, und die jüngere (Kinder-)Generation dies nicht akzeptieren kann. Töchter in den 30ern, die nicht mehr mit ihrer Mutter reden, weil sie "eine Verschwörungs-gläubige" ist, oder die die eigenen Kinder extra impfen lassen, um den eigenen Eltern zu zeigen, wie gut sie selbst sich an alles Verordnete halten – nie hätte ich mir (alp)träumen lassen, dass ich so etwas einmal im eigenen Umfeld mitmachen würde.

Anders, als uns das schöne Dokument der niederländischen Obrigkeit vermitteln will, ist für all dies kein Ende abzusehen. Jede und jeder muss einen Weg finden, damit zu leben. Möglichst im inneren Frieden damit zu leben. Möglichst so damit zu leben, dass einem die Hoffnung erhalten bleibt, die Zuversicht erhalten bleibt, das Vertrauen in das Leben erhalten bleibt. Möglichst grübelfrei zu leben.

Kürzlich habe ich in einem Videogespräch zwischen Sonja Ariel von Staden und Susanna Suter  (ab Minute 7:00) einen für mich mit meinem kleinen Park hinterm Haus sehr praktikablen Tip zur ersten Hilfe bekommen für Momente, in denen "die Gedankenpferdchen dann mal wieder total durchdrehen": eine Geh-Meditation. Sonja beschreibt: "Ich gehe sehr schnell, und ich lasse alle unnötigen Gedanken hinter mir."  Gemeint ist damit, sie wirklich im Wortsinn hinter sich zu lassen, von ihnen weg zu gehen.

Quelle http://clipart-library.com/clipart/720830.htm
"Und am schönsten ist, wenn dann auch noch ein Wind kommt, sich in den Wind zu stellen und dann zu sagen: so, der Wind darf jetzt mal den Müll aus meinen Gedanken wegtragen, damit nur die Gedanken übrig bleiben, die jetzt wichtig sind. Die mich fördern. Die mir Lösungen liefern. Und die helfen, gute Entscheidungen zu treffen."

Gut, dass ich das jetzt aufgeschrieben habe. Dann bleibt es besser im Gedächtnis, und die Chance steigt, dass ich es wirklich tue, wenn die Pferdchen anfangen zu galoppieren.

 

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