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Donnerstag, 4. Juni 2020

Böse Alte

Als Kind begegnete ich in meiner Umgebung manch einer “bösen Alten”.  Das waren ältere Frauen, denen wir lieber aus dem Weg gingen oder die wir auch, glücklicherweise selten (sage ich heute), zusammen mit anderen Kindern ärgerten. Unsere Mutter versuchte, uns begreiflich zu machen, dass es für dies ‘Bösesein’ einen Grund geben musste. Vielleicht seien diese Frauen sehr einsam. Oder sie hätten im Krieg viel mitgemacht.

Heute schaut mir aus dem Spiegel oft genau solch eine böse Alte ins Gesicht. Ich blicke in ihre traurigen, zutiefst ernüchterten, auch ängstlichen Augen und verstehe.

Es gibt einen Moment im Leben, ab dem hat man zu viel gehört, gesehen, kapiert – braucht es nicht einmal selbst mitgemacht zu haben – und kann nicht mehr einfach so, 'glücklich und zufrieden' in den Tag hineinleben. Es sind zu viele Zusammenhänge klar und bewusst, und bei einem Ding, das passiert, sieht man sofort alle möglichen Konsequenzen vor sich, die das haben könnte für.... im Zweifelsfall das globale Leben. Der C-Virus-Wahnsinn hat dem allem einen zusätzlichen Schub gegeben.

Ab jenem Moment wird es innerlich anstrengend.
Jedes Mal, wenn ich mir der bösen Alte bewusst werde, die mich da anschaut, beginne ich, gegen zu steuern. Gar nicht so einfach, wenn es heute hier zwickt, morgen dort zwackt und übermorgen ein anderer Teil des Körpers nicht so will, wie er soll. Und man sich aufgrund der eigenen Geschichte fragt, wie ernst das nun sei.
Dazu kommt die ständig von außen geschürte Angst, dass man sich noch immer überall anstecken könne, und jeder Nieser und jedes belegte Gefühl auf den Bronchien – eigentlich meine chronischen Begleiter – löst Panikanfälle aus. Trotz aller Meditationen und Übungen.

Und so kann ich aus tiefster Seele nachvollziehen, was in unserer schon lange verstorbenen, ehemaligen Nachbarin aus dem 2. Stock des gegenüberliegenden Hauses im 2. Stock umgegangen sein mag, die immer wieder mal ihren schimpfenden Kopf aus dem Fenster steckte, wenn erneut jemand Schellekloppen bei ihr gemacht hatte. Ab einer bestimmten Phase im Leben ist alles einfach nur viel, und das Schlimme ist, dass man sich manchmal nur mühsam noch Schönes vorstellen kann, das einen überrascht und dem Leben Glanz und Strahlen verleiht.

Das ist alles andere als spirituell erleuchtet.
Aber ein Fakt in der Empfindungswelt einer "bösen Alten".


Frau Fischer hatte zwei Katzen, die ihr Ein und Alles waren und die stillsitzend in der Einkaufstasche auf Rädern mit spazierengingen.

Ich kann gut begreifen, was in dieser Frau vorging.

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