Mitte März bis 10. April 2020 täglich. Ab 11. April 2020 erscheinen die Beiträge jeden zweiten Tag. Ab Montag, 22. Juni 2020 immer Montag und Donnerstag abends. Ab Montag, 13. Dezember 2021 am Montagabend nach 22 Uhr.


Sonntag, 23. Mai 2021

Spahnwahr... äähhm.... Sparwahn

Wohin der Sparwahnsinn im Gesundheitswesen geführt hat, durften wir im gesamten letzten Jahr
ausführlich bewundern. Es rächte sich der hart vorangetriebene Abbau von Krankenhausbetten in den vergangenen Jahren sowie die Tatsache, dass seit Jahren nichts ernsthaft unternommen wurde gegen den strukturellen Pflegekräftemangel, vor allem auch in der intensivmedizinischen Betreuung. Es wurden im Lauf des Pandemiejahres selbst noch mehr Betten abgebaut, auch viele Intensivbetten: 20 Krankenhäuser wurden aus ökonomischen Gründen im Lauf des Jahres 2020 geschlossen. Hier in den Niederlanden existierten grundsätzlich viel zu wenige Intensivbetten (hier wurden in den letzten Jahren unzählige Krankenhäuser geschlossen und zusätzlich Intensivbetten in den übrig gebliebenen Kliniken abgebaut). Und dann ist da noch in Deutschland seit 18.11. 2020 ein Irrsinnssystem in der Vergütung: Krankenhäuser erhalten nämlich bei einer Auslastung von 75% ihrer Intensivstationen Ausgleichsgelder aus der Liquiditätsreserve Gesundheitsfonds. 
Auslastung kann man, wenn Patienten fehlen, durch Bettenabbau generieren…
Ab November 2020 sind bis Ende des Jahres
etwa10.000 Intensivbetten verschwunden und ist so der Auslastungsgrad gestiegen, bei das ganze Jahr hindurch gleich bleibender absoluter Anzahl an belegten Intensivbetten.

Wie die Musik im Gesundheitswesen spielt, vor allem rund um die Krankenhäuser, ist schon 1997 entlarvend im Deutschen Ärzteblatt ausgedrückt worden: „Das im Gesundheitssystem erbrachte Leistungsspektrum orientiert sich primär — völlig zu Recht — an den wirtschaftlichen Überlebenschancen der Leistungserbringer und nicht an den Bedürfnissen der Leistungsnehmer.“
Mit "Leistungsnehmer" sind die Patienten gemeint. Diejenigen, für die Krankenhäuser eigentlich einmal gedacht waren.

Aktuell darf ich die Auswirkungen des Vorrangs der Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen im eigenen Umfeld erleben.

Groß geworden bin ich in einer Zeit, die geprägt war von der zunehmenden Professionalisierung in der Gesundheitsbetreuung und -versorgung. Bei körperlichen Beschwerden ging man selbstverständlich zum Arzt, anstatt lange zuzuwarten, ob es sich vielleicht von selbst regelt. Das Bewusstsein war in den Köpfen angekommen, dass es nicht gut ist, Dinge zu verschleppen. Wenn etwas Ernstes war, eine Operation nötig war oder die Behandlung einer schweren Krankheit, wurde man ins Krankenhaus eingewiesen und dort so lange behandelt, gepflegt und versorgt, bis der akute Verlauf genesen war. Zuhause rekonvaleszierte man noch, um die Genesung abzurunden.

Nach einem Eingriff blieb man so lange, bis die Wunden gut verheilt waren, wurde gut versorgt und vor allem wurde der Verlauf der Heilung durch fachlich geschultes Personal täglich beobachtet und kontrolliert. Abweichungen konnten sofort festgestellt werden und man konnte rechtzeitig eingreifen. Verbände wurden professionell und sicher mit sterilem, passendem Material gewechselt.

Wenn auch ein Aufenthalt im Krankenhaus selbstverständlich nie 'schön' war - im Grunde war es doch auch eine für Genesende und Angehörige entspannte Situation. Man wusste sich selbst bzw. seine Lieben in geschulten Händen und konnte in Ruhe genesen bzw. rund um die täglichen Besuche beim kranken Familienmitglied einen einigermaßen normalen Alltag leben.

Heutzutage lohnt sich diese Art Pflege nicht mehr für die Krankenhäuser, denn sie erhalten Fallpauschalen. Je schneller der Durchsatz, um so mehr Einnahmen.
So werden Menschen grundsätzlich so schnell wie möglich aus den Kliniken geworfen. Nach Hause geschickt in Momenten, in denen die Erkrankung bzw. Wunden noch komplette Versorgung benötigen.
Patient und Familie werden weitestgehend ihrem Schicksal überlassen. Man kriegt ein paar Instruktionen mit, die nötigen Medikamente (aber kein Verbandmaterial, das muss man sich selbst irgendwo besorgen), Verhaltensmaßregeln und den Hinweis, man solle ruhig anrufen, wenn einem irgendwas spanisch vorkäme. Nachts und am Wochenende allerdings nur in absolut schweren Notfällen.
Die ganze Last der Pflege wird auf die Schultern der Angehörigen abgeladen. Die in den meisten Fällen – so wie ich auch – von Tuten und Blasen keinerlei Ahnung haben. Und weh den (älteren) allein Lebenden, die keine erwachsenen Kinder haben oder ein 'funktionierendes soziales Umfeld', wie das hier in den Niederlanden genannt wird. Oder deren Kinder weit weg wohnen.

Als Laie hat man keinen blassen Schimmer, was 'normal' und was 'abnormal' ist im betreffenden Genesungsverlauf, vor allem direkt nach einem Eingriff. Wie viel Schmerzen sind 'zu viel' Schmerzen? Wieviel Rötung ist 'zu rot'? Wann sieht die während des Verbandswechsels sichtbare Narbe/Wunde anders aus, als sie sollte? Und so entstehen Fragen über Fragen.
Was mache ich, wenn der eine Tropfen, den ich geben muss, zu klein geraten ist? Wie schlimm ist es, wenn zwei Tropfen aus dem Fläschchen ins Auge fallen statt einem? So geht das munter weiter.
Von A bis Z Unsicherheit über das, was richtig und was falsch ist. Was o.k. ist und was eben nicht o.k. ist. Überall lauert die Gefahr, etwas zu übersehen oder einen Fehler zu machen und dadurch die Genesung zu behindern. Oder Schlimmeres.

Totalstress für Patient und pflegende Angehörige.
Nachdem jahrzehntelang alles dafür getan wurde, die Behandlung von körperlichen und seelischen Erkrankungen zu professionalisieren, spielt professionelle Versorgung auf einmal keinerlei Rolle mehr. Alles ist dem Zufall der Tatsache überlassen, wie gut sich versorgende Angehörige mit Pflege und Symptomen auskennen. Oder eben nicht. Die Qualität der Versorgung wird dadurch sicher nicht besser…

Am ärgerlichsten an dem Ganzen finde ich die Euphemismen, mit denen das alles umgeben wird.
"Sie brauchen erst in zwei Wochen zum Nachschauen wiederzukommen" heißt im Klartext: "Sie dürfen sich vorher nicht hier blicken lassen, sehen Sie zu, wie sie die Zeit bis dahin überbrücken und alleine alles hinkriegen."
"Sie dürfen am selben Tag noch nach Hause" bei den immer häufiger angewendeten ambulanten Eingriffen – was wurde früher schon ambulant durchgeführt? Nur das, was hinterher wenig Versorgung nötig hatte und unkompliziert war – bedeutet: "Sieh zu, wie du dich rettest. Wir helfen dir nur im allerschlimmsten Notfall. Wir haben unser Teil getan, nun sieh du zu, wie du über die Runden kommst."

Angeblich – das gehört auch zum Narrativ – heilt man besser in häuslicher Umgebung. Ich habe da so meine auf Erfahrung  begründeten Zweifel. O.K., man ist zuhause, von den 'eigenen' Bakterien und Viren umgeben. Vom vertrauten Staub und von den vertrauten Waschmittelresten in Wäsche und Bettwäsche. Man liegt im eigenen Bett. Das aber nicht verstellbar ist und dessen Matratze eventuell nicht gut für die gewünschte Lagerung geeignet ist. "Patient darf zwei Wochen nicht auf dem Rücken liegen" – wie kriegt man es ohne die richtigen Hilfsmittel hin, dass 'Patient' sich nachts im Schlaf nicht auf den Rücken dreht? Auf dem Rücken liegen gefährdet den Behandlungserfolg…

Ich zweifle daran, dass das Vertraute Zuhausegefühl die nicht vorhandene professionelle Betreuung aufwiegt. Dass es die Unsicherheit vor allem in den Nächten aufwiegt. Den ständigen Stress, ob alles auch tatsächlich so gut verläuft, wie es den Anschein hat. Und noch mehr Stress, wenn etwas nicht so läuft, wie es sein sollte.

Ich bleibe dabei, dass dies 'zuhause genest man besser' eine hübsche Geschichte ist, um die Sparmaßnahmen zu camouflieren. Im Grunde geht es darum Kosten zu sparen bzw. personalaufwendige Pflege, die keine zusätzlichen Einnahmen generiert, nicht mehr liefern zu wollen.

Dieser Gesellschaft sind die Menschen nichts wert.
Es zählt nur der Gewinn, der zum Schluss für die Kapitalgeber – wer immer das sei – übrig bleibt.

Und so steht man sowohl als Genesender als auch als Angehörige mehr oder weniger allein vor einer Riesenaufgabe, für deren Bewältigung man keinerlei Kenntnisse und Fähigkeiten besitzt. Man ist konstant gezwungen zu improvisieren und Lösungen zu finden, weil einem sowohl Fachkenntnisse als auch die richtigen Hilfsmittel und Materialien fehlen. Man erfindet ständig das Rad neu, während professionelle Kräfte mit einem Blick wüssten, was auf welche Weise zu tun ist bzw. wie die Lage ist.

Was für eine Schande, dass in den höchstentwickelten Regionen dieser Welt Genesende wieder auf dieselbe Weise versorgt werden müssen wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Zwar sind die Arzneimittel besser, die Techniken der Ärzte ausgefeilter und ist die Medizintechnik in den Kliniken weiter entwickelt. Aber die heutzutage aufgezwungene Pflege durch ungeschulte Menschen der häuslichen Umgebung ist vielleicht sogar schlechter als damals. In der Vergangenheit hatten nämlich wenigstens die meisten Mädchen irgendwann gelernt, wie man Kranke versorgt.
Vielleicht sollte man  häusliche Krankenpflege als Schulfach in der 9. oder 10. Klasse unterrichten.

"Du vertraust zu wenig auf die außerordentlichen Selbstheilungskräfte des Körpers!" – höre ich Freunde und meine innere Stimme sagen. "Zu wenig auf die Unterstützung aus der eigenen, inneren Kraft und Heilkraft, die unendlich ist und immer anwesend."

 

 

 

 

 

Das muss ich dann mal lernen.

Donnerstag, 20. Mai 2021

Dichterhilfe


 

 

 

Wieder einmal ist es Zeit, es dem Phantasiegeschichten erzählenden Baron gleich tuend sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen.
Naja, ich muss das nicht ganz allein tun.
Von Rainer Maria Rilke lasse ich mir dabei helfen:

 

Oh sage, Dichter, was du tust?
                                                  - Ich rühme.

Aber das Tödliche und Ungetüme,
wie hältst du's aus, wie nimmst du's hin?

                                                 
- Ich rühme.

Aber das Namenlose, Anonyme,
wie rufst du's Dichter, dennoch an?
                                                  - Ich rühme.

Woher dein Recht, in jeglichem Kostüme,
in jeder Maske wahr zu sein?
                                                 
- Ich rühme.

Und daß das Stille und das Ungestüme
wie Stern und Sturm dich kennen?
                                                  :- weil ich rühme.

 

Dieses endgültige freie Jasagen zur Welt rückt das Herz auf eine andere Ebene des Erlebens. Seine Wahlkugeln heißen nicht mehr Glück und Unglück, seine Pole sind nicht bezeichnet mit Leben und Tod. Sein Maß ist nicht die Spanne zwischen den Gegensätzen.

Wer denkt noch, dss die Kunst das Schöne darstelle, das ein Gegenteil habe; (dieses kleine "schön" stammt aus dem Begriffe des Geschmacks). Sie ist die Leidenschaft zum Ganzen. Ihr Ergebnis: Gleichmut und Gleichgewicht des Vollzähligen.

Aus: "Das Testament"

Beide Texte habe ich in einer Anthologie mit Poesie und Prosa von Rilke gefunden.


Hilfe zum "Aus-dem-Sumpf-Ziehen" sind mir auch viele nahestehende Menschen, die mir in diesen Tagen mit unterstützenden Gedanken, Texten, Mit-Empfindungen, Inspirationen liebevoll zur Seite stehen.

Mein Partner musste sich heute einem Eingriff am Auge unterziehen. Die letzten Wochen und die kommende Zeit brachte und bringt unseren eingefahrenen, routinierten, durch all die Maßnahmen des letzten Jahres ziemlich festgelegten und eingeschränkten Alltag ordentlich durcheinander. Jede Menge neue Herausforderungen.

Sonntag, 16. Mai 2021

Lernaufgabe


 

 

Immer wieder begegnet mir in meinem eigenen Inneren, aber auch von anderen die Frage, wozu diese ganze Situation gut sein mag. Was sie Positives mit sich mit bringt. Was zu lernen sie uns Menschen nötigt.

Vor ein paar Tagen sind mir dazu neue Impulse begegnet in dem Interview, das Jennifer Trümper mit Gerald Hüther in ihrem Online-Kongress "Evolution now – Wer bist Du wirklich?"  geführt hat. Einige seiner Gedanken aus diesem Gespräche möchte ich heute mit Euch teilen. Sie haben mich beeindruckt. Und mir Mut gemacht.

Auch Mut macht mir immer wieder die durch Hüther mit ins Leben gerufene Online-Plattform liebevoll.jetzt. Es hat ein bisschen was von jenem facebook, wie es anfangs einmal gemeint war: ein virtueller Ort, an dem sich Menschen herzlich begegnen können. Ich bin dort beinahe täglich eine Weile unterwegs und lese hier und da ein bisschen herum oder beteilige mich an einem der geschriebenen Gespräche. Das Ganze ist noch im Aufbau, aber ich habe alle Geduld und Hoffnung. Das was jetzt schon zu erleben ist, weist in eine gute Richtung.

Die im genannten Interview gesprochenen Worte habe ich mitgeschrieben. An manchen Stellen habe ich Sätze, die so nur im gesprochenen Kontext Sinn ergeben, sprachlich in eine gut lesbare geschriebene Form übertragen. Gerale Hüther im Interview:

Wahrscheinlich ist es so, dass wir im Augenblick eine ganz bittere Lektion zu lernen haben, dass uns 'Corona' eine sehr bittere Lektion lernen lässt.

Wir müssen, glaube ich, lernen, dass das Leben nicht verfügbar ist.
Dass wir das Leben nicht kontrollieren können.
Dass wir das Leben auch nicht verlängern können.

Und dass wir mit allem, was wir haben, auch mit unserem wunderbaren Verstand, dazu beitragen müssten, dass die Vielfalt dieses Lebens zur Entfaltung kommen kann.
Möglicherweise ist es wichtiger, sich um diese Vielfalt, um die Schönheit eines jeden Augenblicks zu kümmern als sich ständig darum Sorgen zu machen, dass man nicht lange genug lebt.
Eigentlich ist es ja blöd, dass das einzige, was man mit wissenschaftlich objektiven Methoden am 'Leben' [über das Leben] messen kann, Lebensdauer ist. Wenn man das RKI danach fragte, würde es sicher sagen: '100 Jahre Leben ist besser als 50'. Und alle würden sagen: 'na klar, stimmt!'

Aber es kann auch sein, dass 50 Jahre halbtot und im Hamsterrad, ohne Aussicht auf irgendwas, nur noch mit der Aussicht auf Krankheit und Alleinsein im Alter… gar nicht so erstrebenswert sind; das möchte ich dann bis zum Alter von 100 Jahren auch nicht aushalten müssen.

Damit könnte es sein, dass das eigentliche Kriterium für 'das Leben' nicht die Dauer ist, sondern das Ausmaß an Lebendigkeit. Und damit hätten wir auf einmal ein völlig neues Kriterium, nach dem wir uns richten können.

Wir könnten versuchen, uns gegenseitig wieder zu beleben. Auch in schwierigen Zeiten kann man das, das ist etwas sehr Erfüllendes. Die stärkste Wieder-Belebungs-Methode besteht darin, dass ich jemand helfe. Das kann ich aber nur, wenn ich mir selber helfen kann, lebendig zu sein.

Wenn ich anfange, liebevoll mit mir selbst umzugehen.
Liebevoll mit sich selbst bedeutet: ich mache nichts mehr, was mir nicht gut tut.

Ich frage mich, was für Bedürfnisse ich habe, was ich wirklich will, und ich versuche, diese Bedürfnisse zu stillen. Wenn ich dies tue, fühle ich mich gestärkt. Ich erfahre mich auf einmal wieder als Gestalter meines eigenen Lebens.

Ich entscheide, ob ich mir Quark im Fernsehen ansehe oder nicht. Wenn er mir nicht gut tut, schalte ich ab.
Ich esse nichts, was mir nicht gut tut. Oder bei dem ich ein schlechtes Gewissen habe: zum Beispiel ein Stück Fleisch, von dem ich genau weiß, unter welchen lebensverachtenden Bedingungen das Tier gehalten und zu Tode gebracht wurde.
Ich umgebe mich nicht mit Leuten, die mir nicht gut tun.
Ich laufe auch nicht in Klamotten rum, bei denen ich ein schlechtes Gewissen bekomme, weil die zwar billig waren, aber irgendwo unter Produktionsbedingungen hergestellt wurden, die ich nicht gut finde.

Mit anderen Worten: ich verbinde mich mit meiner eigenen Lebendigkeit.
Dann mag ich mich selber mehr.
Wenn ich mich selbst mag, bin ich auch liebevoller und netter zu anderen.

Anders ist man ein Bedürftiger und will immer nur "haben": Zuwendung, Aufmerksamkeit, Anerkennung, Geld,… Die, die immer etwas von anderen haben wollen, sind im Grunde genommen diejenigen, die für den gegenwärtigen Zustand unserer Welt verantwortlich sind. Gierig, etwas von anderen zu wollen...

Wer gelernt hat, liebevoll mit sich selbst umzugehen, muss nicht mehr 'kriegen', sondern hat etwas zu verschenken. Diese Kategorie Mensch ist die, die dazu beträgt, dass wir auf diesem Planeten überleben können. Die machen nicht so viel kaputt.

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Als Biologe weiß ich, dass man ein Virus nicht besiegen kann. Da muss man schon eine sehr schräge Vorstellung im Kopf haben, das auch noch zu verkünden: 'Wir werden das Virus besiegen!' Es ist 1000 mal schneller als wir und wird sich viel schneller verändern… das ist Biologie. 

O.K., das müssen wir auch noch lernen, dass das Leben nicht zu besiegen ist.

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Wenn Menschen zu sich selber finden, lassen sie sich nicht mehr wie aufgescheuchte Hühner umherjagen und auch nicht mehr durch irgendwelche Führungspersonen ohne weiteres sagen, so sie entlang zu laufen haben. Die wissen dann selber, wo's langgeht.


Donnerstag, 13. Mai 2021

Zum Trutz

Feiger Gedanken
bängliches Schwanken,
weibisches Zagen,

ängstliches Klagen

wendet kein Elend,

macht dich nicht frei.

Allen Gewalten
zum Trutz sich erhalten,
nimmer sich beugen,
kräftig sich zeigen
rufet die Arme
der Götter herbei.

Johann Wolfgang Goethe
Aus dem Singspiel Lila, 1777

Das Kinderbuch von damals

 

Was für eine Herausforderung! Ich war noch nie eine Meisterin im "allen Gewalten zum Trutz".
Allenfalls Lehrling.
Schon als Kind wurde mir ganz anders, als ich im Religionsunterricht über die Leben der Martyrer hörte, und die Geschichte der Hirtenkinder von Fatima, denen - nach dem, was mir damals erzählt wurde - mit den schrecklichsten Foltern gedroht wurde und die trotz allem bei ihrer Schilderung dessen blieben, was sie erlebt hatten und gleichzeitig dasjenige nicht erzählten, das zu verschweigen die ihnen erschienene Jungfrau Maria ihnen aufgetragen hatte, brachte mich zu dem Schluss: das wäre mir kleinem Mädchen aus der Großstadt nie gelungen.

Und jetzt leben wir mitten in einer Situation, die genau das fordert, was Goethe beschreibt.

Noch nie in meinem ganzen Leben war ich so sehr aufgefordert, mir selbst treu zu bleiben.
Noch nie so aufgefordert, meiner Intuition zu folgen.
Auf die innere Stimme zu hören.
Mich unabhängig zu machen und zu halten von dem, was mir von allen Seiten eingeflüstert oder zugeschrien wird: von der einen, von der anderen, und von einer wieder anderen und noch einer anderen.

Das kleine Mädchen in mir sitzt verängstigt in der Ecke und weint: ich kann das alles nicht.
Das ist mir alles zu viel.
Ich will mein schönes Leben von früher zurück.
Früher ging das doch auch alles so.
Einfach. Schön. Warm. Herzlich. Nah. Menschlich.

Aber das war eben früher. Vor Ende Februar 2020.

Dies kleine Mädchen wird sich daran gewöhnen müssen: Jetzt ist alles anders.
Inzwischen dürften so ziemliche alle gemerkt haben, dass es nicht wieder werden wird, wie es war. Unser aller Leben sind tief greifend verändert. Nicht zu übersehen und zu überfühlen natürlich.
Wer sich mit aktuellen psychologischen Untersuchungen zum Thema auseinandersetzt, kann lesend erleben mit welchen einschneidenden Folgen für die Psyche der Erwachsenen und noch viel mehr der der Kinder. Schon in den vergangenen Monaten, und ab jetzt erst recht.

Ausschnitt vom Titelbild des Buches
zuid-afrika. naar de bronnen van de apartheid, Steven Debroy, Antwerpen 1986


Diese eine große Frage, mit ja oder nein zu beantworten und im Fall von ja belohnt mit einem vermutlich grüngefärbten Pass, teilt die Gesellschaft in zwei Hälften: die mit und die ohne. 

Apartheid.
(Was wörtlich übersetzt Getrenntheit bedeutet, Separiertheit.)

 Erst recht, wenn – wie manche vorhersagen – das "Ja" zukünftig alle halbe Jahr erneuert zu werden vorgeschrieben werden sollte.
Eine sozusagen rituelle Erneuerung. Zementierung der Angst vor der Gefahr in den Psychen.

Angesichts eines solchen eventuell jährlich, eventuell halbjährlich zu wiederholenden Rituals kommt mir - wie Assoziationen eben manchmal arbeiten - das Taufversprechen in den Sinn, das die Gläubigen in den christlichen Kirchen in der Osternacht rituell erneuern indem sie drei Mal laut aussprechen, dass sie das Bösen zurückweisen. Millionen Menschen auf der ganzen Welt haben dies Gelöbnis in den Osternachtfeiern Jahr für Jahr bekräftigt.
Zuletzt 2019. Danach gab es keine echten Osternachtfeiern mehr, nur noch Pseudos, online.
Bis dahin haben Millionen Menschen sich ein Mal im Jahr – mehr oder weniger bewusst – mit dem Bösen wenigstens einen Wimpernschlag lang auseinandergesetzt. Solche "ich widersage" laut auszusprechen im Gottesdienst, lässt keine Seele kalt. Auch wenn die betreffende Person nichts am Hut hat mit der Gestalt des Satans im christlichen Glauben, vielleicht nicht mal viel am Hut hat mit dem christlichen Glauben und hauptsächlich der Atmosphäre wegen die Osternächte besuchte, ist diese rituelle Konfrontation mit dem Bösen etwas, das wirkt.

Widersagst Du dem Satan? – Ich widersage.
Und all seiner Bosheit? – Ich widersage.
Und all seinen Verlockungen? – Ich widersage.

Im aktuellen Jetzt schaue ich ganz neu nach diesem Gelöbnis, das mir in meinen erwachsenen Jahren nicht viel mehr war als Liturgie. Wenn auch mit einem feinen Schauer über der Haut in jenen Momenten. Erneut wollen Fragen beantwortet werden. Fragen, die sich ein denkender Mensch im Lauf seines Lebens viele Male stellt und möglicherweise in verschiedenen Momenten unterschiedlich beantwortet.

Fragen danach, was denn in unserer Zeit der Satan, das Böse sei, dem zu widersagen ist.
Welches Die Verlockungen, denen es zu widerstehen gilt.

So schließt sich der Kreis.


 


Allen Gewalten
zum Trutz sich erhalten,
nimmer sich beugen,

kräftig sich zeigen
rufet die Arme
der Götter herbei.

 

 

  Danke lieber Freund von jenseits der Landesgrenze für den Hinweis auf den Text von Goethe.

Sonntag, 9. Mai 2021

Maiensonntag

Ein komischer Sonntag. Ein-Tages-Hochsommer-im-Mai. In der Nacht waren, wie angekündigt, die Temperaturen gestiegen statt zu fallen. Wegen des sturmartigen Windes aus Südwest, der direkt aufs Bett geblasen hätte, hatte das Fenster geschlossen bleiben müssen. Ich wachte auf und hatte es viel zu warm. 

Die Sonne schien fahl hinter den ewigen Schleierwolken, die dies Frühjahr so oft den Himmel verunzieren. Im Grunde habe ich auch an den Tagen, an denen die Wettervorhersage "unbewölkt" ankündigte, wie übrigens auch für den heutigen Morgen, so gut wie nie einen klaren, blauen Himmel gesehen. Andauernd diese hochnebelartigen Feder-Schleierwolken, die aus den Kondensstreifen der Flugzeuge entstehen, die der Sonne die Klarheit und einen Teil der Kraft nahmen. So auch heute. Dennoch wurde es warm und wärmer.

Für den Vormittag hatte ich mir vorgenommen, einen Brief zu beenden, den ich gestern spätabends noch angefangen hatte. Fröhlich und gut gelaunt begann ich zu schreiben, und die Ideen flossen mir nur so in die Feder. Ich freute mich an dem schönen Briefpapier mit den Tulpen. Während ich schrieb, nachdachte, schrieb, wurde es draußen dunkler und dunkler. Die Sonne war weg. Schwarze Wolken waren aufgezogen. Und dann hörte ich es donnern. Donnern! Und es begann zu schütten. Noch ein Donner. Und noch einer. Ein Gewitter. Nicht direkt über uns, aber auch nicht weit weg.


Verrückt genug brachte es  keinerlei Abkühlung. Eher weitere Erwärmung.

Eine Stunde später war der Zauber vorbei, es regnete noch eine Weile nach. Dann kam die Sonne wieder zum Vorschein. Inzwischen war es beinahe Mittag geworden, Zeit, den Brief abzuschließen und den Lunch vorzubereiten.

Am Nachmittag wollten wir gemeinsam ein Stück mit dem Rad fahren, dabei dem gigantischen Hof-Supermarkt von Meinardi, dem ortsansässigen Spargel- und Erdbeeranbaubetrieb einen Besuch abstatten und ein Kilo Erdbeeren mitnehmen. Erntefrischer Vorrat für die kommenden Tage. Endlich wieder frische Erdbeeren morgens im Müsli!

Das Wetter machte uns erst mal einen Strich durch die Rechnung. Es regnete. Bei Temperaturen von 23 Grad. Gestern waren es noch 13° gewesen. Irre! Fahrradfahren würden wir frühestens in zwei Stunden können.

Während des Essens hatte mein Mann mir von zwei Kolumnen erzählt, die er in zwei renommierten Tageszeitungen gelesen hatte. Es ging um Anthroposophen in Deutschland und den angeblichen Rechtsruck eines Teils von ihnen im Rahmen des Widerstands gegen die Einschränkungen der Grundrechte durch u.a. das mehrfach geänderte Infektionsschutzgesetz.
Einer der Kolumnisten hatte sich dabei verstiegen, zu behaupten, dass dies nur die konsequente

Zur Geschichte des Verbandes
siehe z.B. hier und hier
Fortsetzung gewesener Geschichte sei, denn die Demeter-Organisation sei 1933 in Zusammenarbeit mit unter anderem Rudolf Heß gegründet worden und von den Nazis hofiert und gefördert worden. Mir verschlug es die Sprache. Ich machte mich ans Recherchieren.

So stimmt das Ganze nicht. Zwar hatten auch leitende Personen bei Demeter sich, wie so viele andere im damaligen Deutschland, zeitweise blenden lassen und eine unselige Zusammenarbeit probiert. Aber wie alle anderen anthroposophischen Einrichtungen und Organisationen wurde auch der Demeter-Wirtschaftsverbund im weiteren Verlauf durch das faschistische Regime verboten und bekämpft.

Die polemische Verurteilung alles anthroposophischen in dieser Kolumne machte mich enorm betroffen. Wunderte mich aber wenig, denn aus dem Text ging hervor, dass es sich hier um jemand handelte, der sich mit Wut im Bauch von der Umgebung seiner Kindheit und Jugend losgesagt hat.
"Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche."

Trotzdem. Die Kolumne erscheint in einer renommierten Zeitung und wird zweifelsohne viele Leser zukünftig mit Abscheu nach allem schauen lassen, auf dem das Demeter-Zeichen prangt oder das aus biologisch-dynamischer Landwirtschaft kommt. Mir hatte es jedenfalls nachträglich die in der Kräuterbutter auf dem Mittagsbrot verarbeitete Trockenpetersilie verhagelt.

Dahin gute Laune und fröhliche Stimmung.

Dafür konnten wir jetzt endlich aufs Rad steigen. Es nieselte zwar noch ein wenig, aber das sollte bald aufhören. Inzwischen waren es 25° geworden, allerdings wehte ein kräftiger Wind mit Böen Stärke 6 bis 7. Das Radeln machte Freude, noch viel mehr, weil wir zunächst Rückenwind hatten.

 

Später, mit den Erdbeeren im Fahrradkorb, hatten wir zwar Gegenwind, der war aber erstens abgeflaut und zweitens so warm, dass es auch nicht störte. Ganz was anderes als der kalte Nordwest der letzten Tage. Und – hurra, ich hatte endlich, endlich meine geliebten Erdbeeren! Zwar weder bio, geschweige Demeter. Trotzdem! Manchmal muss man Kompromisse machen.

Wieder zuhause angekommen musste ich gleich erst mal naschen. Mmhhh! Soooo lecker! Süße, zarte, aromatische Erdbeeren.

Das gab neuen Schwung, ich war durch die kurze Radtour noch nicht ausgepowert, und so machte ich mich auf zur täglichen Spazierrunde.

Gleich am Beginn im Park hörte ich die ersten Frösche dieses Jahres! Juchhu! Einer ließ sich sogar aufs
Foto bannen, leider nur mit dem Handy aufgenommen und daher – naja, seht selbst.

Kurz drauf sah ich die ersten Schwalben in der Luft kreisen und nach Insekten schnappen. Jaja, eine Schwalbe macht noch keinen Sommer – das hier aber waren vier oder fünf! Jedoch mit dem Handy nicht zu fotografieren, keine Chance.

Die erste Generation Löwenzahn ist am Verblühen und zaubert wunderschöne Pusteblumen in die Welt. Auch am Rand der Verbindung vom Graben hinter den Gärten in den großen Teich des Parks.

Ich begann mich versöhnt zu fühlen. Jedoch die Traurigkeit angesichts der zunehmenden Spalterei in der Gesellschaft klang noch nach. Der Angriff gegen die Anthroposophen ist ja nur ein Teil des Ganzen. Mich graust vor der Apartheid, die drohend am Horizont erscheint und auf uns alle zuzukommen scheint.

Trotzdem genieße ich die Sonne, ihre Wärme, ihre trotz Wolkenschleier vorhandene Kraft, ihr Licht. Ich besuche meine Lieblingsplatane. Lehne mich bei ihr an, genieße auch ihre Kraft. 

Schaue mich um, entdecke den Reiher im Damwildgehege. Da hinterm Zaun kann ihm keiner was, und er sitzt und beobachtet den Entenweiher im Gehege. Lässt sich vielleicht ein Frosch oder Fisch sehen? Wehe! Dann happ und weg.

Und so spaziere ich weiter, genieße die Temperatur, fühle aber auch die Ermüdung, die durch die plötzliche, ungewohnte Wärme sich breit macht.

Da geht’s mir wie dem Damwild: k.o. von der Wärme.

Auch ich werde mich gleich zuhause noch kurz zu einem Nickerchen zurückziehen.

Weiter schlendere ich durchs Dorf, schaue hier, betrachte da, lass mich vom warmen Wind durchpusten. Glücksgefühle wechseln sich weiterhin ab mit unendlicher Trauer über die aktuelle Situation. Die Spaltung in der Gesellschaft scheint täglich tiefer und unüberwindlicher zu werden.

Die Nachrichtenschlagzeilen überschlagen sich fortgesetzt mit Schauermeldungen, irgendwo wird von der vierten Welle schwadroniert, woanders werden andere Schrecklichkeiten verkündet.

Es kostet schon Kraft, in dieser Zeit den aufrechten Gang zu bewahren.

Aber dann höre ich die Schwalben über mir, sehe ihnen zu, wie sie kreisen und blitzschnell die Richtung ändern, sehe sie kurz drauf schweben und von der Thermik sich ein Stück nach oben tragen lassen. Wie von Zauberhand ist auch der Himmel direkt über mir gerade wolkenlos blau.

Danke! Tut gut.


Donnerstag, 6. Mai 2021

Traurig

Vor einiger Zeit erreichte uns ein grauer Briefumschlag mit grauer Trauerbriefmarke. Die
Adresse handgeschrieben mit einer für uns beide unbekannten Handschrift, wie in solchen Fällen üblich, ohne Absender. In unserem Alter entsteht dann sofort die Frage: wer von unseren Bekannten, den entfernteren Verwandten meines Mannes oder wer von seinen Freunden mag verstorben sein? Ein beklemmendes, bangendes Gefühl macht sich breit.

Ein betagter, aber noch nicht hochbetagter Freund meines Mannes in Brabant, den wir im vergangenen Sommer noch besucht haben, hat nun doch diese Welt verlassen. Wir sind beide betroffen, traurig, nachdem wir die Nachricht gelesen haben. Lebendig ist die Erinnerung an diesen kurzen Nachmittag zu viert im kühlen Haus bei äquatorialen Außentemperaturen. Ach, er hatte so viele Pläne und war so zuversichtlich über seine Zukunft.

Normalerweise wären wir selbstverständlich zur Trauerfeier nach Brabant gefahren. Deren Ort steht aber gar nicht auf der Trauerkarte. Statt dessen steht an der dafür üblichen Stelle ein Link und der Hinweis: sie können am soundsovielten um soundsoviel Uhr der Trauerfeier hier online folgen. Die eingedruckte Linkadresse beginnt mit der Website-Adresse des landesweit agierenden Bestattungs-unternehmens und enthält dann individuelle Kennziffern.

Eine gestreamte Trauerfeier?

Natürlich sitzen wir zum angegebenen Zeitpunkt gemeinsam vorm Notebook, um virtuell teilzunehmen und in unserem Innern Abschied von diesem wunderbaren Menschen zu nehmen.

Mit professioneller Kameraführung und Schnitten wird die Trauerhalle gezeigt, in der die wenigen geladenen Teilnehmer allmählich eintreffen. Coronaproof mit Masken, und sie werden in großem Abstand zu einander von den Mitarbeiterinnen des Bestatters – auch maskiert natürlich -  empfangen und plaziert. Die Familie ist schon da, und auchFamilienmitglieder sitzen coronaproof von einander entfernt. Nur die Witwe und einige der erwachsenen Kinder und jungendlichen Enkel sitzen etwas dichter bei einander.

Nun wird der Sarg hineingefahren. Alle stehen auf. Sargbegleiter sind die erwachsenen Enkelsöhne und Söhne des Verstorbenen. Ein überaus befremdlicher Anblick, alle mit Maske vor Mund und Nase.

Der Sarg bekommt vorne in der Mitte seinen Platz. Sargbukett. Blumenschmuck. Kerzen. Alles wie man es gewohnt ist. Ein Foto des Verstorbenen aus dem letzten oder vorletzten Jahr, das sein Wesen wunderbar eingefangen hat, steht auf einer Staffelei daneben, auch das wie bei einer Trauerfeier hier üblich. Befremdlich ist nur, dass wir den Duft der Blumen nicht riechen, auch nicht das verbrennende Wachs der Kerzen. Befremdlich ist, dass wir die Atmosphäre der Anwesenden nicht spüren und der Klang der abgespielten Musik aus unseren kleinen Notebook-Zusatzlautsprechern kommt. Und dass wir gemeinsam auf unseren Esszimmerstühlen am Esstisch sitzen und auf den Bildschirm des Notebooks starren.

Es ist eine nicht-religiöse Beerdigung. Anders als in Deutschland, spricht dann kein Trauerredner, der irgendwie die Rolle des Pfarrers einnimmt. Die als Zeremonienmeisterin fungierende Angestellte des Bestatters sagt einleitende Worte, und dann nehmen Familienmitglieder – Kinder und Enkel – mit jeweils eigenen Texten Abschied von Vater und Opa und gedenken seiner, vor allem indem sie erzählen, wie ihre spezielle Beziehung war.

Die Kamera wird in relative Nahaufnahme auf die Sprechenden gezoomt. Natürlich fließen Tränen, brechen Stimmen, können Sätze nicht zuende gesprochen werden, weil die Emotion die Angehörigen übermannt. Das sehen wir nun groß auf dem Bildschirm und hören es sehr direkt, viel deutlicher als wir das gesehen und gehört hätten, wenn wir in der Trauerhalle gesessen hätten.

Möchte ich das? Möchte ich so nah Auge in Auge mit den mühsam in Schach gehaltenen Emotionen der den Verlust betrauernden Familienmitglieder in Kontakt kommen? Emotionen von Menschen, die ich nie gesehen habe, zu denen ich keine persönliche Beziehung habe, die ich wohl auch nie von Angesicht zu Angesicht sehen werde. Selbst wenn wir irgendwann nach Brabant kommen und die Witwe besuchen, würden wir aller Wahrscheinlichkeit nach niemand von ihnen treffen. Und wenn doch – wie würde sich das anfühlen, nachdem ich via Livestream so an ihren intimsten Emotionen teilgenommen habe?

Irgendwann hat die Zeremonienmeisterin wieder das Wort und erzählt in kurzen Worten über die letzten Wochen des Verstorbenen. Wie es ihm ging, welche Erkrankung schließlich den Tod mit sich brachte.

Immer wieder muss ich schlucken, fühle meine eigene Traurigkeit auftauchen, Tränen aufsteigen. Ich hätte diesem verstorbenem Freund meines Mannes noch all die Jahre gegönnt, die er noch hatte erleben wollen. Und, wie immer bei Beerdigungen, ist es auch Traurigkeit über die eigene Vergänglichkeit. Über die Zerbrechlichkeit des Lebens. Über die Zerbrechlichkeit von allem. Alles, was gerade noch verlässlich und sicher sich anfühlt, ist immerwährendem Wandel unterworfen. Kann im nächsten Augenblick ganz anders sein. Abschiede stehen andauernd an.

Ich denke an Prediger Kapitel 3: Alles hat seine Zeit.

Dann erscheint eine ausführliche Präsentation mit Fotos aus dem Leben des Verstorbenen auf dem Bildschirm. Familienfotos. Der gesamte Lebensweg in Bildern. Mit Musik untermalt, die er liebte. Die Menschen in der Trauerhalle sehen dies wahrscheinlich auf einem großen Bildschirm, der irgendwo im Raum hängt. Im Livestream wird die Präsentation direkt abgespielt. Wieder fehlt das atmosphärische Gefühl der anderen Anwesenden, das Gefühl der Räumlichkeit. Und wir Zuschauer zuhause, oder sind wir doch Mitgedenkende?, werden sehr direkt im Vollbild hineingezogen in dies nun abgeschlossene Leben, an dem mein Mann auch als Freund und ehemaliger Nachbar doch nur einen peripheren Anteil hatte. Wir sehen sehr persönliche Szenen der Familie, Urlaubsfotos, das junge Paar beim Tanzen, das gereifter gewordene Paar beim Tanzen, Kinderfotos, Festfeierfotos, Karnevalsfotos (Brabant ist, wie die Provinz Limburg, Karnevalshochburg – im Rest von NL wird Karneval eher nicht gefeiert), Weihnachtsfotos. Ganz dicht, ganz nah, in unserem Wohnzimmer, am Esstisch sitzend.

Und wieder frage ich mich: will ich das? Es fühlt sich nicht richtig an, so intim teilzunehmen an diesem vergangenen Familienleben. Auch wenn die Familie sich entschieden hat, es zu teilen.

Denn es macht einen großen Unterschied, ob ich das als Anwesende in der Trauerhalle auf einem entfernt stehenden Bildschirm sehe. Oder ob es mir so direkt im Vollbild ins eigene Wohnzimmer gesendet wird. Wir lernen den verstorbenen Freund meines Mannes besser kennen, als er ihn je gekannt hat und sowieso näher, als ich diesen Freund meines Mannes je hätte kennenlernen können. Ob sich die Familie dieser Tatsache bewusst ist? Des Unterschieds bewusst ist, den es macht, diese Präsentation so distanzlos, so hautnah zu erleben?

Es ist bei aller Berührtheit eine seltsame Erfahrung, so eine Trauerfeier im Livestream. Genauso seltsam wie die sparsamen Gesten der Anteilnahme und wenigen, beinahe schüchternen Berührungen der Familienmitglieder untereinander, immer zerrissen zwischen Abstandhaltenmüssen (das 1,5-Meter-Absperrband im Kopf) und einander stützen wollen, einander nah sein wollen.

Man kann sagen: eine schöne Sache, dass es das gibt, solche Trauerfeier-Livestreams. So können alle, die es wollen, doch noch auf irgendeine Weise des verstorbenen Freundes, entfernten Verwandten, Bekannten, Nachbarn, Vereinsbruders, gedenken.

Bei mir überwiegt trotz allem ein ungutes Gefühl. So etwas ist – obwohl für die in der Trauerhalle Anwesenden voll von tiefen emotionalen Erfahrungen – für mich als PC-TV-Zuschauer fahl. Wie ein Film. Leben aus zweiter Hand. Ausgerechnet da, wo es um den Abschied aus dem Leben geht.

Ich bin traurig. Nicht nur über den Verlust des Freundes. Nicht nur über seinen doch irgendwie für uns Außenstehende unzeitigen Tod. Nicht nur über die Endlichkeit des Lebens.

Auch über das, was uns wieder einmal die Maßnahmen angetan haben. Weggenommen haben.

Was das Unechte, das Gefühl von Pseudo gerade beim Gedenken zum Abschied von einem Verstorbenen betrifft, muss ich an die Tötungsanstalt im Film "Soylent green" denken, in die Menschen gehen, wenn sie Ihr Leben als beendet betrachten. Wo sie mit eigens ausgesuchter Musik und zwischen hyperrealistischen Fotos wunderbarer Landschaften "sanft" euthanasiert werden. Den Film habe ich als junge Erwachsene gesehen.

Ich schaue eben in Wikipedia nach, unter welchem Titel der 1973 herausgekommene Film in Deutschland lief.
"…Jahr 2022…die überleben wollen"

Jetzt bin ich nicht nur traurig. Jetzt gruselt es mich.


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