Mitte März bis 10. April 2020 täglich. Ab 11. April 2020 erscheinen die Beiträge jeden zweiten Tag. Ab Montag, 22. Juni 2020 immer Montag und Donnerstag abends. Ab Montag, 13. Dezember 2021 am Montagabend nach 22 Uhr.


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Dienstag, 6. Dezember 2022

Dran bleiben



Es ist mir viel verlorengegangen in den letzten drei Jahren. Um genau zu sein, seit Mitte 2020, nachdem das ganze 👑 Thema erst so richtig angelaufen war und langsam, aber sicher deutlich wurde, dass es keine vorüber-gehende "Krise" sein würde.
Sondern dass hier dauerhafte Veränderungen eingetreten waren bzw. eintreten würden, die wir uns alle niemals hätten träumen lassen.

Die Rede vom "Neuen Normal", mit dem die Politiker aller Herren Länder schon früh nach den ersten, konzertierten Maßnahmen-Aktionen an die Öffentlichkeit getreten waren, erwies sich bedauerlicherweise als allzu wahr.

Seit dem hat sich tatsächlich mein Leben, verglichen mit jenem vorher, völlig verändert. Manche der Dinge, die immer wieder gepredigt wurden, haben auch in mir tiefe Spuren hinterlassen, die ich bislang nicht so ohne weiteres los werden konnte.

Dank für dies Bild an Wolfgang Eckert via Pixabay https://pixabay.com/de/users/anaaterate-2348028

Das gesellschaftliche Klima, teils auch nur die Nachrichten über das veränderte Lebens-Klima in Deutschland, die Sorgen über die induzierte Dauerkrise, die sich auf allerlei Ebenen inzwischen abspielt und das 👑-Thema ein wenig in den Hintergrund hat treten lassen, haben sich in mir nieder geschlagen.
Wörtlich.
Auch körperlich. *)
Welches das Mühsamste an der ganzen Angelegenheit ist, weil so zäh zurück zu drehen, zu heilen.

Dieser gesamte Blog ist Zeugnis all meiner Anstrengungen, hier gegen zu steuern.
Ist nicht einfach und erfordert immer wieder und ständig neue Bemühung. Ohje!

"Hou de moed erin!" rufen meine niederländischen Freunde mir immer wieder einmal zu.
"Bleib dran!" könnte man das übersetzen.

Ja! Danke!

 


*) Damit bin ich nicht allein. Natürlich nicht. Es geht vielen so, dass ihnen die drei vergangenen Jahre tief in den Knochen sitzen. Nicht umsonst schießen die Zahlen der psychischen und psychosomatisch Behandlungsbedürftigen nach oben wie nie zuvor.
Mal ganz abgesehen von anderen Langzeit-Ergebnissen der Maßnahmen, wie z.B. die unzähligen Kinder mit schweren Atemwegserkrankungen, deren Immunsystem in den letzten Jahren keine Chance hatte, sich zu trainieren.

 

 

Montag, 4. April 2022

's Lands wijs, 's lands eer

ist ein gängiges Sprichwort in den Niederlanden, wenn man Unterschiede zwischen verschiedenen Alltagskulturen in verschiedenen Ländern bennenen und gleichzeitig – manchmal achselzuckend – als hinzunehmen deutlich machen will. Übersetzt bedeutet es so viel wie: "Jedes Land hat eben seine eigenen Spielregeln (bzw. Sitten bzw. Gebräuche)".

Dieser Tage geht mir das Sprichwort häufiger durch den Kopf. Denn die Reaktionen der Menschen und der veröffentlichten Meinung in meinem Gastland und in meinem Herkunftsland auf das weitgehende Aussetzen jener Maßnahmen, die uns in den letzten zwei Jahren in so vielem eingeschränkt haben, könnten unterschiedlicher nicht sein.

Von was alles die Menschen in Deutschland seit gestern, Sonntag, dem 3. April 2022 befreit sind, ist mir auch nach einiger Lektüre verschiedenster Nachrichtenseiten nicht ganz klar geworden. Auf jeden Fall sind wohl die Masken weitestgehend gefallen, nur im Fernverkehr der Bahn und in Flugzeugen müssen sie noch getragen werden (warum eigentlich?), und offenbar sind auch die "g"-Regeln weitestgehend ausgesetzt und kann man beinahe wieder überall auch ohne irgendeinen Nachweis hin bzw. an Veranstaltungen teilnehmen.

Die deutsche Gesetzgebung lässt allerdings den Obrigkeiten allerlei Hintertürchen, indem eine bestimmte Region zum "Hotspot" erklärt werden kann. Unter dieser Voraussetzung kann sozusagen alles durch die Hotspot-Tür wieder eingeführt werden.

Hiermit können Einzelhandelsgeschäfte im Rahmen ihres Hausrechts auf
weiterhin erwünschtes Maskentragen aufmerksam machen. Netzfund.

Vor der wiedergewonnenen Freiheit scheinen Viele in Deutschland sich zu fürchten. Überall erheben sich Stimmen, die nach dem Aufrechterhalten der Maßnahmen rufen.

Der Apothekenverband bietet dies Schild an,
um im Rahmen des Hausrechts weiterhin
Maskentragen zu stimulieren oder verlangen.

Freunde berichten mir z.B. von Schulen, die Eltern und Schüler durch Elternbriefe regelrecht anflehen, doch weiterhin Maske zu tragen bzw. die Kinder mit Maske zur Schule zu schicken.
Auch können Schulen anordnen, dass Kinder weiterhin Testnachweise vorlegen müssen, um die Schule besuchen zu dürfen. Lehrerverbände rufen auf zu einer Selbstverpflichtung zum Maskentragen aus Angst vor Konflikten zwischen solchen Kindern, die noch Maske tragen wollen (oder von den Eltern her sollen) und solchen, die fröhlich mit offenem Gesicht herumlaufen.  Auch gibt es wohl Aufrufe an den Einzelhandel, doch um Himmels willen die Maskenpflicht im Rahmen des Hausrechts weiterhin aufrecht zu erhalten.

Eine aktuelle INSA-Umfrage vom 3.4. hat herausgefunden, dass zwei Drittel der Befragten weiterhin beim Einkaufen usw. Maske tragen will. Und Ärztevertreter plädieren weiterhin für Maskenpflicht in Innenräumen. Die großen Kirchen empfehlen den Gemeinden, weiterhin Gottesdienste nur unter Maskenpflicht zu feiern.

Und ich sitze hier auf dieser Seite vom Zaun in meinem Gastland und schüttle mein weißes Haupt.

Hier ist ja nun schon länger eine gewisse Normalität eingetreten.
Maskierte sind kaum noch zu sehen.
Gottesdienste werden seit Wochen maskenfrei gefeiert. Mit Gesang.
Die Menschen verhalten sich ganz normal. Altes Normal.
Kürzlich habe ich sogar aus Versehen jemand die Hand gegeben.
Lediglich halten die meisten im öffentlichen Raum weiterhin mehr Abstand zu anderen ein. Tue ich selbst auch. Auch die Möglichkeit zur Handdesinfektion wird noch überall in öffentlich zugänglichen Räumen angeboten. Persönlich habe ich mein Sterillium-Fläschchen (wie in jeder Grippesaison) immer in der Tasche und reinige die Griffe von Einkaufswagen mit dem angebotenen Desinfektionsmittel (tat ich schon lange vor dem aktuellen Virus jeweils in der Grippesaison mit meinem eigenen Sterillium).

Von Panik wie in Deutschland: "Hilfeeee, ohne meine Maske fühle ich mich gefährdet" war und ist hier nichts zu merken. Aber hier durften ja auch Kinder immer mit einander spielen, selbst im Frühjahr 2020, in dem in Deutschland Spielplätze mit rot-weißem Flatterband abgesperrt und die Einhaltung der Sperre von Polizei kontrolliert wurde, und niemals wurden Kinder unter die Maske gezwungen. Maskenpflicht gab es erst in weiterführenden Schulen ab Jugendalter, worüber man auch diskutieren kann natürlich.

Es gibt nun auch eine sogenannt 'neue Langfriststrategie'. Die behauptet, ein "Leben mit dem Virus" (anstatt wie bisher eine 0-👑-Strategie zu fahren) jetzt gut organisieren zu wollen, wobei die drohende Überlastung des Gesundheitssystems – die in der Vergangenheit durch jede etwas schwerere Grippewelle bereits entstand – das Leitsymptom sein soll. Wichtigster Punkt: alles so so weit wie möglich auch während eventueller zukünftiger 'Wellen' offen und zugänglich halten. In der Pressekonferenz, in der davon gesprochen wurde, dass man jetzt auf die Vernunft und das Verantwortungsgefühl der Bürger baut, klang das alles, als ob zukünftig so schwere Einschnitte wie in den vergangenen zwei Jahren nicht mehr passieren würden. Der aufgeschriebene Text lässt da jedoch Fragezeichen entstehen.

Übrigens: Der Appell an "Vernunft" und "Verantwortungsgefühl der Bürger" taucht wiederum wörtlich in den Verlautbarungen aller möglichen Länder auf, wie ja auch die weitgehenden Öffnungen wieder eine konzertierte Aktion zu sein scheinen.

Liest man aber das Kleingedruckte, sind auch hier alle Hintertüren lediglich angelehnt und nicht dauerhaft verschlossen. Vor allem wird wohl weiter geimpft werden - schamhaft versteckt in der Formulierung "Vielleicht kommen neue Impfrunden. Die Regierung sorgt dafür, dass wir darauf vorbereitet sind." Doch es wird auch davon gesprochen, dass nun wirksame Arzneimittel zur Verfügung gestellt werden, die helfen, den Verlauf einer eventuellen Infektion günstig zu beeinflussen. Welche das sind, bleibt im Schatten.
Wie auch immer – insgesamt fühlt es sich freiheitlicher an als alles, was in Deutschland disktutiert und beschlossen wurde und wird.

 

 

"German Angst" bleibt ein Phänomen von jenseits der Grenze.

Als jemand mit deutschen Wurzeln bin auch ich nicht frei davon. Aber meine hiesige freiheitliche, lebensfrohere, angstfreiere Umgebung zeigt glücklicherweise immer deutlicher ihre Wirkung.


 

Nachtrag am Dienstag, 5. April


Einer meiner Bekannten auf liebevoll.jetzt hat dieses Bild veröffentlicht.
Es tut so gut, aus Deutschland auch andere Stimmen hören, sehen und erleben zu dürfen.

Es macht Mut und optimistisch.
Und es weist auf den Weg, den auch Sonnenstein im Kommentar zu diesem Blog beschrieben hat.
Wunderbar!



Post scriptum:
🇩🇪 An den Einreisebestimmungen nach Deutschland – "Nachweispflicht" = entweder negativer Test oder Genesenen- bzw. Impfnachweis – hat sich bislang nichts geändert. Diese gelten unverändert, vorläufig bis 28. April mit Aussicht auf Verlängerung.
Die Quarantänepflicht für Einreisende aus Hochrisiko- oder Virusvanriantengebieten besteht weiterhin. Allerdings sind zur Zeit keinerlei Regionen der Erde in eine der Kategorien eingeordnet.

Nachtrag am 5. April: In einem Ausschnitt aus einer aktuellen Pressekonferenz von Karl Lauterbach habe ich gehört, dass ab 1. Mai die Quarantänebestimmungen in Deutschland an diejenigen angeglichen werden, die jetzt bereits in den Niederlanden gelten: 5 Tage Quarantäne und nur noch eine "dringende Empfehlung". Gleicher Wortlaut übrigens wie hier.

🇳🇱 Andersherum bestehen zur Einreise in die Niederlande aus einem EU- bzw. Schengenland aktuell keinerlei Einreiseregeln. Nur "dringende Empfehlungen", nach der Einreise Selbsttests zu machen.

Donnerstag, 4. November 2021

Sehnsucht

Es gibt Tage, da erfüllt mich eine unglaubliche Sehnsucht nach normalem Leben. Eine unglaubliche Sehnsucht danach, einfach drauflos leben zu können. Sehnsucht danach, spontan die Dinge tun zu können, wie sie mir in den Sinn kommen oder sich andienen.

Wisst Ihr noch, wie das war? Erinnert Ihr Euch noch?

Man wachte morgens auf, lebte sein übliches Morgenritual. Mit ausgedehntem Frühstück, kleinem Frühstück, gar keinem Frühstück im Bauch gings zur Arbeit, zur Schule, zu …irgendwas, was man sich vorgenommen hatte. Man verließ das Haus einfach so und tat, was anstand. Völlig frei von jeglicher Furcht vor irgendeiner draußen lauernden Gesundheits-gefahr. Völlig ohne jedwede Extra-Vorsichtsmaßnahmen und Extra-Gepäck wie Masken, Impfpässe, Testergebnisse, Desinfektionsmittel. Einfach nur Tasche oder Rucksack und Schlüssel nehmen und los.

Frei von allesbeherrschender Angst vor bösen Viren, die irgendwo im Atem eines Mitmenschen heimtückisch darauf warten, andere Menschen zu überfallen, lief man durch seine Stadt, sein Dorf. Begenete anderen Menschen, ohne ihnen auszuweichen. Benutzte öffentliche Verkehrsmittel, drückte
sich durch volle oder übervolle Kaufhäuser, Märkte, Weihnachtsmärkte, Sonderausstellungen in Museen, Theaterfoyers, wartete in Klo-Schlangen, saß oder stand dichtgedrängt in Konzerten, tanzte ab (und schwitzte fröhlich drauflos) in der vollen Disco.

Völlig frei von jeder Angst vor den bösen Keimen, die die
Mitmenschen auspusten könnten, saß man bei einander. Umarmte sich. Küsste sich auf die Wange, oder unter Liebenden ganz arglos und genießend sinnlich. Man saß mit den verschiedensten Menschen in häuslichen Situationen zusammen, feierte Feste, besuchte einander, ging essen, hockte einen Abend lang in übervollen Kneipen, war unter Menschen, unter Menschen, unter Menschen. Selbstverständlich. Arglos. Glücklich. Natürlich. Ohne nachzudenken. Manchmal verärgert über die Fülle, man hätte gerne etwas mehr Raum gehabt. Trotzdem irgendwo entspannt. Menschen gehörten zu Menschen.

Und das alles war absolut frei von allgegenwärtiger Angst, sich mit irgendwas anzustecken. 

Man verliebte sich und kam sich völlig happy und frei näher und näher, küsste sich, hielt Händchen und irgendwann mehr, und hatte allenfalls Angst, dass die Verliebung einseitig sein könne. Andere genehmigten sich One-Night-Stands. Da war die einzig wahrgenommene Ansteckungsgefahr diejenige bezüglich Geschlechtskrankheiten.

Man ging auf Reisen. Fahrkarte, Flugticket buchen und los. Einfach so.
Man bezahlte bar. Einfach so.

Fasste Lebensmittel im Supermarkt an, prüfte die Qualität von Obst und Gemüse, legte gegebenenfalls etwas wieder zurück. Ohne sich allzusehr einen Kopf zu machen, wer das vor einem schon alles in der Hand hatte, man würde es doch waschen oder schälen, ehe man es isst. Ohne vorher und hinterher die Hände mit Sterillium einzureiben. Gelegentlich aß man auch mal einen Apfel oder eine Birne, nachdem man die Frucht einfach abgerieben hatte, nicht erst nachdem sie ausführlich gewaschen waren. Oder naschte auch mal einzelne Erdbeeren, Himbeeren, Johannisbeeren nach dem Kauf gleich aus dem Schälchen. Frei von Angst, sich mit irgendwas anzustecken. Allenfalls hatte man Bedenken wegen Pflanzenschutzmitteln.

Nach dem Einkauf räumte man die Dinge an ihren Platz. Kochte sich danach einen Kaffee oder Tee, schmierte sich ein Brot, klaubte einen Keks aus der Dose oder ein Knäckebrot aus der Schachtel. Genehmigte sich ein Stück Schokolade aus der gerade gekauften Packung. Ohne sich grundsätzlich nach jedem Einkauf eindringlich erst noch daran zu erinnern: hallo! Du kommst vom Einkaufen! erstmal Hände waschen!!! Tat man meistens schon, aber mehr aus Gewohnheit denn aus Angst vor irgendeiner Ansteckung.

Klar, in der Erkältungszeit war man etwas vorsichtiger, wusch die Hände häufiger und sah zu, dass einen niemand anhustete. Aber andererseits, Erkältungen konnten passieren. Waren unangenehm, aber kein Drama.

Man lebte drauflos. Und es ging (meistens) gut. Wofür hatte mein sein gut trainiertes Immunsystem? Über das man nicht einmal nachdachte. Auf das man sich vertrauensvoll verließ, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Man tat überhaupt alles einfach so. Wollen wir…. ins Kino, ins Theater, ins Konzert, ins Museum, ins Schwimmbad, zum Sport, was Essen,… gehen? Prima, wann? Und dann gings los. Ab in irgendein öffentliches Verkehrsmittel, aufs Fahrrad, ins Auto. Und zum Treffpunkt.

Keine Überlegung: was muss ich jetzt nachweisen, um dorthin zu können? Darf jemand "ohne" dort noch in, oder nicht? Habe ich genug Masken dabei? Sind es auch die richtigen Masken? Muss ich da eine FFP2 oder kann eine normale medizinische Maske? Das Fläschchen Desinfektionsmittel nicht vergessen! Den Impf- oder Testnachweis parat haben. Und immer die Angst im Gepäck, die Drohung: das böse Virus lauert überall.

So war das.
Nach dieser Unbeschwertheit sehne ich mich. Manchmal so sehr, dass ich heulen könnte.
Weg. Aus und vorbei. Ob sie je wieder kommt?

Offizielle Grafik mit ab übermorgen geltenden Regeln     

Hier im Land geht alles gerade erst einmal den umgekehrten Weg. Ab übermorgen haben wir die
Maskenpflicht zurück beim Einkaufen und überhaupt in allen Innenräumen, in denen mehrere Mensche bei einander sind. Genesen-Geimpft-Getestet wird an viel mehr Stellen eingeführt, als es bislang galt; außer in Restaurants, Theatern, Konzertsälen und bei Großveranstaltungen nun auch in Museen, Schwimmbädern, Sportschulen, für Zuschauer von Sportveranstaltungen und auf Jahrmärkten.

Die Angstkeule wird wieder heftig geschwungen und mit warnender Stimme werden täglich mehrfach die aktuellen Zahlen genannt. Vor allem wird angstvoll und angstmachend nach den Aufnahmen ins Krankenhaus und den belegten Intensivbetten geschaut. Bei 17 Millionen Einwohnern gibt es rechnerisch landesweit nur 1150 Intensivbetten und aufgrund vieler Krankmeldungen im Personal zur Zeit nur 950. Irgendwer hat ausgerechnet, dass in den Niederlanden rechnerisch 9,6 Intensivbetten auf 100.000 Einwohner kommen. In Deutschland sind das 46 pro 100.000. Und in Italien immerhin noch 11. Die 8 großen Universitätskliniken haben schon verlautbart, dass Aufstocken eine Option ist. Nicht zu schaffen. Weder personell noch finanziell.
Also wird die Angstkeule geschwungen. Und wie!

Unbeschwertheit? Nächster Witz!

Und dabei ist Freude, sind Dankbarkeit, Liebe, Mitgefühl die allerwichtigsten Gefühle, um innerlich und überhaupt gesund zu bleiben. Au Mann! Das wird einem zur Zeit vielleicht schwer gemacht!

Gottseidank gibt es dann sonnige Tage, so wie heute – nach einem enorm nebligen Vormittag war der Nachmittag ein Gedicht. Gottseidank gibt es spirituelle Online-Kongresse mit phantastischen, aufbauenden Interviews. Gottseidank gibt es die beste Freundin aus Schulzeiten, mit der ich regelmäßig telefonieren kann. Gottseidank gibt es Freunde in Deutschland, mit denen ich mailen oder telefonieren kann. Gottseidank gibt es Brieffreundschaften, die mich aufbauen und in denen ich die anderen aufbauen kann. Gottseidank gibt es die Bekanntschaften aus liebevoll.jetzt und die Online-Cafés. Gottseidank gibt es einen unerschütterlich optimistischen Mann an meiner Seite. Gottseidank gibt es Musik, zum Anhören oder auch mal Selbermachen. Gottseidank gibt es Meditationen. Gottseidank gibt es noch meine VLOW-Gruppen. 

Mit all dem muss es sich doch schaffen lassen, einigermaßen durch diese irre Zeit zu kommen.

Was meinen Sie, Baron von Münchhausen?

Montag, 25. Oktober 2021

Eremitin

Heute Vormittag ging mir seit langer Zeit wieder einmal der Untertitel dieses Blogs durch den Kopf. Über den durch das "C-Paradoxon" (Günter Kerschbaummayr) veränderten Alltag wollte ich damals, zu Beginn des Elends berichten. Und will ich noch immer. Wahrnehmen was geschieht und das Bewusstsein wach halten. Jedoch: Inzwischen ist alles so durchgreifend anders geworden als im echten Leben, jenem Leben, das wir bis einschließlich Februar 2020 gelebt haben, dass ich es oft nicht mehr direkt thematisiere.
Daran gewöhnt habe ich mich nicht.
Und darum will ich heute wieder einmal einen schon hin und wieder en passant erwähnten
Aspekt ansprechen, der sich mir vorgestern sozusagen auf dem Silbertablett angedient hat.

Die berühmte Karte "Der Eremit" aus dem Rider Waite Tarot
Es lohnt sich, die Bedeutung nachzulesen

Online-Café von liebevoll.jetzt. Via Zoom virtuell Zusammensitzen mit Menschen, die auf mehr oder weniger einem ähnlichen lebensphilosophischen Hintergrund ihr Leben leben. Beinahe jedes Mal verlasse ich meinen Schreibtisch mit einem angenehmeren, froheren Gefühl als ich mich vor Beginn des Live-Treffens dort niedergelassen hatte. Selbst nach jenem Mal, über das ich jetzt berichte.

Vergangenen Samstag, aber auch schon früher bei anderen Online-Cafés im Gespräch mit anderen Menschen, kam es wiederholt zur Sprache: wir sind in einer gewissen Art und Weise menschenscheu geworden. Direkte Kontakte, Nähe zu anderen, besonders zu jenen, die uns nicht so nahe stehen, sind mühsam bis unangenehm geworden.

19 Monate C-Wahnsinn haben ihre Spuren hinterlassen. Auch bei bewussten Menschen. Auch bei Menschen, die die viele Alleine-Zeit nutzen für innere Arbeit. Die Einmeterfünfzig-Gesellschaft; das ständig wiederholte Drohszenario; das Bewusstsein, dass auch Geimpfte Überträger sein können und erkranken können; in Deutschland auch die allgegenwärtige Maskenpflicht; die allgegenwärtige Testerei und das Herumhämmern auf dem Vorzeigen der QR-Codes (in den Niederlanden lediglich bei bestimmten Gelegenheiten, in Deutschland wohl beinahe überall im öffentlichen Leben) – alles das hat unser Lebensgefühl beeinträchtigt.

Vor allem das Leben derjenigen, die nicht mehr in einen Arbeitsprozess, ins Berufsleben eingebunden sind; das Leben derjenigen, deren erwachsene Kinder oder deren Geschwister weiter weg von ihnen leben; das Leben derjenigen, die vor Ort keinen ausgedehnten Freundeskreis haben; das Leben derjenigen, die ohne Partner leben und/oder die keine Familie mehr haben, hat sich in dieser Hinsicht offenbar sehr verändert. Schwieriger noch gestaltet es sich für die, die sich gegen die Impfung entschieden haben. In den Zoom-Gesprächen kommt das immer wieder zum Ausdruck. Manchen geht es mit der zunehmenden Spaltung und Isoliertheit richtig schlecht.

Auffällig ist, dass von dieser neu in ihren Leben entstandenen Menschenscheu selbst Menschen berichten, die ehrenamtlich tätig sind oder die selbständig Erwerbstätige sind. Es hat nicht nur solch zurückgezogen Lebende erwischt, wie ich eine bin.

Allen gemeinsam ist, dass sie sich in Menschengruppen sowieso nicht mehr wohlfühlen. Auch beim
Einkaufen, egal ob in einem Supermarkt, Laden, oder auf einem Markt. Das ganze Gewusel ist einfach zu viel. Die räumliche Nähe auch. Jemand drückte es im Gespräch so aus: "was machen die alle da?"
Es ist einem – schwer gegen die eigentliche Natur des Menschen - zur zweiten Natur geworden, anderen aus dem Weg zu gehen.

Da wir alle wissen, dass das hochgradig ungesund ist, versucht jede und jeder, einen eigenen Weg zu finden, um nicht vollständig zum Sonderling zu werden und in Einsamkeit zu versinken. Kreativ sein, schöpferisch sein ist eine gute Strategie. Eisern die ehrenamtliche oder selbständige Arbeit weitermachen eine andere. Die vorhandenen Kontakte pflegen eine wichtige dritte. Wobei - aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass einer da die entstandene Menschenscheu auch ziemlich im Weg stehen kann.

Auf irgendeine Weise hat man sich eingerichtet in der eigenen Zurückgezogenheit. Es kostet oft wirklich Überwindung, aus dem Mauseloch oder Schneckenhaus herauszukommen um auch nur einen Anruf zu tätigen. Erst recht, wenn die andere Person in Sachen "C" 'dem anderen Lager' angehört. Dann ist ein wesentlicher Teil der aktuellen Lebens-Erfahrung von vorneherin von der Kommunikation ausgeschlossen.

Übrigens, nicht bei allen wirkt die aktuelle Situation sich wie oben beschrieben aus. Es gibt Leute, die offenbar wieder 'ganz normal' leben, oder jedenfalls fast. Klar, großenteils diejenigen, die berufstätig sind und für die Homeoffice der Vergangenheit angehört. Aber auch manch andere. Sie treffen Leute; gehen essen, in Konzerte oder anderweitig aus; fahren bzw. fliegen ins Ausland in Urlaub; lassen sich nötigenfalls testen und testen und testen, ohne irgendetwas dabei zu finden; nehmen alles irgendwie hin. Als ob nichts sei.

Und es gibt Leute, die schaffen es, sich von dem oben geschilderten nicht unterkriegen zu lassen. Sie nehmen wahr, was das alles für Auswirkungen auf unsere Gesellschaften hat, was es getan hat und noch tut mit der Art, in der wir zusammenleben. Aber sie entwickeln eine Gegenstrategie. Suchen sich Gruppen gleich denkender, gleich schwingender Menschen und treffen sich. Machen Dinge gemeinsam. Entwickeln Ideen und Visionen – gemeinsam. Überwinden immer wieder die von den Umständen provozierte innere Verfasstheit und leben (in Großbuchstaben: LEBEN) ein "Trotzdem".

 

 

Und mein Weg? Irgendwo dazwischen. Jeden Tag aufs Neue bewusste Versuche dieses 'trotzdem'.

Ich erinnere mich an eine Postkarte, die bei einem früheren Partner, seines Zeichens Trommellehrer, an die Wand gepinnt war:

Üben. Üben. Üben.

 

Zur Bedeutung der Tarotkarte "Der Eremit" siehe z.B. hier.

Donnerstag, 23. September 2021

Auf einen Sprung

Blick aus dem Kirchturm in Termunten
Heute schwelge ich in der Erinnerung an den gestrigen Besuch einer herzensvertrauten, langjährigen Freundin, die in einer norddeutschen Stadt lebt und darum mit nicht allzuviel zeitlichem Aufwand für ein paar Stunden kommen kann. Wir erinnern uns: in Deutschland lebende Menschen dürfen entsprechend hiesiger Bestimmungen momentan ohne Test/Impfung/Gesungsnachweis maximal 12 Stunden in den Niederlanden bleiben. Wer länger bleiben will, braucht eins von den dreien.
Nach dem gemeinsamen Lunch hier zuhause waren wir unterweges an der Dollart-Küste. Wir besichtigten die wunderschöne, romanogotische Kirche in Termunten, bestiegen den Turm und erfreuten uns an dem Ausblick weit übers Land und das Wasser, spazierten auf dem Deich und schlenderten eine Weile später durch das pittoreske Termunterzijl. Zwischendurch war uns nach Kaffee und Kuchen. In dem wunderschönen, kleinen Café "Teetied" konnten wir beides genießen. Dabei genossen wir beide auch, dass wir ganz normal ins Café schlendern und bestellen konnten. Keine Masken, kein '3g'. Meine Freundin freute es, weil sie das von zuhause so nicht mehr kennt. Und ich schwelgte in dem Gefühl, weil es noch möglich ist.

Übersetzung:
Endlich hab ich meinen QR-Code auf meinem Telefon.
Das war eine ganz schöne Bastelei!
(Netzfund, facebook-Post)

Ab dem 25. September wird hier in den Niederlanden der sogenannte "Corona-Zugangsnachweis" an vielen Orten verpflichtend. D.h. ab dem Moment darf man diese Orte nur noch gespritzt – genesen – getestet betreten. Nachweisen muss man das mit dem entsprechenden QR-Code, den man entweder "auf dem Telefon hat", d.h. mittels einer bestimmten App in sein Handy geladen hat,  oder als Computerausdruck mit sich führt, nachdem man ihn sich von der entsprechenden Instanz (Gesundheitsamt, Testlokal,…) hat mailen lassen. (Was machen eigentlich die noch immer zahlreich vorhandenen Senioren, die weder PC noch Handy haben?)
Für meine Leserinnen und Leser in Deutschland ist sowas alles natürlich nichts Neues, im Gegenteil. Viele werden davon träumen: wenn es doch noch so relativ freizügig wäre... In Deutschland ist man schon einen Schritt weiter in den
Verschärfungen. Vieles dürfen nur noch Menschen, die entweder "den Pieks" (auf sich) genommen haben oder genesen sind. Für uns in den Niederlanden ist g-g-g allerdings etwas Neues und eine ziemliche Verschärfung. Da kann die Regierung noch so laut behaupten, dass die neuen Regeln ab 25.9. eine "Erleichterung" seien. Unsinn natürlich, denn bislang durften alle bei 1,5 m Abstand beinahe alles, und zwar ohne Maske. Sportveranstaltungen und Festivals ausgenommen, da brauchte man schon seit sie überhaupt wieder mit Publikum bzw. überhaupt stattfinden, immer schon 3g.

Also, 3g gilt dann für Restaurants zum Beispiel. Im Prinzip. Ausnahme: draußen. Im Außenbereich sitzen und konsumieren darf man ohne. Aber wehe, man muss aufs Klo oder will sich vor dem Essen die Hände waschen - das darf man nur g-g-g. Wie verrückt soll es noch werden?

"Corona-Zugangsnachweis" muss man dann auch haben für z.B. Theater, Konzerte, Open Airs, Feste – dafür wird überall die 1,5-m-Regel entpflichtet. Gottesdienste bleiben vom g-g-g befreit. Ob gesungen werden darf, entzieht sich meiner Kenntnis.

Eine niederländische facebook-Bekannte hat in Reaktion auf die Gesetzes-Änderung vor ein paar Tagen einen kleinen Post geteilt, der so ähnlich schon einmal im Sommer 2020 die Runde machte. Er bringt eine Alternative zum Restaurant- oder Kneipen-Besuch wieder zurück ins Bewusstsein, erinnert an ein Stück in den letzten Jahren verloren gegangener Alltagskultur. Hier die Übersetzung:

Auch ohne QR-Code: in unserem Haus kann man sich sicher fühlen.
Wir haben immer Kaffee und Tee, Erfrischungsgetränke, kaltes Wasser oder Bier, Wein und etwas zu essen.
😉
Hier wird niemand verurteilt.
Jedes Familienmitglied, jede Freundin, jeder Freund mit Lust auf ein Schwätzchen ist jederzeit willkommen.
Wir können uns unterhalten, lachen, uns umarmen, oder einfach ein offenes Ohr bieten.
Wir werden unser bestes tun, für Dich, für Euch da zu sein….. Du bist jederzeit willkommen!!
Geimpft oder ungeimpft.
Das sind Werte, die verlorengegangen sind…

Private Fensterdekoration (Teddy-Aktion im Lockdown Frühjahr 2020)

Tatsächlich. Sich gegenseitig 'einfach so' besuchen ist etwas, das auf der Strecke geblieben ist. In vielenFällen nicht erst seit März 2020. Aber seit März 2020 ist das alles noch viel ärger geworden. Auf die Spitze getrieben. Ich erinnere mich noch, wie die Nachbarin, die uns Eier von ihren Hühnern brachte, und dabei nicht einmal nach drinnen zu kommen beabsichtigt hatte, mit Maske in der Hand angelaufen kam – ob sie die aufsetzen solle, ehe sie mir die Eier überreicht.

So gut wie niemand von den facebook-Bekannten derjenigen, die den Text gepostet hat, hat den Beitrag geliked.
Ich denke, dass ganz viele Angst haben, sich als jemand zu outen, der die Maßnahmen der Regierung kritisiert, hinterfragt. Denn die Zweiteilung in der Gesellschaft hat sich auch hier ausgebreitet. Niemand will facebook-öffentlich beschimpft werden. Vielleicht wollen viele sich auch nicht vor ihren eigenen facebook-Bekannten, Nachbarn, Freunden 'outen'.

Kann ich verstehen. Man will nicht noch mehr isoliert werden. Es ist alles schon schlimm genug.

Dabei  beinhaltet dieser von wem auch immer – sprachlich nicht sonderlich ausgefeilt – bedachte Text viel Wahres. Man kann sich durchaus darauf besinnen, dass es nicht immer ein Restaurant oder Café sein muss. Man kann einander auch besuchen. Ganz problemlos sowieso jetzt noch, wo man auf windgeschützten Terrassen oft noch prima draußen sitzen kann. Und also genug Frischluft vorhanden ist.

Mit der Bekannten, die den Text gepostet hat, will ich eigentlich schon seit Anfang des Jahres mal wieder einen Kaffee trinken. Wird Zeit, dass ich endlich auf einen Sprung bei ihr vorbeigehe.

Montag, 13. September 2021

Dänisch Träumen

Eine Freundin aus früheren Zeiten lebt schon seit Jahrzehnten in Dänemark. Mit ihr habe ich gelegentlich Kontakt über Soziale Medien. Vorgestern unterhielten wir uns über dies und das, und sie schrieb dann so en passant: "Dänemark hat gerade alle Restriktionen aufgehoben. Kommt doch einfach mal auf Besuch!"

Sofort ging mein Kopfkino los.
Phantastischer Gedanke: alle Maßnahmen aufgehoben!

Afterwork open air freitags am Friedberger Platz in Frankfurt - vor Corona

Einfach wieder leben. Einfach wieder Menschen begegnen. Einfach wieder Zug fahren. Einfach wieder essen gehen. Einfach wieder ins Theater gehen. Einfach wieder ins Museum gehen. Einfach wieder Mensch sein unter Mit-Menschen. Es kommt mir vor wie das Paradies.
Zurück im echten Leben!

Das Leben ein Traum.

Davon sind wir hier in den Niederlanden und erst recht die Menschen in Deutschland noch weit entfernt.

Hier hat das Kabinett gestern beschlossen, einerseits ab 25. September die Einmeterfünfzig-Regel abzuschaffen. Andererseits aber werden massive Beschränkungen eingeführt derart, dass nun beinahe überall ein "Corona-Zugangsbeweis" notwendig wird. D.h. g, g, oder g. Getestet, genesen oder geimpft. Ich erzählte darüber bereits am 26. August in meinem "Zwischenfazit".
Aus die Maus mit Essen gehen einfach so, und zwar unabhängig davon, wie viele Menschen im Restaurant Platz haben. Erst war die Rede davon gewesen, g-g-g erst ab 70 Sitzplätzen verpflichtet zu stellen. Aus die Maus auch mit Museumsbesuchen einfach so (wie zur Zeit noch, man muss sich nur voranmelden und ein Zeitschloss buchen). Oder mit dem Besuchen eines Orgelkonzertes (zur Zeit ohne jede Restriktion außer den 1,5 m - aber die sind bei Orgelkonzerten eigentlich nie das Problem). Wie gut, das der Tag des Offenen Denkmals mit all seinen geöffneten historischen Bauwerken und dazugehörigen Vorführungen und Führungen gestern war!

Die genauen Details werden morgen in der üblichen Dienstags-Pressekonferenz mitgeteilt.

Die Gastronomie-Verbände murren und sind verärgert. Viele Gastronomen sagen von vorneherein, dass sie das nicht kontrollieren können und werden. Man müsste, um den neuen Regeln zu genügen, extra Personal einstellen, und das kann (und will !) man sich nicht leisten, nachdem man bereits eineinhalb Jahre hauptsächlich ökonomische Verluste erlitten hat. Man darf gespannt sein, ob der niederländische Freiheitswille sich durchsetzt und massenhaft ziviler Ungehorsam stattfinden wird.

Polizei und Hilfspolizei sind kategorisch gegen diese flächendeckende Einführung von g-g-g. Solche Maßnahmen seien nicht zu handhaben, nicht durchzusetzen, sagen sie. Auch sie kennen natürlich die 'niederländische Volksseele' und die hiesige Neigung, Regeln eher großzügig auszulegen und der Freiheit einen großen Wert beizumessen.

Trotzdem, verglichen mit der dänischen Entscheidung ist die aktuelle Maßnahmen-Politik in den Niederlanden und in Deutschland sehr einschneidend und führt geradezu eine gegenläufige Bewegung aus. Mehr Einschränkungen statt weniger. Es ist "zum junge Hunde kriegen", wie meine Mutter gesagt haben würde in einem solchen Fall, an dem man am liebsten aus der Haut fahren würde.

Wieder einmal, wie schon so oft in den letzten inzwischen mehr als eineinhalb Jahre fühlt man sich ausgeliefert, machtlos, wird über einen hinweggerollt mit diesen Regelungen.

Klick aufs Bild, um das Video anzuschauen

Es hilft natürlich nicht, sich diesen Emotionen hinzugeben. Das schwächt nur, zieht total runter. Mitten in diesem emotionalen Aufruhr fällt mir ein Video von Sonja Ariel von Staden ein, das sie am 6.September veröffentlicht hat. Darin ermutigt sie dazu, sich abzugrenzen, sich nicht vereinnahmen zu lassen. Sie zielt in ihrem Video auf die Vereinnahmung durch andere Menschen, die versuchen, einen mit ihrer Panik, Angst, Empörung, Zorn,…. anzustecken. Aber ihre Worte können genauso gut auch unterstützen, wenn diese Emotionen sich aufdrängen wollen aufgrund der allgegenwärtigen Nachrichten über neue Abstufungen des so alltäglich gewordenen Irrwitzes.

Ein ganz wichtiges Thema jetzt in dieser Phase ist Abgrenzung. Ich erlebe es selber, in meinem Leben, ich erlebe es im Leben meiner Freunde und meiner Community. (…) Stop sagen. Nein sagen. Wenn wir nicht in der Lage sind zu helfen. Es geht jetzt wirklich um das Thema Hilfestellung. Denn weil so viele Menschen dramasüchtig sind, sich weiterhin mit allen möglichen Arten von Median zuschütten, das gilt nicht nur für die Massenmedien, sondern mittlerweile leider auch – seit Anfang Corona – für die Alternativmedien. Wie ich vorhin sagte: mit Angst, Drama, Panik kann man viele, viele Menschen locken, und das führt dazu, dass selbst die spirituellen Menschen, die sehr gefestigt waren, die sehr viel für ihren inneren Frieden getan haben, aus ihrer inneren Mitte herausgezogen werden, weil sie sich mit zu vielen negativen Beiträgen, Videos, Podcasts, whatever, beschäftigen.

Deshalb nochmal mein Appell: Was ist wirklich wichtig? Wo kannst Du dich sinnvoll abgrenzen, damit Du Deinen inneren Frieden wahrst?

Mit anderen Worten, die gute, alte Achtsamkeit kann wieder einmal helfen. Mich nicht einsaugen lassen von dem, was meine Aufmerksamkeit so nachdrücklich heischt. Ein paar Mal tief durchatmen. Die innere Beobachterin aktiv werden lassen und mir das Ganze mit einer gewissen, emotionalen Distanz betrachten. Dem platten Reiz-Reaktionsmuster wieder einmal Adieu sagen. Eine innere Stille erreichen, aus der heraus sich dann agieren, handeln lässt. 

Keine Zeit in meinem bisherigen Leben war so sehr eine einzige Aufforderung, an sich selbst zu arbeiten...

Und zur Entspannung darf dann ruhig auch dänisch geträumt werden.


Donnerstag, 26. August 2021

Zwischenfazit

Aktueller (13. August 2021) Stufenplan der niederländischen Regierung zur sogenannten
Aufhebung der Maßnahmen
18 Monate, eineinhalb Jahre geht das jetzt schon, dieses ganze C-Chaos. Und kein Ende absehbar. Seitens der Politik und vieler Medien wird, jedenfalls in Deutschland, geunkt und gewarnt, gedroht und gestraft, manches belohnt, viel beschimpft, etikettiert und ausgeschlossen. Schön ist anders. Angenehm ist auch anders.

Viele Menschen haben dies alles einfach vorn und hinten, oben und unten, rechts und links, schlichtweg komplett: satt.

Die Politik in den Niederlanden versucht, diese emotionale Lage durch in Aussicht gestelltes, allmähliches Zurückdrehen der Maßnahmen zu entspannen. In der nebenstehenden Übersicht wird der der Bevölkerung präsentierte Stufenplan dargestellt.

Bis 19. September bleibt alles, wie es zur Zeit ist. Ausnahme: weiterführende Schulen und Hochschulen, wo die eineinhalb-Meter-Regel ab 30. August aufgehoben wird, aber dafür Maskenpflicht besteht und eine Begrenzung auf 75 Anwesende pro Hörsaal.

Ab 19. September scheint es beinahe ein Schlaraffenland zu werden. Auf den ersten Blick werden alle möglichen Einschränkungen aufgehoben. Eine Menge Icons sind auf dem Plakat durchgestrichen.
Eigentlich aber ist es eine Verschlechterung, denn bislang darf man fast überall ohne getestet-genesen-geimpft-Nachweis hin. Halt mit eineinhalb Meter Abstand. Nach dem 19. September wird die Begrenzung der Maximalanzahl Menschen pro Raum aufgehoben, wird die eineinhalb-Meter-Regel aufgehoben, fällt die Maskenpflicht, fällt die Sitzplatzpflicht im Gastgewerbe, fällt das Verbot für Events. 
Aber
: überall, wo mehr als 75 Menschen zusammenkommen, egal ob drinnen oder draußen, gilt ab diesem Moment die 3g-Regel.  Essen im Restaurant (wenn dort mehr als 75 Menschen sitzen können): nur noch g-g-g. Auch im Wirtshausgarten. Zur Zeit kann jeder jedes Restaurant besuchen. Zur Zeit kann auch jeder in jedes Museum. Zwar mit Zeitschloss, aber ohne Maske. Das Orgelkonzert letzten Sonntag, bei dem ich dann doch nicht war, hätte ich ohne Anmeldung und einfach so besuchen können. Zum Beispiel.

Die "Verbesserungen" per 19. September werden darüber hinaus nur dann durchgezogen, wenn der Impfprozentsatz hoch genug ist und die Intensiv- und Krankenhausbettenauslastung im Rahmen bleibt. Wobei jedenfalls auf dieser Übersicht keine Zahlen stehen, die ein Maß dafür angeben.

Die Soziologin in mir stellt fest: geschickter Schachzug. So führt man eine Impfpflicht durch die Hintertür und die Diskriminierung derjenigen, die sich nicht impfen lassen ein in einem Land, in dem aufgrund eines nicht ganz unbedeutenden Anteils bibeltreuer Christen traditionell ein definierter Prozentsatz von Menschen grundsätzlich keine Impfungen machen lässt. In einem Land also, in dem bislang Diskriminierung Ungeimpfter aus Gründen religiöser Toleranz (in den Niederlanden ein hoher Wert) ein No-Go war.

Zum 1. November, so der symbolische Schinken, der der Bevölkerung vor der Nase hergezogen wird, sollen dann – wenn die Zahlen es zulassen, also genug Geimpfte plus wenig Krankenhausauslastung durch Patienten mit Covid-Diagnose – alle Maßnahmen fallen. Nun weiß aber inzwischen jedes Kind, dass spätestens ab dem Herbst die Erkältungs- und Coronviren-Saison beginnt…

Derweil gibt es an anderen Stellen durchaus Erfahrungen von einigermaßen Normalität zu machen. Ein monatliche zusammenkommendes Gremium, in dem ich Mitglied bin, hat sich gestern zum zweiten Mal seit Beginn und Ende der Lockdownerei wieder 'in echt' getroffen. Es ist schon eine besondere Erfahrung, sich nun wieder im großen Karree im Sitzungsraum zu versammeln und einander nicht nur auf dem Bildschirm zu sehen, sondern wirklich zu erleben. Mit Körpersprache, Atmosphäre, Ausstrahlung. Auch meine spirituellen Gruppen treffen sich weiterhin, eine heute, die nächste am Montag. Allmählich nehmen auch wieder alle teil, auch die, die noch vor wenigen Wochen Bedenken hatten. Ein schönes, lebendiges Gefühl, wieder mehr Menschen wirklich begegnen zu können.

Auch die Tatsache, vorläufig in jeden Laden, jedes Restaurant einfach so und mit freiem Gesicht, wie im echten Leben, hineinspazieren zu können und einzukaufen oder zu speisen, genieße ich jedes Mal wieder nach Strich und Faden. In den Zügen, die hier außerhalb der Stoßzeiten meistens eher dünn bevölkert sind und in denen fast nie ein Zugbegleiter anwesend ist, haben immer mehr Fahrgäste die Masken auf Halbmast oder ganz ab. Der nächste Fahrgast sitzt doch viele Meter von einem entfernt. Warum nicht? Man erntet mit halb oder ganz freiem Gesicht vielleicht erstaunte Blicke. Aber sagen würde – jedenfalls hier in Groningen - nie jemand etwas. Auch der Lokführer nicht, der wahrscheinlich die Kamerabilder aus dem Fahrgastraum sehen kann.

Auf der anderen Seite ist die Polarisierung in der Gesellschaft nicht zu übersehen und nicht zu überfühlen. Jemand, der im Lauf der gestrigen Sitzung so en passant fallen ließ, nicht geimpft zu sein, erntete erstaunte Blicke. Aber immerhin – anders als es mir aus Deutschland berichtet wird – keine inquisitorischen Fragen. Jedenfalls nicht im Plenum.

Freundschaften zerbröseln, wenn nicht alle Beteiligten sich sehr viel Mühe geben, dem Gegenüber seine subjektiven Entscheidungen zuzugestehen und das Gegenüber mit seiner Entscheidung in seiner Würde zu lassen. Sobald eine Seite die andere unbedingt überzeugen will von dem, was sie selbst als unverbrüchliche Wahrheit für sich erkannt hat, wird es ungemütlich. Oder unerträglich.

Jedenfalls vergiftet es die Atmosphäre. Und dies Vergiftete ist leider an vielen Stellen zu spüren.
Mich erschöpft das ungemein. Und es macht mich traurig.

"Faust und Gretchen, Marthe und Mephisto im Garten", Theodor Pixisw 1863
Freies Deutsches Hochstift / Goethemuseum Frankfurt am Main © Miteigentum
der BRD / Ursula Edemann (Crative Commons BY-NC-SA)
"Sag, Heinrich, wie hältst Du's mit der Injektion?" würde Gretchen Faust wohl heutzutage in Marthes Garten fragen. Dass jahrelange Freundschaften oder auch Familienbande und Liebesbeziehungen bedroht werden oder zerbrechen, weil man einander nicht mehr richtig nah sein kann, nachdem Beteiligte unterschiedliche Antworten auf diese Frage gefunden haben, tut mir enorm weh. Im Freundeskreis habe ich das inzwischen ein paar Mal erlebt. Wobei mir auffällt, dass es oft eher die Älteren, über 60-jährigen sind, die sich gegen die Injektion entscheiden, und die jüngere (Kinder-)Generation dies nicht akzeptieren kann. Töchter in den 30ern, die nicht mehr mit ihrer Mutter reden, weil sie "eine Verschwörungs-gläubige" ist, oder die die eigenen Kinder extra impfen lassen, um den eigenen Eltern zu zeigen, wie gut sie selbst sich an alles Verordnete halten – nie hätte ich mir (alp)träumen lassen, dass ich so etwas einmal im eigenen Umfeld mitmachen würde.

Anders, als uns das schöne Dokument der niederländischen Obrigkeit vermitteln will, ist für all dies kein Ende abzusehen. Jede und jeder muss einen Weg finden, damit zu leben. Möglichst im inneren Frieden damit zu leben. Möglichst so damit zu leben, dass einem die Hoffnung erhalten bleibt, die Zuversicht erhalten bleibt, das Vertrauen in das Leben erhalten bleibt. Möglichst grübelfrei zu leben.

Kürzlich habe ich in einem Videogespräch zwischen Sonja Ariel von Staden und Susanna Suter  (ab Minute 7:00) einen für mich mit meinem kleinen Park hinterm Haus sehr praktikablen Tip zur ersten Hilfe bekommen für Momente, in denen "die Gedankenpferdchen dann mal wieder total durchdrehen": eine Geh-Meditation. Sonja beschreibt: "Ich gehe sehr schnell, und ich lasse alle unnötigen Gedanken hinter mir."  Gemeint ist damit, sie wirklich im Wortsinn hinter sich zu lassen, von ihnen weg zu gehen.

Quelle http://clipart-library.com/clipart/720830.htm
"Und am schönsten ist, wenn dann auch noch ein Wind kommt, sich in den Wind zu stellen und dann zu sagen: so, der Wind darf jetzt mal den Müll aus meinen Gedanken wegtragen, damit nur die Gedanken übrig bleiben, die jetzt wichtig sind. Die mich fördern. Die mir Lösungen liefern. Und die helfen, gute Entscheidungen zu treffen."

Gut, dass ich das jetzt aufgeschrieben habe. Dann bleibt es besser im Gedächtnis, und die Chance steigt, dass ich es wirklich tue, wenn die Pferdchen anfangen zu galoppieren.

 

Montag, 23. August 2021

Wertezerfall

Reliefskulptur am Landgerichtsgebäude in Frankfurt am Main
Kürzlich schrieb eine meiner Freundinnen in einem Brief, in dem sie über das sinnierte, was aktuell in beinahe allen parlamentarisch-demokratischen Ländern passiert:

"Wo sind all unsere so hoch gepriesenen Werte wie Integrität meines Körpers, Meinungs- und Versammlungsfreiheit, Elternrecht ... geblieben, wo? Alle  übern Haufen geworfen weil die Regierung es sagt, und das schneller als die Polizei erlaubt!"

Genau so schnell, wie die Regierenden es wollen. Kaum Stimmen einer parlamentarischen Opposition, die dagegen protestieren. Es ist mir noch immer ein Rätsel, wo all die kritischen Denker – mindestens bei den Grünen, die doch ihre Wurzeln in der Außerparlamentarischen Opposition haben, die nichts so sehr auf ihre Fahnen geschrieben hatte wie Freiheit und Menschenrechte – geblieben sind.

Ich erinnere mich an mich als kleines Dötzchen, das in der vierten oder fünften Klasse in Sozialkunde erstmals vom Grundgesetz hörte. Davon hörte, wie besonders eine solche Verfassung sei und wie gut geschützt vor gesetzlicher oder polizeilicher Willkür die Menschen in der Bundesrepublik durch die unveräußerlichen Grundrechte seien. Dass man aus der Geschichte gelernt habe: so etwas wie die Rechtlosigkeit und Gewaltherrschaft des Dritten Reiches dürfe und könne nie wieder vorkommen. Dafür hätten die Väter des Grundgesetzes gesorgt. Mit aufgesperrten Ohren lauschte ich, und mit begeistertem Herzen nahm ich das Lehrbuch mit dem Deutschen Grundgesetz und der Hessischen Verfassung mit nach Hause. Wahrscheinlich erzählte ich stolz von dem, was ich gelernt hatte und wie gut es uns in der Bundesrepublik mit einem solchen Grundgesetz gehe.

Über die unveräußerlichen Menschenrechte ging auch später im Gymnasium noch so manche Unterrichtsstunde, in Geschichte – in Abgrenzung zum Dritten Reich und zu den Diktaturen des Warschauer Paktes -, in Gemeinschaftskunde – in Auseinandersetzung mit allerlei Philosophien des 18. Jahrhunderts. Undsoweiter.


Als wir die Schule verließen, war das Vertrauen in die Rechtssicherheit, vor allem in die unverbrüchlich immerwährende Gültigkeit der Grundrechte, die schwerer wögen als jedes andere Recht, tief in unsere Köpfe, Seelen und Herzen gepflanzt. Jedenfalls bei den meisten von uns.

Offenbar aber, so lernen wir jetzt gerade alle, war das trotz all der Anstrengung hunderttausender Lehr-Körper bei vielen nicht wirklich verwurzelt.
Mit ein paar, von Mal zu Mal stärker eingreifenden Gesetzesänderungen ist dies alles wegradiert. Zählt nicht mehr. Nicht mehr die Grundrechte sind das höchst stehende Recht. Sondern ein Infektionsschutzgesetz.

Was das bis in kleinste Verästelungen hinein für auch atmosphärische Folgen hat, habe ich schmerzlich heute im Telefongespräch mit einem guten Freund erfahren. Es geht mir noch sehr nach.

Seine Frau liegt seit sieben Wochen in einer deutschen Großstadt in der Klinik (hat nix mit C zu tun), und die Behandlung wird sich noch lange hinziehen. Besuche sind dort sowieso nur Leuten erlaubt, die durchgeimpft sind. Seit heute müssen sie auch noch einen negativen Schnelltest nachweisen, der nicht älter als 48 Stunden sein darf. Maskenpflicht herrscht sowieso. Mein Freund, fast 80, hat in dieser Klinik ein kafkaeskes Erlebnis nach dem anderen. Vor ein paar Tagen, da war es gerade superwarm, stand er am frühen Nachmittag in der Einlass-Schlange vor dem Krankenhaus. Für 15 Uhr hatte er sich seiner Frau angekündigt, kurz nach 14:30 war er angekommen. Etwa 25 Leute vor ihm in der Schlange. Eine Wachfrau, die Einlasskontrolle machte. Nach minutenlangem Wachten, etwa 8 Positionen war er schon vorgerückt, erfuhren plötzlich alle, dass sie erst ein Formular ausfüllen mussten. Run auf die Formulare, es gab wohl Tische, wo man sie ausfüllen konnte, und dann mit Formular wieder neu anstellen. 'Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied' bedeutete hier: nicht etwa dass alle wieder dieselben Plätze in der Schlange eingenommen hätten wie vorher, wer sich vorschieben konnte, schob sich vor… und so hieß es für ihn, nicht mehr so superschnell zu Fuß, erneut in langer Schlange in der Hitze schmoren.

Angekommen bei der ca. 20-jährigen Sicherheitsfrau, zeigte er den verlangten Impf- und Testnachweis auf seinem Handy vor. Dann sollte er seinen Personalausweis zeigen. – Dumm, den hatte er, mit dem E-Bike gekommen und daher ohne Brieftasche, nicht dabei. Aber er hatte ein Foto auf dem Handy vom Ausweis. Froh zeigte er es vor. Antwort des jungen Huhns: Das könne sie nicht anerkennen. Das Handy hätte er ja gefunden haben können. Er: "Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich mit meinen 80 Jahren …." – Na, dann wolle sie mal gnädig sein und diese Personalausweiskopie auf dem Handy akzeptieren.

Aber, triumphierte sie, sie würde ihn trotzdem nicht reinlassen. Er habe nämlich keine FFP2-Maske auf, sondern nur eine OP-Maske. Und sie ließe ihn nur mit FFP2-Maske rein. Er verwies auf die hinter der Frau auf der Tür klebenden Schilder, die sagten: Zugang mit FFP2- oder OP-Maske.

Das wäre ihr egal, so die Frau vom Sicherheitsdienst, sie hätte das Schild nicht geschrieben. Er solle sich gefälligst in der Apotheke eine FFP2-Maske kaufen und dann wiederkommen.
Also machte er sich auf zur Apotheke, die ein paar Minuten entfernt am anderen Ende der Klinik sich befindet. Kaufte die FFP2-Maske. Dackelte zurück. Durfte sich erneut in der Hitze anstellen.

Eineinhalb Stunden nach seiner Ankunft am Krankenhaus und eine Stunde nach der verabredeten Zeit konnte er dann endlich um 16 Uhr seine Frau in ihrem Krankenzimmer begrüßen.

Keine Person in der Warteschlange, die für ihn Partei ergriffen hätte. Niemand, der ihn nach der Rückkehr aus der Apotheke vorgelassen hätte. Einen 80-jährigen, deutlich nicht gut zu Fuß seienden Mann….

Eigentlich bin ich noch immer fassungslos. Mal abgesehen von der an sich schon unmenschlichen Regelung für den Krankenhausbesuch ....  [Hier in dern Niederlanden braucht man nur eine medizinische Mundnasenbedeckun, keinen negativen Test, schon gar nicht die Impfung, um seine kranken Angehörigen in der Klinik besuchen zu können.]  Das ist dann also nach 18 Monaten das Ergebnis der sozialen Isolation der hinter Masken versteckten 1,5-m-Gesellschaft. Welche Unmenschlichkeit hat sich in dieser kurzen Zeit breitgemacht. Es ist wieder soweit. Gib kleinen, unbedeutenden Figuren Macht, und sie kosten sie aus bis in den letzten Zentimeter. Lassen die anderen spüren, wer hier das Sagen hat.

Das hatten wir doch alles schon mal.

Die komplette Abwesenheit jeglicher Menschlichkeit und Mit-Menschlichkeit macht mir Angst. Wenn das die vorherrschende Stimmung, der vorherrschende Umgangston in der Gesellschaft ist, dann gute Nacht.

Jetzt, ein paar Stunden nach dem Telefonat, nachdem ich das alles mir von der Seele geschrieben habe, geht es mir etwas besser, blicke ich mich um in meinem Leben.

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Und ich bin froh, dass ich eine Menge Menschen kenne und um mich habe, die völlig anders ticken. Von denen ich weiß, dass sie – hätten sie mit meinem Freund in der Schlange gestanden – ihm bei gestanden hätten in der Diskussion mit der jugendlichen Torwächterin. Oder zumindest nach der Rückkehr von der Apotheke dafür gesorgt hätten, dass er nicht wieder völlig hinten sich anstellen hätte müssen.

Bin froh, dass es noch viele, viele Menschen gibt, die sich von dieser Eineinhalb-Meter-Kälte nicht einfrieren lassen. Die sich ihre Herz-lichkeit bewahren und sie gerade jetzt besonders zum Ausdruck bringen.
An diese Menschen halte ich mich. Mit solchen Menschen kann man überall, wo man ist, wo man hinkommt, kleine Keimzellen von Wärme und Mitmenschlichkeit aufbauen. Und hoffen, und sehen, wie sie wie in einem Schneeballsystem die Kälte von innen her wieder aufwärmen.

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