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Donnerstag, 7. Oktober 2021

NormalZeit

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Seit etwas mehr als zwei Wochen fällt mir auf, dass ich morgens, nachdem ich den Wecker ausgestellt habe, dem Gefühl nachgebe: 'noch einen Moment liegenbleiben'. Meist werde ich dann etwa 45 Minuten bis eine Stunde später wach. Gleichzeitig fiel mir auf, dass meine Essenszeiten sich um eine halbe Stunde bis eine Stunde nach hinten verschieben, d.h. ich bekomme schlicht später Appetit. Und wenn ich genau schaue, dann war dies der Anfang der aktuellen Rhythmusverschiebung. Ich hatte immer später Appetit aufs Mittagsbrot, und auch der Hunger fürs Abendessen stellte sich auf keinen Fall vor acht Uhr ein, meist noch später. Das Schlafen will dann auch nicht so. Und es will abends länger lesen in mir. Und prompt dann morgens länger schlafen 😉

Eine Freundin machte mich im Gespräch drauf aufmerksam, dass sich dies etwa mit der Tag- und Nachtgleiche eingestellt habe. Immer deutlicher werden seitdem die Tageslichtstunden kürzer, verglichen mit den  Dunkelheitsstunden pro Tag. Meine im Frühjahr antrainierterte Rhythmusverschiebung zur persönlichen Anpassung an die Sommerzeit schiebt sich natürlicherweise zurück in den Rhythmus der Normalzeit, also der biologischen Zeit, der an unsere Sonnenstands- und Lichtverhältnisse angepassten Zeitangabe auf der Uhr.

Es ist erstaunlich. Nun werden wir seit 41 Jahren in die alljährliche Zwangsverschiebung des Lebensrhythmus geschoben, aber es gibt immer wieder mal neue Wahrnehmungen in mir darüber, was es mit meinem Körper und meiner Seele macht.

Diesen Herbst also fordert mein Körper vehement die Anpassung an die tatsächlichen Tageslicht-verhältnisse zurück. Gerade zu Beginn der Sommerzeitregelung, in den ersten zweieinhalb Jahrzehnten ganz sicher, hatte ich den ganzen Sommer über massive Probleme mit der künstlichen Zeit. Meine innere Uhr ließ sich nicht foppen, und da ich studierte bzw. freiberuflich tätig war, gab es keinen harten äußeren Taktgeber, der mich zur Anpassung gegen meine eigene innere Uhr zwang. So kam ich die ganzen Sommermonate oft zu spät oder stand vor geschlossenen Ladentüren, weil ich meiner inneren Uhr vertraut hatte. Damals galt ja noch das alte Ladenschlussgesetz, und somit gingen die Rollgitter abends um halb sieben bzw. samstags um 13 oder 14 Uhr nach unten. Mehr als einmal musste ich beim Abendessen und Frühstück enorm improvisieren. Mein Einkommen war ja noch mehr oder weniger studentisch, und so war auch meine Vorratshaltung begrenzt – große Vorräte anlegen hätte zu hohe Ausgaben auf einmal bedeutet.

Historische Ansichtskarte zur Einführung der Sommerzeit 2016       

In den ersten 20 Jahren nach der modernen Einführung der künstlichen Zeit im Sommer waren die Perioden im Jahr wenigstens noch gleichverteilt, man durfte genauso lange im natürlichen Rhythmus leben, wie man gezwungen war, im künstlichen Rhythmus zu leben: Normalzeit war vom letzten Sonntag im September bis zum letzten Sonntag im März – 6 Monate. Und der künstliche Rhythmus im Sommer dauerte vom letzten Sonntag im März bis zum letzten Sonntag im September, 6 Monate. D.h. die Umstellungen fanden plusminus um die beiden Tag- und Nachtgleichen statt. Damit war qua Tageslicht-Erleben die Umstellung zwar erlebbar, aber nicht furchtbar krass.

Heutzutage (genau genommen seit 1996) werden wir mit einem Übergewicht des künstlichen Rhythmus belastet. Er ist uns auferlegt vom letzten Sonntag im März bis zum letzten Sonntag im Oktober – 7 Monate. Es wird uns nur 5 Monate lang zugestanden, im natürlichen Tageslicht-Rhythmus zu leben. Die Verschiebung um einen Monat nach hinten wurde laut Wikipedia beschlossen im Rahmen der Anpassung an einen europäischen Gleichschritt.
Es wird nun erst einen Monat nach der Herbst-Tag- und Nachtgleiche umgestellt, wodurch natürlich das subjektive Erleben: "es wird so früh dunkel" - verglichen mit dem Tag vorher - viel krasser ausfällt. Im Lichtgefühl der Tageslänge macht es einen großen Unterschied, ob die Verschiebung des Sonnenuntergangs von 19:20 Uhr auf 18:20 Uhr stattfindet (Zeiten Zuidbroek für den 26. September 2021) oder ob "gestern" (dies Jahr der 30. Oktober) die Sonne um 18:04 Uhr untergeht und "heute" (dies Jahr der 31. Oktober) um 17:02 Uhr. Da fühlt sich der Tag gleich sehr viel kürzer an.

Beim Sonnenaufgang (7:27 h MESZ am 26.09. gegenüber 6:27 h MEZ und 8:29 h 30.10. / 7:31 h am 31.10.) fühlt sich das für viele Menschen weniger krass an, da sie sowieso ihres Arbeitsrhythmus wegen sehr früh aufstehen müssen und gelernt haben, sich jeden Tag aufs Neue über das natürliche Gefühl hinweg sich zu zwingen, in aller Herrgottsfrühe ihren Schlaf zu unterbrechen. Allenfalls wird das eine Stunde früher Hellwerden entspannend erfahren, ohne dass es groß Einfluss hätte auf die Gesamtwahrnehmung der Tageslichtlänge. Wie in so vielen Fällen gräbt sich das Negative – gefühlt wird der Tag wird am Ende plötzlich beschnitten – stärker in die Emotion ein als das Positive – das Tageslicht ist eine Stunde früher da. Von daher kann man sich auch erklären, dass viele Leute aus dem Erleben der sogenannt 'langen Sommerabende' heraus für eine dauerhafte Einführung der künstlichen Zeit optieren würden. Ohne Nachzudenken oder gar Hinzufühlen, was das im Tiefsten für ihren Körper und ihre Psyche an Belastung bedeutet.Und dass es bedeuten würde, dass es im Winter erst gegen 9:30 h hell würde.

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Bei mir allerdings, die ich keinem aufgezwungenen Arbeitswelt-Rhythmus mehr unterliege, kann sich
das natürliche Empfinden den ihm zukommenden Raum nehmen.

Und so erfahre ich dies Jahr also meine persönliche Korrektur der künstlichen Zeit hin zur natürlichen Zeit von selbst in einer Periode, in der das Geist-Körper-Seele-System sie am leichtesten verarbeiten kann: um die herbstliche Tag- und Nachtgleiche herum.

Es hat auch Vorteile, ein älteres Semester zu sein.

Donnerstag, 3. Dezember 2020

Von Zwängen befreit

 

 

 

Vor ein paar Tagen las ich hier auf der Website einer Zeitung die Überschrift: "Schlampige Kleidung, Haare und Bartwuchs – Ich hab sogar einen Kollegen daraufhin angesprochen". Corona-Mode.
In dem Artikel im Algemeen Dagblad wurde Kritik daran geübt, dass die Menschen sich um so weniger Mühe geben mit ihrer Kleidung, je länger die Homeoffice-Phase dauert.

 "Die Niederländer bemühen sich immer weniger, pico bello auszusehen" beschwerte sich der Interviewte. Kein Wunder, dass er darüber klagt – er ist der Inhaber der Firma Suitsupply, die Anzüge herstellt. Er sieht seinen Umsatz einbrechen.

"Keine chiquer Sakko oder gebügeltes Oberhemd, sondern ein bequemer Troyer oder verkrumpeltes Shirt. Und nicht nur unsere Kleidung verschlampt, man sieht es auch am unkontrollierten Bartwuchs und schlampigen Frisuren." seufzt er.

Auf der Website von RTL  wird auch die weibliche Seite der häuslichen Bequem-Mode beleuchtet. "Bügeln? Bei Joyce zuhause weiß man schon fast nicht mehr, was das ist. Jetzt, da ihr Freund zuhause arbeitet, brauchen keine Oberhemden mehr gebügelt zu werden. Herrlich!

Und der Hausanzug ist inzwischen ihr Lieblingsoutfit, wenn sie das Haus nicht zu verlassen braucht.

"Klar ziehe ich eine normale Hose an, wenn ich die Kinder zur Schule bringe. Aber ich kann mich zum Beispiel nicht daran erinnern, wann ich zum letzten Mal Make-up benutzt habe." Erzählt besagte Joyce weiter.  

Auf einen Aufruf von RTL via facebook zum Thema "Corona-Mode" "reagierten eine Menge Leute auf die gleiche Weise wie Joyce. So lange und so häufig wie möglich laufen sie in Trainingsanzug, Pyjama oder Bademantel herum. Wenn man will, kann man das schlampig nennen. Die Menschen selbst aber finden es prima."

Und auch hier darf die Klage eines (in diesem Fall Damen-)Modegeschäfts nicht fehlen. 


All die schöne, chique Kleidung für offizielle oder festliche Anlässe bleibt im Laden hängen. Pullover, Hosen, klassische Hosen mit Stretch im Gewebe, solche Sachen sind diesen Herbst im Schwange.

"Bequem ist Norm" ergänzt die Ladeneigentümerin "Schade. Aber ich kanns schon gut verstehen. Im Laden trage ich ordentliche, feine Kleidung. Zuhause tausche ich mein Kostüm auch schnell gegen eine Jeans."

Endlich! ruft es in mir laut angesichts dieser Schilderungen.
Der Aufregung kann ich mich ganz und gar nicht anschließen. Endlich kommen die Leute dahinter, dass es für den Menschen in seiner Gesamtheit nicht gut ist, sich in unbequeme Kleidung zu zwängen, nur weil die als "chic" bzw. "gepflegt" etikettiert ist und von den Arbeitgebern und Anstandsgurus unisono zur Norm erhoben wird.

Winerkollektion 2020
von Gudrun Sjöden

Endlich merken die Menschen, wie schön es ist und wie gut es tut, wenn der Körper sich in den Kleidungsstücken frei bewegen kann, nichts zwickt, zwackt, einengt. Wie gut es tut, wenn man frei atmen kann, ohne kneifenden Rock- oder Hosenbund oder über der Brust fast spannende Bluse oder Oberhemd. Wie schön es ist, in bequemen Schuhen zu stecken, in denen die Zehen freies Spiel haben, die Füße atmen können, und in denen man schwingend und federnd natürlich gehen kann. Auch kalte Füße gehören mehr oder weniger der Vergangenheit an mit solcher Fußbekleidung. Statt Nylons oder dünnen Baumwollstrumpfhosen mit pumpsartigem Schuhwerk baumwollene oder wollene Socken mit Bequemschuhen. Herrlich!
Winterkollektion 2020 von hessnatur

Endlich dürfen auch berufstätige Menschen bereits das genießen, das alle Pensionierten sofort tun, wenn sie nicht mehr an irgendwelche Dienstkleidungen gebunden sind: sich so kleiden, wie es ihrem Körper gut tut. Und sich fortan in all ihren Kleidungsstücken rundum pudelwohl fühlen.

Hoffentlich bleibt der nun massenhaft an die Seite gekickte Kleidungs-Zwang dauerhaft auf der Strecke! Den an einem Schreibtisch arbeitenden Menschen wird das auf jeden Fall gut tun. Der Produktivität übrigens wahrscheinlich auch. Denn Menschen, die sich bei der Arbeit wohlfühlen, sind auch produktiver.

Der im Algemeen Dagblad und auf RTL zitierte Anzughersteller führt noch an, dass ihm bezüglich der eigenen Landesgenossen während internationaler Online-Konferenzen oft die Haare zu Berge stünden. Seiner Aussage nach säßen vor allem in Frankreich, Deutschland und Belgien die Teilnehmer eines solchen Video-Gespräches piekfein in der Runde. Und die eigenen Landsleute im Bequemlook.

Das ist auch nur Show, habe ich inzwischen von Leuten aus Deutschland gehört, die es wissen müssen. Weil selbst schon seit Monaten im Homeoffice.

Hier gehts zu dem Artikel auf der RTL-Website
Dieser Chic ist lediglich obenherum. Genau so weit, wie die Kamera reicht. Der Rest vom Körper, unterm Schreibtisch verborgen, sitzt auch in Jogginghose, Pyjamahose, Stretchjeans, Leggings, an den Füßen dicke Wollsocken oder gemütliche Schlappen, eventueel Sneaker. Auch völlig unbekleidete Unterkörper sollen schon vorgekommen sein.

Es lebe die Freiheit des Homeoffice.

 

Donnerstag, 30. Juli 2020

Maßnahmenwahnsinn



Szene aus der Inszenierung von "Medea" des TAG-Theaters in Wien, 12/2019
Besprochen im Blog von Walter Pobaschnig

Was für ein Irrsinn, diese Maßnahmen, die noch immer fortdauern. Weil die Bundesregierung (und nicht als einzige in der Welt) entschieden hat, dass sie erst aufhören dürfen, wenn ein Impfstoff gefunden ist.

Gestern rief ein guter Freund mich an. Er ist Schauspieler, Theater, aber auch Fernsehen. Dieser Tage musste er sich entscheiden, ob er bei der nächsten Staffel einer Serie wieder dabei sein wollte, in der eine der festen Figuren verkörpert.

Er hat sich dagegen entschieden.
Drehen unter C-Virus-Maßnahmen ist für ihn unmöglich. Er kann das nicht. Und will das nicht.

Allerlei medizinische Überwachung. Jeden Morgen bei Ankunft am Drehort wird die Körpertemperatur von allen am Dreh beteiligten gemessen. Vor Drehstart 5 Tage in Quarantäne und 2x PCR-Test. Danach wird alle 7 Tage wieder ein PCR-Test durchgeführt, bei jeder und jedem, die mit den Dreharbeiten zu tun haben.

Führt man sich vor Augen, wie unendlich viele Leute an so einem Dreh beteiligt sind – auch wenn mit so klein wie möglichen Teams gearbeitet werden muss – kann man sich vorstellen, wie schnell ein falsch positives Ergebnis darunter sein kann. Bei der Fehlerquote mancher gängiger PCR-Tests… (es gibt ja nur 475 verschiedene PCR-Tests, jeder mit einer eigenen Fehlerquote für falsch positiv und falsch negativ)

Sollte jemand positiv getestet sein, müssten alle, wie sie da sind, 14 Tage in Quarantäne, und zwar dort, wo sie gerade sind. Sollte also gerade in Hinterkleckersdorf gedreht werden, dürfen alle in Hinterkleckersdorf in Quarantäne.

Foto von den Dreharbeiten zu 'Praxis mit Meerblick' aus diesem
sehr informativen Artikel
Man muss so viel wie möglich mit Maske herumlaufen (Brechtsches Theater, nur anders), auch geprobt wird mit Maske.

Man sieht die Gesichter der Mitspieler/innen, deren Mimik nicht richtig, man hört den Stimmausdruck nicht richtig, man kann selbst nicht richtig, nicht ausdrucksvoll sprechen unter so einem Ding. Abgesehen vom Schwitzen und der Atemnot… Wie soll mensch als Schauspieler/in da gut in die Rolle kommen und all das gut ausdrücken, was man ausdrücken will?

Es gibt einen extra Hygieniker im Team. Und einen "Abstandsbeauftragten". Szenen mit Körperkontakt müssen umgeschrieben werden. Ob beim Dreh 'seiner' Serie ein Maskenbildner wieder im Team sein wird - keine Ahnung. In den Berichten aus dem Frühsommer, die ich gelesen habe, frisierten und schminkten sich die Schauspieler noch selbst.

Ich kann mich hier nur wiederholen: was für ein Irrsinn, das alles!

Brechtsches Theater at its best: 'Der gute Mensch von Sezuan'
im Theater tri-Bühne Stuttgart 2006
Das Ganze wird noch irrsinniger, wenn man sich die Zahlen vom Robert-Koch-Institut genauer anschaut und Dinge mit einander in Beziehung setzt. Zwei interessante Videos dazu siehe hier und hier.

Ob die Coronamaßnahmen mit all ihren Auswirkungen auch ins Drehbuch geschrieben wurden, weiß ich noch nicht. Wird sich weisen, wenn die Staffel abgedreht ist und gesendet werden wird. Denn offenbar lassen sich die meisten der Schauspieler/innen trotz aller unmöglichen Zumutungen auf die Sache ein.


Mein Freund bleibt sich treu.
Dafür bewundere ich ihn. Und ich trauere und leide mit ihm. Denn er liebt seinen Beruf.

Er erzählte, wie schwer der Entscheidungsprozess war, und wie schmerzlich die Situation für ihn ist. "Solange der Maskenzwang herrscht, kann ich meinen Beruf nicht mehr ausüben." sagt er. Und: 
"Lieber helfe ich hier irgendwo beim Bauern auf dem Hof, als unter diesen Bedingungen zu drehen."
Er wohnt ländlich.

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