Mitte März bis 10. April 2020 täglich. Ab 11. April 2020 erscheinen die Beiträge jeden zweiten Tag. Ab Montag, 22. Juni 2020 immer Montag und Donnerstag abends. Ab Montag, 13. Dezember 2021 am Montagabend nach 22 Uhr.


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Montag, 4. April 2022

's Lands wijs, 's lands eer

ist ein gängiges Sprichwort in den Niederlanden, wenn man Unterschiede zwischen verschiedenen Alltagskulturen in verschiedenen Ländern bennenen und gleichzeitig – manchmal achselzuckend – als hinzunehmen deutlich machen will. Übersetzt bedeutet es so viel wie: "Jedes Land hat eben seine eigenen Spielregeln (bzw. Sitten bzw. Gebräuche)".

Dieser Tage geht mir das Sprichwort häufiger durch den Kopf. Denn die Reaktionen der Menschen und der veröffentlichten Meinung in meinem Gastland und in meinem Herkunftsland auf das weitgehende Aussetzen jener Maßnahmen, die uns in den letzten zwei Jahren in so vielem eingeschränkt haben, könnten unterschiedlicher nicht sein.

Von was alles die Menschen in Deutschland seit gestern, Sonntag, dem 3. April 2022 befreit sind, ist mir auch nach einiger Lektüre verschiedenster Nachrichtenseiten nicht ganz klar geworden. Auf jeden Fall sind wohl die Masken weitestgehend gefallen, nur im Fernverkehr der Bahn und in Flugzeugen müssen sie noch getragen werden (warum eigentlich?), und offenbar sind auch die "g"-Regeln weitestgehend ausgesetzt und kann man beinahe wieder überall auch ohne irgendeinen Nachweis hin bzw. an Veranstaltungen teilnehmen.

Die deutsche Gesetzgebung lässt allerdings den Obrigkeiten allerlei Hintertürchen, indem eine bestimmte Region zum "Hotspot" erklärt werden kann. Unter dieser Voraussetzung kann sozusagen alles durch die Hotspot-Tür wieder eingeführt werden.

Hiermit können Einzelhandelsgeschäfte im Rahmen ihres Hausrechts auf
weiterhin erwünschtes Maskentragen aufmerksam machen. Netzfund.

Vor der wiedergewonnenen Freiheit scheinen Viele in Deutschland sich zu fürchten. Überall erheben sich Stimmen, die nach dem Aufrechterhalten der Maßnahmen rufen.

Der Apothekenverband bietet dies Schild an,
um im Rahmen des Hausrechts weiterhin
Maskentragen zu stimulieren oder verlangen.

Freunde berichten mir z.B. von Schulen, die Eltern und Schüler durch Elternbriefe regelrecht anflehen, doch weiterhin Maske zu tragen bzw. die Kinder mit Maske zur Schule zu schicken.
Auch können Schulen anordnen, dass Kinder weiterhin Testnachweise vorlegen müssen, um die Schule besuchen zu dürfen. Lehrerverbände rufen auf zu einer Selbstverpflichtung zum Maskentragen aus Angst vor Konflikten zwischen solchen Kindern, die noch Maske tragen wollen (oder von den Eltern her sollen) und solchen, die fröhlich mit offenem Gesicht herumlaufen.  Auch gibt es wohl Aufrufe an den Einzelhandel, doch um Himmels willen die Maskenpflicht im Rahmen des Hausrechts weiterhin aufrecht zu erhalten.

Eine aktuelle INSA-Umfrage vom 3.4. hat herausgefunden, dass zwei Drittel der Befragten weiterhin beim Einkaufen usw. Maske tragen will. Und Ärztevertreter plädieren weiterhin für Maskenpflicht in Innenräumen. Die großen Kirchen empfehlen den Gemeinden, weiterhin Gottesdienste nur unter Maskenpflicht zu feiern.

Und ich sitze hier auf dieser Seite vom Zaun in meinem Gastland und schüttle mein weißes Haupt.

Hier ist ja nun schon länger eine gewisse Normalität eingetreten.
Maskierte sind kaum noch zu sehen.
Gottesdienste werden seit Wochen maskenfrei gefeiert. Mit Gesang.
Die Menschen verhalten sich ganz normal. Altes Normal.
Kürzlich habe ich sogar aus Versehen jemand die Hand gegeben.
Lediglich halten die meisten im öffentlichen Raum weiterhin mehr Abstand zu anderen ein. Tue ich selbst auch. Auch die Möglichkeit zur Handdesinfektion wird noch überall in öffentlich zugänglichen Räumen angeboten. Persönlich habe ich mein Sterillium-Fläschchen (wie in jeder Grippesaison) immer in der Tasche und reinige die Griffe von Einkaufswagen mit dem angebotenen Desinfektionsmittel (tat ich schon lange vor dem aktuellen Virus jeweils in der Grippesaison mit meinem eigenen Sterillium).

Von Panik wie in Deutschland: "Hilfeeee, ohne meine Maske fühle ich mich gefährdet" war und ist hier nichts zu merken. Aber hier durften ja auch Kinder immer mit einander spielen, selbst im Frühjahr 2020, in dem in Deutschland Spielplätze mit rot-weißem Flatterband abgesperrt und die Einhaltung der Sperre von Polizei kontrolliert wurde, und niemals wurden Kinder unter die Maske gezwungen. Maskenpflicht gab es erst in weiterführenden Schulen ab Jugendalter, worüber man auch diskutieren kann natürlich.

Es gibt nun auch eine sogenannt 'neue Langfriststrategie'. Die behauptet, ein "Leben mit dem Virus" (anstatt wie bisher eine 0-👑-Strategie zu fahren) jetzt gut organisieren zu wollen, wobei die drohende Überlastung des Gesundheitssystems – die in der Vergangenheit durch jede etwas schwerere Grippewelle bereits entstand – das Leitsymptom sein soll. Wichtigster Punkt: alles so so weit wie möglich auch während eventueller zukünftiger 'Wellen' offen und zugänglich halten. In der Pressekonferenz, in der davon gesprochen wurde, dass man jetzt auf die Vernunft und das Verantwortungsgefühl der Bürger baut, klang das alles, als ob zukünftig so schwere Einschnitte wie in den vergangenen zwei Jahren nicht mehr passieren würden. Der aufgeschriebene Text lässt da jedoch Fragezeichen entstehen.

Übrigens: Der Appell an "Vernunft" und "Verantwortungsgefühl der Bürger" taucht wiederum wörtlich in den Verlautbarungen aller möglichen Länder auf, wie ja auch die weitgehenden Öffnungen wieder eine konzertierte Aktion zu sein scheinen.

Liest man aber das Kleingedruckte, sind auch hier alle Hintertüren lediglich angelehnt und nicht dauerhaft verschlossen. Vor allem wird wohl weiter geimpft werden - schamhaft versteckt in der Formulierung "Vielleicht kommen neue Impfrunden. Die Regierung sorgt dafür, dass wir darauf vorbereitet sind." Doch es wird auch davon gesprochen, dass nun wirksame Arzneimittel zur Verfügung gestellt werden, die helfen, den Verlauf einer eventuellen Infektion günstig zu beeinflussen. Welche das sind, bleibt im Schatten.
Wie auch immer – insgesamt fühlt es sich freiheitlicher an als alles, was in Deutschland disktutiert und beschlossen wurde und wird.

 

 

"German Angst" bleibt ein Phänomen von jenseits der Grenze.

Als jemand mit deutschen Wurzeln bin auch ich nicht frei davon. Aber meine hiesige freiheitliche, lebensfrohere, angstfreiere Umgebung zeigt glücklicherweise immer deutlicher ihre Wirkung.


 

Nachtrag am Dienstag, 5. April


Einer meiner Bekannten auf liebevoll.jetzt hat dieses Bild veröffentlicht.
Es tut so gut, aus Deutschland auch andere Stimmen hören, sehen und erleben zu dürfen.

Es macht Mut und optimistisch.
Und es weist auf den Weg, den auch Sonnenstein im Kommentar zu diesem Blog beschrieben hat.
Wunderbar!



Post scriptum:
🇩🇪 An den Einreisebestimmungen nach Deutschland – "Nachweispflicht" = entweder negativer Test oder Genesenen- bzw. Impfnachweis – hat sich bislang nichts geändert. Diese gelten unverändert, vorläufig bis 28. April mit Aussicht auf Verlängerung.
Die Quarantänepflicht für Einreisende aus Hochrisiko- oder Virusvanriantengebieten besteht weiterhin. Allerdings sind zur Zeit keinerlei Regionen der Erde in eine der Kategorien eingeordnet.

Nachtrag am 5. April: In einem Ausschnitt aus einer aktuellen Pressekonferenz von Karl Lauterbach habe ich gehört, dass ab 1. Mai die Quarantänebestimmungen in Deutschland an diejenigen angeglichen werden, die jetzt bereits in den Niederlanden gelten: 5 Tage Quarantäne und nur noch eine "dringende Empfehlung". Gleicher Wortlaut übrigens wie hier.

🇳🇱 Andersherum bestehen zur Einreise in die Niederlande aus einem EU- bzw. Schengenland aktuell keinerlei Einreiseregeln. Nur "dringende Empfehlungen", nach der Einreise Selbsttests zu machen.

Donnerstag, 3. März 2022

Cum grano salis

Bevor ich vor 14 Jahren in die Niederlande kam, lebte ich in dem Gefühl, dass Unterschiede in der Art zu Leben und miteinander umzugehen zwar vorhanden waren, diese aber doch so groß auch wieder nicht sein konnten. Immerhin sind wir benachbarte Länder, und in vielen der heutigen Grenzregionen waren in der Vergangenheit die Übergänge fließend und fand viel Vermischung untereinander statt.
Einmal hier lebend, fiel mir sehr, sehr schnell auf, dass die alltagskulturellen Unterschiede auf vielen Gebieten enorm sind.

Schon bald reifte in mir die Idee, darüber zu schreiben. Ich dachte an Dinge wie die Standardgröße von Kaffeetassen; Geschmack und Konsistenz von Brot; die Bedeutung von Fritiertem im Speiseplan; Rituale rund um Geburtstage; bevorzugte Kuchen und Gebäcke; die selbstverständliche Anwesenheit indonesischer und anderer asiatischer Würzart und Zutaten in jedem Supermarkt und jeder Küche; Pizzerien und 'italienische' Restaurants, die im Allgemeinen von Ägyptern-Marokkanern-Algeriern-… betrieben werden; den allgemein verbreiteten Geruch von Waschmitteln-Weichspülern-Abwaschmitteln-Putzmitteln; Tageszeitenbezeichnungen, die Uhrzeiten beinhalten; die Achtsamkeit gegenüber fahrradfahrenden Menschen im Straßenerkehr; 'niederländisch pünktlich' sein und das bis März 2020 verbreitete Begrüßungsritual von (Pseudo)Kuss-auf-Wange-links-(Pseudo)Kuss-auf-Wange-rechts-(Pseudo)Kuss-auf-Wange-links. (Letzteres ist inzwischen völlig verschwunden, und ich glaube, zur Zeit kann niemand sich vorstellen, das je wieder zu tun.)

Diese Sammlung von Kurztexten hat bislang noch nicht den Weg vom Kopf über Finger und Tasten in meinen PC gefunden.

Fleur de Sel - die bei weitem schackhaftesten Salzkristalle
In den vergangenen zwei Jahren habe ich dann etwas ganz anderes sehr, sehr schätzen gelernt: Viele Menschen in diesem Land nehmen Regeln 'cum grano salis', mit einem Körnchen Salz. Zwar ernst, aber nur solange sie sie nachvollziehen können oder wollen, sie sinnvoll finden und sie die Entfaltung des Persönlichen nicht zu sehr einengen. Ausnahmen – wie z.B. im Bibelbelt, jener Region, in der nach den sehr bibeltreu-streng-reformierten Grundsätzen gelebt wird – bestehen selbstverständlich auch.

Anfangs, und dies anfangs darf man ruhig bis Beginn 2020 ausdehnen, - ich gebe es zu – war das für mich oft eher Anlass zum Ärgernis. Dies "regels aan de laars lappen", zu Deutsch sinngemäß: "sich nichts aus den Regeln machen" fiel mir hauptsächlich im Straßenverkehr auf, beim massenhaften Übertreten von Geschwindigkeitsbeschränkungen, welche aus Gutem Grund (Lärmschutz, Umweltschutz, Sicherheit) aufgestellt sind; und beim abenteuerlustigen Überholen auf zweispurigen Straßen mit durchgezogenem Strich. Oder auch im Zusammenhang mit manchmal großzügiger Auslegung die Frische von Lebensmitteln betreffend. Oder bezüglich Vorsicht im Umgang mit dem eigenen Körper; Viele bemerken hier erst, dass gesundheitlich etwas nicht stimmt, wenn sie schon beinahe den Kopf unterm Arm tragen, und waghalsige Aktionen z.B. beim Putzen der nach außen aufgehenden Fenster, bei Umbauarbeiten und selbst bei professionellen Solaranlagenbauern sind zuhauf zu bewundern.

In den letzten beiden Jahren jedoch ist mir dieser eher lockere Umgang mit Regeln richtig ans Herz gewachsen.

So sind mir hier niemals solche Geschichten von Denunziation zu Ohren gekommen, wie Bekannte aus Deutschland sie leider doch immer wieder erzählen. Angeblafftwerden beim Einkaufen, weil jemand keine Maske trägt, habe ich nicht ein Mal mitgemacht. Eine Bekannte von mir hat noch nie eine Maske aufgehabt und erzählte kürzlich, dass sie im örtlichen Supermarkt allenfalls mal unwirsche Blicke von Miteinkaufenden geerntet hat. Nicht ein einziges Mal wurde sie vom Personal des Ladens ermahnt, geschweige denn bedroht, dass sie sonst aus dem Laden fliege bzw. man sie bei der Polizei anzeigen werde. Wachleute, die am Eingang darauf achten, dass niemand ohne Gesichtsverhüllung den Laden betritt oder sogar die Kunden zum Stand mit der gerade gesetzlich vorgeschriebenen Sorte Masken 'geleiten', damit diese vor Betreten des Ladens erworben und angelegt werden – undenkbar. Jedenfalls hier bei uns im Norden; wie diese Dinge in den großen Städten gelaufen sind, fehlt mir die Erfahrung. Seit einigen Wochen sind an sich die wiederverwendbaren Masken aus Stoff nicht mehr erlaubt. Manche halten sich daran. Viele nicht. Kein Hahn, der danach kräht. "Leben und leben lassen" ist ein ganz, ganz wichtiger Grundsatz der hiesigen Alltagskultur.

Nur vier Besucher im heimischen Wohnzimmer zugelassen? Viele halten sich dran, vor allem die Älteren. Aber es interessiert auch niemanden, wenn ganz deutlich die Nachbarn das nicht tun und eines Tages die Einfahrt und das Trottoir vorm Haus zugeparkt ist mit Autos, die dort sonst nie stehen. Kindergeburtstag in Zeiten von Corona? Darf eigentlich nicht. Aber die Kleinen müssen doch auch leben dürfen? Wenigstens ein bisschen! Aus diesem Grund durften Kinder auch die ganze Zeit hier immer zusammenspielen, selbst in den Zeiten des ersten Lockdowns. Es gab immer Vertrauen auf die Immunkraft der Kinder. Und dass Kinder jünger als 12 die berühmte Impfung erhalten hätten, habe ich noch nie gehört. Wohingegen eine Freundin, die in einem deutschen Kindergarten in einer unserer vergleichbaren dörflichen Umgebung arbeitet, mir kürzlich erzählte, dass dort schon die ersten Kindergartenkinder die Spritze erhalten hätten.

Seit 25. Februar ist hier im Land nun offiziell die Maskenpflicht gefallen, außer im öffentlichen Personenverkehr und bei Großveranstaltungen mit mehr als 500 Besuchern in Innenräumen. Verkündet wurde das bereits in der Pressekonferenz vom 15. Februar, siehe dazu meinen entsprechenden Blog. Kurz darauf bereits war überall der freie Umgang mit den Regeln zu erleben.

Aus dem Straßenbild waren Masken so gut wie verschwunden, außer in der Nähe von Bahnhöfen. In einem der Geschäfte, die ich regelmäßig aufsuche, sah ich nurmehr freie Gesichter. Die Stimmung war gelöst, fröhlich, man konnte wieder normal mit einander kommunizieren. Als ich die Ladeninhaberin fragte: "Sie laufen hier alle schon mit offenem Gesicht herum?" zuckte sie lachend mit den Schultern: "Was soll das, die eine Woche noch!"

Vorgestern im Zug heimwärts von einer Station, in der der Zug die Fahrtrichtung ändert, war ich ein bisschen knapp vor der Abfahrt und stieg erst mal unmaskiert ein. Ich traf auf den Lokführer, der gerade vom einen Ende des Triebwagens zum anderen lief. Im Vorbeigehen deutete er (mit schon seit Januar nicht mehr erlaubter Stoffmaske im Gesicht) auf die Maske und dann fragend auf mich. "Ja, ja, kommt gleich" antwortete ich, und damit war es gut. Weiter hinten im Wagen gabs offenbar einen Dialog mit einem anderen Fahrgast, der was gesagt haben musste in dem Sinn von: finde ich nicht sinnvoll. Ich hörte den Lokführer im achselzuckenden Weitergehen laut sagen: "Wollen Sie die offizielle Meinung hören, die ich vertreten muss? Oder meine persönliche Ansicht?". Sprachs und verschwand im Führerhaus.

Leben und leben lassen. Sicher in einem noch nicht einmal zu einem Viertel besetzten Zug, in dem viele, viele Meter Abstand zwischen den Fahrgästen liegen.

Karneval, der traditionell in den südlichen Provinzen Brabant und Limburg sehr ausgelassen gefeiert wird, war hier nicht abgesagt. Zwar beschworen die Politiker die Bevölkerung der nördlichen Provinzen, jeglichen Karnevalstourismus zu unterlassen und dort Fasching zu feiern, wo in der eigenen Umgebung dies stattfindet. Andererseits waren Überschriften zu lesen, denen zufolge von Bierbrauern und Gastronomen nach dem Feier-Verbot im vergangenen Jahr ein besonders ausgelassener Karneval zu erwarten war.  Man erwartete, dass viele Menschen es als Art "Befreiungstag" feiern würden, und auch im Nachhinein wird so darüber berichtet. Den Menschen war offensichtlich danach, endlich wieder einmal so richtig über die Stränge zu schlagen.

"Bevrijdingsdag" – so heißt eigentlich der niederländische Nationalfeiertag am 5. Mai.
Es ist der Tag an dem die Befreiung von den deutschen Besatzern (5.5.1945) gefeiert wird.

 

Am 4. Mai 1945 kapitulierte in Lüneburg der deutsche Admiral Hans-Georg von Friedeburg im Namen der deutschen Truppen in Nordwestdeutschland, in den Niederlanden, Schleswig-Holstein und Dänemark gegenüber dem britischen Feldmarschall Montgomery. Am 5. Mai bestellte der Canadische General Charles Foulkes den Oberbefehlshaber Johannes Blaskowitz ein ins Hotel De Wereld in Wageningen, um dort in Gegenwart von Prinz Bernhard (Kommandant der 'Binnenlandse Strijdkrachten') die genauere Ausarbeitung der Kapitulation der deutschen Truppen in den Niederlanden zu besprechen. (Quelle: niederländische Wikipedia, Übersetzung von mir) https://nl.wikipedia.org/wiki/Bevrijdingsdag

 

 

 

 

 

 

 

 

Fotos links: Besprechung der Details der deutschen Kapitulation in Wageningen. Foto rechts: Entwaffnung deutscher Soldaten durch Canadische Truppen in Amsterdam am 9.5.1945.
Beide Fotos Wikimedia Commons.

 

Montag, 21. Februar 2022

Gleicher Schritt

Ganz zu Beginn dieses Blogs schrieb ich schon einmal, und auch ein weiteres Mal Mitte letzten Jahres  dass ich mich in diesen Jahren der C-Krise wie in einer Achterbahn fühle. Das ist noch immer so. Auch zur Zeit. Es geht mir so, wie das Wetter draußen ist: abwechselnd Schnee, Regen, Sonne; dicke schwarze Wolken, weiße Wölkchen, blauer Himmel; stürmisch, ruhig.
Sehnsucht danach, einfach normal zu leben. Ohne, dass ständig eine bekannte oder neue Panik - irgendein Bedrohungsszenario wird es schon geben, mit dem sich den Menschen Angst machen lässt - wie die sprichwörtliche Sau durchs Dorf getrieben wird.
Sehnsucht nach einer Lebensatomosphäre ohne die allgegenwärtige Angst vor {setze hier ein, was gerade die Schlagzeilen beherrscht}. Und ohne dieses Wechselbad von Zügel anziehen - Zügel lockern - Zügel noch härter anziehen.

Vor gut einer Woche fand sie in den Niederlanden statt, die berühmte Pressekonferenz der hiesigen Regierung, auf der die "Lockerungen" verkündet wurden, auf die alle schon so dringend warteten. Es waren ja genug Details schon auf irgendwelchen Wegen in die Presse lanciert worden.

Tauwetter auf unserem Dachfenster, 21.02.2022
"3G verschwindet", "Der coronatoegangsbewijs (übersetzt: Coronaeintrittskarte, auch QR-Code
genannt) verschwindet" lauteten enthusiastische Überschriften.
Überenthusiastische Überschriften.
Nichts davon verschwindet wirklich. Es wird nur vorläufig nicht mehr eingefordert.

Zunächst mal wurden lediglich Öffnungszeiten verlängert bis nachts um 1 Uhr: Theater, Gastronomie, Kinos z.B. Zugang mit 3g, drinnen darf man dann aber ohne Maske sich aufhalten, und die Einsfünzig-Regel sowie maximale Besucherdichte sind aufgehoben. Außerdem dürfen zuhause wieder mehr als vier Menschen gleichzeitig zu Besuch kommen.

Erst ab kommenden Freitag dann wird die Maskenpflicht völlig aufgehoben (außer in der öffentlichen Personenbeförderung und wahrscheinlich in Krankenhäusern, Polikliniken und Arztpraxen) und 3g außer Kraft gesetzt (außer bei Veranstaltungen in Innenräumen mit mehr als 500 Besuchern). Und der verplichtete 1,5-m-Abstand wird aufgehoben.

So ist es dann doch Einiges, was ab 25. Februar wieder gelebt werden darf. Ungefähr so wie im Sommer 2020, denke ich. Das bringt erst einmal ein erleichtertes Gefühl zuwege. Für meine Reise nach Amsterdam nächste Woche, bei der ich um punkt soviel Uhr bei einem Termin sein muss, bedeutet es, dass ich eventuelle Wartezeit (hab ja einen Puffer eingebaut) ohne weiteres Hick-Hack und mit hergezeigtem Gesicht irgendwo bei einer Tasse Kaffee überbrücken kann.

Jedoch: am 15. März gibt’s eine neue Pressekonferenz, bis dahin wird alles nochmal unter die Lupe genommen. Ehrlich gesagt rechne ich zu jenem Zeitpunkt nicht mit erneuten Verschärfungen, denn am 17. März sind in den gesamten Niederlanden Gemeinderatswahlen. Käme gar nicht gut.

Blauer Himmel 21.02.2022
Also dürfen wir uns auf jeden Fall auf ein paar Wochen fast normales Leben freuen.

Was mich sehr erstaunte, war die Tatsache, dass zur gleichen Zeit, zu der hier plötzlich über zumindest teilweises Aufheben der Lebensbeschränkungen angefangen wurde, öffentlich und regierungsintern zu diskutieren, plötzlich in vielen umgebenden Ländern auch von anstehenden Lockerungen die Rede war. Es kam mir sozusagen von allen Ecken und Enden entgegen. Zwar nicht im Gleichschritt, aber doch in gleichem Schritt schien es überall plötzlich voranzugehen.

Es fühlte sich an wie damals zu Beginn der 👑 Krise, als auf einmal überall die Rede vom Gleichen war. Damals waren es Ausdrücke wie "neues Normal", "1,5-m-Abstand", "Hygieneregeln" und die später schleichend eingeführte Verdrehung der Bedeutung des Wortes Solidarität.
Heute ist es die Rede von den "Erleichterungen".
Je nach Grad des inzwischen stattfindenden Autoritarismus in den einzelnen Ländern bedeuten sie eine mehr oder weniger große
(zeitweise) Rückerstattung von Freiheit.

Es macht mich nachdenklich.

Genau, wie mich nachdenklich macht, dass derweil bei der WHO an neuen Regeln zu unentkommbaren weltweiten Bestimmungen für den Fall zukünftiger Pandemien gestrickt wird. Wo bleibt die Autonomie der Nationalstaaten? Es ist doch immer noch die Regierung jedes einzelnen Landes, die entscheidet, was in ihrem Einflussbereich gilt und was nicht.

In wie weit sind internationale Verträge gültig, frage ich mich, in denen Regierungen dieses Recht

Schneegestöber 21.02.2022
einmal und für alle Zeit abgeben an Institutionen, die über keinerlei demokratische Legitimierung verfügen? Im Privatrecht würde so ein Vertrag wohl wegen Verstoßes gegen die guten Sitten als ungültig erklärt werden. In Deutschland z.B. gilt noch immer was bereits 1901 vom Reichsgericht ausgeführt wurde, das den "Begriff gute Sitten  nach dem 'Anstandsgefühl aller billig und gerecht Denkenden'" definierte. "Die guten Sitten entsprechen folglich der vorherrschenden Rechts- und Sozialmoral." Quelle: Wikipedia

Nachdenklich macht mich auch die Verordnung der Europäischen Kommission, die aktuell in Vorbereitung ist. Mit ihr soll der Einsatz des 'EU-Zertifikats über geimpft/genesen/getestet' über das heutige Gültigkeitsende 30.6.2022 um zunächst ein weiteres Jahr verlängert werden. In kurzen Worten läuft es darauf hinaus, dass, solange die pandemische Lage bestehen bleibt, die Freizügigkeit innerhalb Europas beschränkt bleibt auf diejenigen, die ein solchen Zertifikat vorweisen können.

Im Erläuterungstext zu der Verordnung wird dabei in einer gewissen Verdrehung der Tatsachen ständig von "Erleichterung der sicheren Ausübung des Rechts auf Freizügigkeit während der COVID-19-Pandemie" (z.B. S. 2 des Dokuments) gesprochen. Es soll "die Freizügigkeit erleichtert werden" (S. 1).
An anderer Stelle wird ein anderer Zweck der Übung deutlich benannt: "ist die Steigerung der Impfquote nach wie vor ein wesentliches Ziel im Kampf gegen die Pandemie" (S. 4), wozu hauptsächlich das "EU-Zertifikat", im Volksmund "Corona-Pass" genannt beitragen soll. Seine von der EU-Kommission als solche benannten Erfolge in dieser Hinsicht sind ganz am Anfang des Textes benannt: "Studien zufolge hat seine Verwendung zu einer verstärkten Impfaktzeptanz (…) geführt." (S. 1unten, 2 oben)
Mit anderen Worten: eine Menge Leute haben sich der Impfung unterzogen, um frei reisen zu können.

Im Dokument wird auch berichtet, dass etwa ein Drittel (ich habe mir die Studie angesehen, es sind 34%) der im Rahmen einer Eurobarometer-Umfrage befragten EU-Bürger nicht der Meinung war, dass das Zertifikat eine gute und sichere Möglichkeit zur Garantie der Freizügigikeit in Europa sei.
(Wobei mir als Soziologin allerlei Fragen kommen angesichts der Art und Weise, in der die Fragen im Rahmen Untersuchung gestellt wurden. Das habe ich damals im Studium anders gelernt. Aber dies nebenbei.)

Zu dieser Verordnung "VERORDNUNG DES EUROPÄISCHEN PARLAMENTS UND DES RATES
zur Änderung der Verordnung (EU) 2021/953 über einen Rahmen für die Ausstellung, Überprüfung und Anerkennung interoperabler Zertifikate zur Bescheinigung von COVID-19-Impfungen und -Tests sowie der Genesung von einer COVID-19-Infektion (digitales COVID-Zertifikat der EU) mit der Zielsetzung der Erleichterung der Freizügigkeit während der COVID-19-Pandemie" findet zur Zeit eine Bürgerbefragung statt. Noch bis zum 8. April kann jeder EU-Bürger, jede EU-Bürgerin ihre Meinung dazu offiziell kundtun.
Bislang (Stand 21.02.2022 21:00 Uhr) haben 58.968 Bürger dies getan. 

Hoffentlich werden es noch viel, viel mehr, die von einer der wenigen Möglichkeiten Gebrauch machen, als EU-Bürger eine Meinung zu den Vorhaben der EU-Kommission zu äußern!

Mitmachen kann man über diesen Link .

Donnerstag, 23. September 2021

Auf einen Sprung

Blick aus dem Kirchturm in Termunten
Heute schwelge ich in der Erinnerung an den gestrigen Besuch einer herzensvertrauten, langjährigen Freundin, die in einer norddeutschen Stadt lebt und darum mit nicht allzuviel zeitlichem Aufwand für ein paar Stunden kommen kann. Wir erinnern uns: in Deutschland lebende Menschen dürfen entsprechend hiesiger Bestimmungen momentan ohne Test/Impfung/Gesungsnachweis maximal 12 Stunden in den Niederlanden bleiben. Wer länger bleiben will, braucht eins von den dreien.
Nach dem gemeinsamen Lunch hier zuhause waren wir unterweges an der Dollart-Küste. Wir besichtigten die wunderschöne, romanogotische Kirche in Termunten, bestiegen den Turm und erfreuten uns an dem Ausblick weit übers Land und das Wasser, spazierten auf dem Deich und schlenderten eine Weile später durch das pittoreske Termunterzijl. Zwischendurch war uns nach Kaffee und Kuchen. In dem wunderschönen, kleinen Café "Teetied" konnten wir beides genießen. Dabei genossen wir beide auch, dass wir ganz normal ins Café schlendern und bestellen konnten. Keine Masken, kein '3g'. Meine Freundin freute es, weil sie das von zuhause so nicht mehr kennt. Und ich schwelgte in dem Gefühl, weil es noch möglich ist.

Übersetzung:
Endlich hab ich meinen QR-Code auf meinem Telefon.
Das war eine ganz schöne Bastelei!
(Netzfund, facebook-Post)

Ab dem 25. September wird hier in den Niederlanden der sogenannte "Corona-Zugangsnachweis" an vielen Orten verpflichtend. D.h. ab dem Moment darf man diese Orte nur noch gespritzt – genesen – getestet betreten. Nachweisen muss man das mit dem entsprechenden QR-Code, den man entweder "auf dem Telefon hat", d.h. mittels einer bestimmten App in sein Handy geladen hat,  oder als Computerausdruck mit sich führt, nachdem man ihn sich von der entsprechenden Instanz (Gesundheitsamt, Testlokal,…) hat mailen lassen. (Was machen eigentlich die noch immer zahlreich vorhandenen Senioren, die weder PC noch Handy haben?)
Für meine Leserinnen und Leser in Deutschland ist sowas alles natürlich nichts Neues, im Gegenteil. Viele werden davon träumen: wenn es doch noch so relativ freizügig wäre... In Deutschland ist man schon einen Schritt weiter in den
Verschärfungen. Vieles dürfen nur noch Menschen, die entweder "den Pieks" (auf sich) genommen haben oder genesen sind. Für uns in den Niederlanden ist g-g-g allerdings etwas Neues und eine ziemliche Verschärfung. Da kann die Regierung noch so laut behaupten, dass die neuen Regeln ab 25.9. eine "Erleichterung" seien. Unsinn natürlich, denn bislang durften alle bei 1,5 m Abstand beinahe alles, und zwar ohne Maske. Sportveranstaltungen und Festivals ausgenommen, da brauchte man schon seit sie überhaupt wieder mit Publikum bzw. überhaupt stattfinden, immer schon 3g.

Also, 3g gilt dann für Restaurants zum Beispiel. Im Prinzip. Ausnahme: draußen. Im Außenbereich sitzen und konsumieren darf man ohne. Aber wehe, man muss aufs Klo oder will sich vor dem Essen die Hände waschen - das darf man nur g-g-g. Wie verrückt soll es noch werden?

"Corona-Zugangsnachweis" muss man dann auch haben für z.B. Theater, Konzerte, Open Airs, Feste – dafür wird überall die 1,5-m-Regel entpflichtet. Gottesdienste bleiben vom g-g-g befreit. Ob gesungen werden darf, entzieht sich meiner Kenntnis.

Eine niederländische facebook-Bekannte hat in Reaktion auf die Gesetzes-Änderung vor ein paar Tagen einen kleinen Post geteilt, der so ähnlich schon einmal im Sommer 2020 die Runde machte. Er bringt eine Alternative zum Restaurant- oder Kneipen-Besuch wieder zurück ins Bewusstsein, erinnert an ein Stück in den letzten Jahren verloren gegangener Alltagskultur. Hier die Übersetzung:

Auch ohne QR-Code: in unserem Haus kann man sich sicher fühlen.
Wir haben immer Kaffee und Tee, Erfrischungsgetränke, kaltes Wasser oder Bier, Wein und etwas zu essen.
😉
Hier wird niemand verurteilt.
Jedes Familienmitglied, jede Freundin, jeder Freund mit Lust auf ein Schwätzchen ist jederzeit willkommen.
Wir können uns unterhalten, lachen, uns umarmen, oder einfach ein offenes Ohr bieten.
Wir werden unser bestes tun, für Dich, für Euch da zu sein….. Du bist jederzeit willkommen!!
Geimpft oder ungeimpft.
Das sind Werte, die verlorengegangen sind…

Private Fensterdekoration (Teddy-Aktion im Lockdown Frühjahr 2020)

Tatsächlich. Sich gegenseitig 'einfach so' besuchen ist etwas, das auf der Strecke geblieben ist. In vielenFällen nicht erst seit März 2020. Aber seit März 2020 ist das alles noch viel ärger geworden. Auf die Spitze getrieben. Ich erinnere mich noch, wie die Nachbarin, die uns Eier von ihren Hühnern brachte, und dabei nicht einmal nach drinnen zu kommen beabsichtigt hatte, mit Maske in der Hand angelaufen kam – ob sie die aufsetzen solle, ehe sie mir die Eier überreicht.

So gut wie niemand von den facebook-Bekannten derjenigen, die den Text gepostet hat, hat den Beitrag geliked.
Ich denke, dass ganz viele Angst haben, sich als jemand zu outen, der die Maßnahmen der Regierung kritisiert, hinterfragt. Denn die Zweiteilung in der Gesellschaft hat sich auch hier ausgebreitet. Niemand will facebook-öffentlich beschimpft werden. Vielleicht wollen viele sich auch nicht vor ihren eigenen facebook-Bekannten, Nachbarn, Freunden 'outen'.

Kann ich verstehen. Man will nicht noch mehr isoliert werden. Es ist alles schon schlimm genug.

Dabei  beinhaltet dieser von wem auch immer – sprachlich nicht sonderlich ausgefeilt – bedachte Text viel Wahres. Man kann sich durchaus darauf besinnen, dass es nicht immer ein Restaurant oder Café sein muss. Man kann einander auch besuchen. Ganz problemlos sowieso jetzt noch, wo man auf windgeschützten Terrassen oft noch prima draußen sitzen kann. Und also genug Frischluft vorhanden ist.

Mit der Bekannten, die den Text gepostet hat, will ich eigentlich schon seit Anfang des Jahres mal wieder einen Kaffee trinken. Wird Zeit, dass ich endlich auf einen Sprung bei ihr vorbeigehe.

Donnerstag, 2. September 2021

Zupfgeigenhansl

Aus dem Zupfgeigenhansl 1915
Eine Freundin erzählte mir, dass sie sich regelmäßig mit zwei, drei anderen Frauen trifft, um gemeinsam gitarrenbegleitet zu singen. Einfach so, zusammenkommen und singen. Was für eine wunderbare Idee! Zur Zeit kann das prima draußen stattfinden (und damit selbst in Deutschland mit seinen völlig überdrehten Maßnahmen, die wie geschossener Salat anmuten). Und wahrscheinlich ist das auch noch doppelt schön, weil man ja auch die Natur beim Singen noch sieht und spürt.

Jedes Mal auf dem Programm steht bei ihnen das alte, in unserer Kinderzeit als Volkslied bezeichnete "Die Gedanken sind frei". Meine Oma sang es mit Inbrunst, und wir haben es als Kinder auch mit unserer Mutter zuhause immer wieder gesungen. Ich liebte dieses Lied schon als kleines Dötzchen von 7 oder 9 Jahren in jenen Tagen in den frühen 60ern des letzten Jahrhunderts. Ohne verstandesmäßig alle Details des Textes zu begreifen. "Freie Gedanken", fröhlich und nachdrücklich besungen, das war eindrücklich, und ganz gefühlsmäßig waren die mir schon als kleines Kind so wichtig, dass ich das Lied immer wieder schmettern wollte.

Während meine Freundin so fröhlich erzählte vom gemeinsam Singen, kam mir wie von selbst das Liederbuch in den Sinn, aus dem wir zuhause sangen: "Der Zupfgeigenhansl".

In meiner studentischen Zeit und in meinen mittleren Lebensjahren, als mir alles häusliche Singen und vor allem "Volkslieder" bräunlich-verdächtig erschienen, schämte ich mich insgeheim für meine vormalige, kindliche Begeisterung. Es schien mir als ob eklige, braune Soße aus dem Liederbuch und den Liedern hervorquoll.

Was für ein Irrtum.

Ich hätte es besser wissen können. Wuchs ich doch mit einem Vater auf, dem Freiheit und Selbstbe-stimmung über alles gingen. Mit einem Vater, der folgerichtig in der Mitte der 60er seinen sicheren Job bei einer Bank aufgab und eine längere Arbeits-losigkeit riskierte - der allgegenwärtige Untertanengeist in der Bank war für ihn nicht mehr auszuhalten.

Anders als von mir in den bewegten 70ern und 80ern naiv vermutet (aber damals nie verifiziert) ist nämlich im "Zupfgeigenhansl" kein 'typisch braunes' Liedgut versammelt. Er ist das Liederbuch der Wandervogel- und der Jugendbewegung und erschien erstmals 1909.

Aus dem Zupfgeigenhansl 1915
"Die Entstehung der deutschen Jugendbewegung ist quasi eine Entstehung von unten, also durch die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich gegen bestehende gesellschaftliche Konventionen wendet. Man kann sie auch als Rebellion der Jugend gegen die bürgerliche Erwachsenenwelt verstehen. Schlagworte dazu sind Selbstbestimmung, Eigenverantwortung, Selbsterziehung. (…) Im Gegensatz zur internationalen Pfadfinderbewegung waren und sind die Bünde und Gruppen der deutschen Jugendbewegung immer um Autonomie und Unabhängigkeit von staatlichen Stellen bemüht." Soweit die Arbeitsgemeinschaft Pfadfinder im Philatelistenbund.

Der "Zupfgeigenhansl" enthält tatsächlich "Vokslieder". Sie wurden vom damaligen Medizinstudenten und späteren Arzt Hans Breuer auf seinen (Wander)Fahrten gesammelt. Außerdem sind Lieder aus anderen, älteren Volksliedsammlungen aufgenommen. Thematisch sind die Lieder in folgende, wunderbar altmodisch anmutende Schwerpunkten zusammengefasst: Abschied – Minnedienst – Liebesklage – BalladenGeistliche Lieder – Am Abend – Freude – Sommerlust – Auf der Landstraße – Auf Schiffen und Rollwägen – Spinnstube – Soldatenlieder – Schlemmlieder – Beim Bauer – Tanz – Schnurren (Der Einfachheit halber habe ich mich bei Wikipedia informiert).

So sieht eine Stössel-Laute aus
Unser Familienexemplar des "Zupf" wird von meiner Schwester zusammen mit der zugehörigen Stössel-Laute  gehütet. Von welchem Wandervogel aus unserer Verwandtschaft mütterlicherseits genau diese beide zu uns gekommen sind, habe ich leider nicht behalten. Jedenfalls hat schon unsere Mutter sie gehütet wie einen Augapfel.

Für mich sind beide, die ihr heutiges Zuhause in einer hessischen Kleinstadt haben, durch die aktuelle Lage unerreichbar. Glücklicherweise aber gibt es das Internet. Fürs erste half ein pdf der Ausgabe von 1913, und ich hab mir ein sehr gut erhaltenes, historisches Exemplar gerade für'n Appel und 'n Ei bestellt. Ich will mich mit diesem Stückchen persönlicher und Familiengeschichte befassen und ein wenig genauer hinsehen. Wovon haben wir eigentlich damals wirklich gesungen, so begeistert, mit Mutter zuhause am Tisch im Kinderzimmer?


Titel fallen mir ein, von denen nicht alle im pdf auffindbar sind. "Muß i denn, muß i denn", "Kein schöner Land", "Es wollt ein Schneider wandern", "Es freit ein wilder Wassermann" – 'in der Burg wohl über dem See, des Königstochter will er ha'n, die schöne junge Lilofee' geht der Text weiter, und ich kann es noch heute singen. "Ein Vogel wollte Hochzeit machen", "Ade zur guten Nacht", "Lustig ist das Matrosenleben", "Meerstern, ich dich grüße". Und. Und. Und. Je länger ich nachdenke, um so mehr Lieder fallen mir wieder ein, und von den meisten taucht dann auch die Melodie aus irgendeiner Versenkung wieder auf.

Nie hätte ich mir träumen lassen, dass dies alles einmal wieder zum Leben erweckt würde. Wiewohl – es gab eine Zeit, da war manches Lied aus dem Liederbuch auch beinahe schon wieder 'politisch korrekt'. Nämlich damals, als die Liedermachergruppe "Zupfgeigenhansel" ihre Platten machte und auftrat. Was mag aus ihr geworden sein? An sie hab ich auch jahrelang nicht mehr gedacht. "Zupfgeigenhansel folgte zunächst der Idee, deutsche Volkslieder mit freiheitlichem Charakter wiederzuentdecken, teilweise mit eigenen Melodien zu versehen und diese wieder populär zu machen." heißt es bei Wikipedia Und weiter wird dort vermerkt, dass die in den 70ern und 80ern aufkeimende deutsche Folklorebewegung, zu der auch diese Band gehörte, nach dem Aufkommen der 'Neuen Deutschen Welle' dann langsam austrocknete.

Jedoch - hätte mir vor drei Jahren jemand gesagt, dass ich in naher Zukunft ernsthaft übers gemeinsame Singen zur Gitarre nachdenken würde, hätte ich ihm oder ihr vermutlich einen Vogel gezeigt. Ich doch nicht! Das habe ich nun doch wirklich hinter mir gelassen.

Noch so ein Irrtum.

Inzwischen weiß ich es besser. Habe die glücklich machende und befreiende Wirkung des Singens wiederentdeckt. Zwar hatte ich schon mal vor zwanzig Jahren oder so eine Phase, in der ich im Chor gesungen und mich dabei auch enorm wohlgefühlt habe. Aber das war doch noch immer im weitesten Sinn "Kunst" oder "Kultur". Heute geht es mir um eine andere Kultur. Mehr eine des Alltags. Einfach so drauflos singen, um sich wohl und fröhlich zu fühlen – was für eine wunderbare Idee. Warum dafür nicht auch auf jene Lieder zurückgreifen, mit denen sich wunderschöne Kindheitserinnerungen verknüpfen? Und die aus einer langen Tradition freiheitlicher Jugendbeweung stammen?

"Entdecke Deine Lebensfreude wieder" heißt die Parole nach trockenen und austrocknenden eineinhalb Jahren C-Wahn. Dazu gehört, dass ich nun wieder zur 50+-Gymnastik hier im Dorf gehen kann. Endlich wieder Begegnungen mit echten Menschen, und sei es beim Seniorenturnen, und nicht ausschließlich mit digital übermittelten Gesichtern. Und dazu gehört, dass ich mir das Singen ins Leben zurückhole.

Ich bin gespannt, was ich noch alles wiederentdecken oder neu entdecken werde im "Zupf".  


 

Donnerstag, 26. August 2021

Zwischenfazit

Aktueller (13. August 2021) Stufenplan der niederländischen Regierung zur sogenannten
Aufhebung der Maßnahmen
18 Monate, eineinhalb Jahre geht das jetzt schon, dieses ganze C-Chaos. Und kein Ende absehbar. Seitens der Politik und vieler Medien wird, jedenfalls in Deutschland, geunkt und gewarnt, gedroht und gestraft, manches belohnt, viel beschimpft, etikettiert und ausgeschlossen. Schön ist anders. Angenehm ist auch anders.

Viele Menschen haben dies alles einfach vorn und hinten, oben und unten, rechts und links, schlichtweg komplett: satt.

Die Politik in den Niederlanden versucht, diese emotionale Lage durch in Aussicht gestelltes, allmähliches Zurückdrehen der Maßnahmen zu entspannen. In der nebenstehenden Übersicht wird der der Bevölkerung präsentierte Stufenplan dargestellt.

Bis 19. September bleibt alles, wie es zur Zeit ist. Ausnahme: weiterführende Schulen und Hochschulen, wo die eineinhalb-Meter-Regel ab 30. August aufgehoben wird, aber dafür Maskenpflicht besteht und eine Begrenzung auf 75 Anwesende pro Hörsaal.

Ab 19. September scheint es beinahe ein Schlaraffenland zu werden. Auf den ersten Blick werden alle möglichen Einschränkungen aufgehoben. Eine Menge Icons sind auf dem Plakat durchgestrichen.
Eigentlich aber ist es eine Verschlechterung, denn bislang darf man fast überall ohne getestet-genesen-geimpft-Nachweis hin. Halt mit eineinhalb Meter Abstand. Nach dem 19. September wird die Begrenzung der Maximalanzahl Menschen pro Raum aufgehoben, wird die eineinhalb-Meter-Regel aufgehoben, fällt die Maskenpflicht, fällt die Sitzplatzpflicht im Gastgewerbe, fällt das Verbot für Events. 
Aber
: überall, wo mehr als 75 Menschen zusammenkommen, egal ob drinnen oder draußen, gilt ab diesem Moment die 3g-Regel.  Essen im Restaurant (wenn dort mehr als 75 Menschen sitzen können): nur noch g-g-g. Auch im Wirtshausgarten. Zur Zeit kann jeder jedes Restaurant besuchen. Zur Zeit kann auch jeder in jedes Museum. Zwar mit Zeitschloss, aber ohne Maske. Das Orgelkonzert letzten Sonntag, bei dem ich dann doch nicht war, hätte ich ohne Anmeldung und einfach so besuchen können. Zum Beispiel.

Die "Verbesserungen" per 19. September werden darüber hinaus nur dann durchgezogen, wenn der Impfprozentsatz hoch genug ist und die Intensiv- und Krankenhausbettenauslastung im Rahmen bleibt. Wobei jedenfalls auf dieser Übersicht keine Zahlen stehen, die ein Maß dafür angeben.

Die Soziologin in mir stellt fest: geschickter Schachzug. So führt man eine Impfpflicht durch die Hintertür und die Diskriminierung derjenigen, die sich nicht impfen lassen ein in einem Land, in dem aufgrund eines nicht ganz unbedeutenden Anteils bibeltreuer Christen traditionell ein definierter Prozentsatz von Menschen grundsätzlich keine Impfungen machen lässt. In einem Land also, in dem bislang Diskriminierung Ungeimpfter aus Gründen religiöser Toleranz (in den Niederlanden ein hoher Wert) ein No-Go war.

Zum 1. November, so der symbolische Schinken, der der Bevölkerung vor der Nase hergezogen wird, sollen dann – wenn die Zahlen es zulassen, also genug Geimpfte plus wenig Krankenhausauslastung durch Patienten mit Covid-Diagnose – alle Maßnahmen fallen. Nun weiß aber inzwischen jedes Kind, dass spätestens ab dem Herbst die Erkältungs- und Coronviren-Saison beginnt…

Derweil gibt es an anderen Stellen durchaus Erfahrungen von einigermaßen Normalität zu machen. Ein monatliche zusammenkommendes Gremium, in dem ich Mitglied bin, hat sich gestern zum zweiten Mal seit Beginn und Ende der Lockdownerei wieder 'in echt' getroffen. Es ist schon eine besondere Erfahrung, sich nun wieder im großen Karree im Sitzungsraum zu versammeln und einander nicht nur auf dem Bildschirm zu sehen, sondern wirklich zu erleben. Mit Körpersprache, Atmosphäre, Ausstrahlung. Auch meine spirituellen Gruppen treffen sich weiterhin, eine heute, die nächste am Montag. Allmählich nehmen auch wieder alle teil, auch die, die noch vor wenigen Wochen Bedenken hatten. Ein schönes, lebendiges Gefühl, wieder mehr Menschen wirklich begegnen zu können.

Auch die Tatsache, vorläufig in jeden Laden, jedes Restaurant einfach so und mit freiem Gesicht, wie im echten Leben, hineinspazieren zu können und einzukaufen oder zu speisen, genieße ich jedes Mal wieder nach Strich und Faden. In den Zügen, die hier außerhalb der Stoßzeiten meistens eher dünn bevölkert sind und in denen fast nie ein Zugbegleiter anwesend ist, haben immer mehr Fahrgäste die Masken auf Halbmast oder ganz ab. Der nächste Fahrgast sitzt doch viele Meter von einem entfernt. Warum nicht? Man erntet mit halb oder ganz freiem Gesicht vielleicht erstaunte Blicke. Aber sagen würde – jedenfalls hier in Groningen - nie jemand etwas. Auch der Lokführer nicht, der wahrscheinlich die Kamerabilder aus dem Fahrgastraum sehen kann.

Auf der anderen Seite ist die Polarisierung in der Gesellschaft nicht zu übersehen und nicht zu überfühlen. Jemand, der im Lauf der gestrigen Sitzung so en passant fallen ließ, nicht geimpft zu sein, erntete erstaunte Blicke. Aber immerhin – anders als es mir aus Deutschland berichtet wird – keine inquisitorischen Fragen. Jedenfalls nicht im Plenum.

Freundschaften zerbröseln, wenn nicht alle Beteiligten sich sehr viel Mühe geben, dem Gegenüber seine subjektiven Entscheidungen zuzugestehen und das Gegenüber mit seiner Entscheidung in seiner Würde zu lassen. Sobald eine Seite die andere unbedingt überzeugen will von dem, was sie selbst als unverbrüchliche Wahrheit für sich erkannt hat, wird es ungemütlich. Oder unerträglich.

Jedenfalls vergiftet es die Atmosphäre. Und dies Vergiftete ist leider an vielen Stellen zu spüren.
Mich erschöpft das ungemein. Und es macht mich traurig.

"Faust und Gretchen, Marthe und Mephisto im Garten", Theodor Pixisw 1863
Freies Deutsches Hochstift / Goethemuseum Frankfurt am Main © Miteigentum
der BRD / Ursula Edemann (Crative Commons BY-NC-SA)
"Sag, Heinrich, wie hältst Du's mit der Injektion?" würde Gretchen Faust wohl heutzutage in Marthes Garten fragen. Dass jahrelange Freundschaften oder auch Familienbande und Liebesbeziehungen bedroht werden oder zerbrechen, weil man einander nicht mehr richtig nah sein kann, nachdem Beteiligte unterschiedliche Antworten auf diese Frage gefunden haben, tut mir enorm weh. Im Freundeskreis habe ich das inzwischen ein paar Mal erlebt. Wobei mir auffällt, dass es oft eher die Älteren, über 60-jährigen sind, die sich gegen die Injektion entscheiden, und die jüngere (Kinder-)Generation dies nicht akzeptieren kann. Töchter in den 30ern, die nicht mehr mit ihrer Mutter reden, weil sie "eine Verschwörungs-gläubige" ist, oder die die eigenen Kinder extra impfen lassen, um den eigenen Eltern zu zeigen, wie gut sie selbst sich an alles Verordnete halten – nie hätte ich mir (alp)träumen lassen, dass ich so etwas einmal im eigenen Umfeld mitmachen würde.

Anders, als uns das schöne Dokument der niederländischen Obrigkeit vermitteln will, ist für all dies kein Ende abzusehen. Jede und jeder muss einen Weg finden, damit zu leben. Möglichst im inneren Frieden damit zu leben. Möglichst so damit zu leben, dass einem die Hoffnung erhalten bleibt, die Zuversicht erhalten bleibt, das Vertrauen in das Leben erhalten bleibt. Möglichst grübelfrei zu leben.

Kürzlich habe ich in einem Videogespräch zwischen Sonja Ariel von Staden und Susanna Suter  (ab Minute 7:00) einen für mich mit meinem kleinen Park hinterm Haus sehr praktikablen Tip zur ersten Hilfe bekommen für Momente, in denen "die Gedankenpferdchen dann mal wieder total durchdrehen": eine Geh-Meditation. Sonja beschreibt: "Ich gehe sehr schnell, und ich lasse alle unnötigen Gedanken hinter mir."  Gemeint ist damit, sie wirklich im Wortsinn hinter sich zu lassen, von ihnen weg zu gehen.

Quelle http://clipart-library.com/clipart/720830.htm
"Und am schönsten ist, wenn dann auch noch ein Wind kommt, sich in den Wind zu stellen und dann zu sagen: so, der Wind darf jetzt mal den Müll aus meinen Gedanken wegtragen, damit nur die Gedanken übrig bleiben, die jetzt wichtig sind. Die mich fördern. Die mir Lösungen liefern. Und die helfen, gute Entscheidungen zu treffen."

Gut, dass ich das jetzt aufgeschrieben habe. Dann bleibt es besser im Gedächtnis, und die Chance steigt, dass ich es wirklich tue, wenn die Pferdchen anfangen zu galoppieren.

 

Donnerstag, 1. Juli 2021

Einkaufsglück

Was für ein Gefühl!
Vergangenen Sonntag waren mein Mann und ich unterwegs auf unserer kleinen, täglichen Runde durchs Dorf, Minimal-Bewegungsprogramm. Nachdem wir beim Freizeithafen die historische Klappbrücke überquert hatten und wieder Richtung Hauptstraße gingen, kam automatisch der gegenüberliegende Coop ins Blickfeld. Dort herrschte leise Betriebsamkeit – hier haben die Supermärkte am Sonntag von 11 bis 17 Uhr geöffnet.
'Ich hab' keine Erdbeeren fürs Müsli morgen früh' schoss es mir durch den Kopf, 'dann kann ich doch auf dem Heimweg jetzt gleich ein Schälchen mit diesem Lieblingsobst mitnehmen.' – Gedacht, getan. Meine Bankkarte habe ich jetzt immer bei mir, sie steckt in einem Fach der Handy-Hülle. Da man hier so gut wie nicht mehr mit Bargeld zahlen kann, brauche ich nur noch selten mein Portemonnaie.

Jedenfalls – mit unbeschreiblichem Glücksgefühl machte ich mich auf zu meinem ersten Spontan-Einkauf seit ichweißnichtwievielen Monaten.
Letzten Samstag nämlich wurde in den Niederlanden die Maskenpflicht aufgehoben.
Das ewige Zurückzucken: 'achso, geht nicht, ich hab keine Maske dabei' hat ein Ende. Jedenfalls, wenn man nicht gerade mit der Eisenbahn oder dem Bus fahren will.

Einfach so, weil es mir gerade in den Sinn kommt, in einen Laden gehen! wie lange habe ich das nicht mehr getan!

Und drinnen lauter frohe, aufrecht und happy einkaufende Menschen, denen man richtig ins Gesicht schauen kann. Auch die Mitarbeiter im Laden – alle mit offenen Gesichtern.

Es ist unfassbar, wie anders die Atmosphäre im Laden dadurch ist!

Dieser ganze ängstliche Grauschleier, die Furcht vor dem anderen – jeder könnte der Böse sein, der mir das C anhängt – wie weggeblasen! Die Menschen kaufen wieder mit hocherhobenem Haupt ein, anstatt furchtsam und eilig durch den Laden zu huschen.

Bis Februar 2020, bis vor etwas mehr als einem Jahr, war eine solche Körpersprache beim Einkaufen der Normalfall, über den niemand besonders nachgedacht hat. Es gehörte dazu wie das tägliche Brot. Und jetzt, nach 16 Monaten C-Wahnsinn, wird auf einmal der alltägliche Einkauf im Supermarkt ein Ereignis, das Freude macht und gute Laune. Nur, weil wir wieder wie Menschen einander begegnen 'dürfen', einander ins Gesicht schauen können, frei atmen können, während wir durch den Laden gehen.

Ich werde jeden Tag dieser freien Sommermonate genießen. Freue mich schon auf den ersten Besuch im Fischrestaurant ganz ohne Maskenpflicht – auch wenn beim letzten Mal uns schon niemand mehr darauf ansprach. Auf den Besuch auf der Caféterrasse des Bürgerhauses, den Einkauf im Gartencenter – überall wieder Menschen mit freien Gesichtern, drinnen, draußen – SAGENHAFT!
Ich glaube, wenn ich das nächste Mal in der Stadt Groningen bin, werde ich einfach so durch den Hema, H&M, einen Drogeriemarkt bummeln. Schlicht, weil es jetzt wieder geht ohne so ein Ding im Gesicht.

Ein Stück Normalität ist mal eben ins Leben zurückgekehrt.
Ich werde jeden Tag, in dem ich das genießen darf, ganz bewusst wertschätzen.


 

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