Mitte März bis 10. April 2020 täglich. Ab 11. April 2020 erscheinen die Beiträge jeden zweiten Tag. Ab Montag, 22. Juni 2020 immer Montag und Donnerstag abends. Ab Montag, 13. Dezember 2021 am Montagabend nach 22 Uhr.


Posts mit dem Label Termunterzijl werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Termunterzijl werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 23. September 2021

Auf einen Sprung

Blick aus dem Kirchturm in Termunten
Heute schwelge ich in der Erinnerung an den gestrigen Besuch einer herzensvertrauten, langjährigen Freundin, die in einer norddeutschen Stadt lebt und darum mit nicht allzuviel zeitlichem Aufwand für ein paar Stunden kommen kann. Wir erinnern uns: in Deutschland lebende Menschen dürfen entsprechend hiesiger Bestimmungen momentan ohne Test/Impfung/Gesungsnachweis maximal 12 Stunden in den Niederlanden bleiben. Wer länger bleiben will, braucht eins von den dreien.
Nach dem gemeinsamen Lunch hier zuhause waren wir unterweges an der Dollart-Küste. Wir besichtigten die wunderschöne, romanogotische Kirche in Termunten, bestiegen den Turm und erfreuten uns an dem Ausblick weit übers Land und das Wasser, spazierten auf dem Deich und schlenderten eine Weile später durch das pittoreske Termunterzijl. Zwischendurch war uns nach Kaffee und Kuchen. In dem wunderschönen, kleinen Café "Teetied" konnten wir beides genießen. Dabei genossen wir beide auch, dass wir ganz normal ins Café schlendern und bestellen konnten. Keine Masken, kein '3g'. Meine Freundin freute es, weil sie das von zuhause so nicht mehr kennt. Und ich schwelgte in dem Gefühl, weil es noch möglich ist.

Übersetzung:
Endlich hab ich meinen QR-Code auf meinem Telefon.
Das war eine ganz schöne Bastelei!
(Netzfund, facebook-Post)

Ab dem 25. September wird hier in den Niederlanden der sogenannte "Corona-Zugangsnachweis" an vielen Orten verpflichtend. D.h. ab dem Moment darf man diese Orte nur noch gespritzt – genesen – getestet betreten. Nachweisen muss man das mit dem entsprechenden QR-Code, den man entweder "auf dem Telefon hat", d.h. mittels einer bestimmten App in sein Handy geladen hat,  oder als Computerausdruck mit sich führt, nachdem man ihn sich von der entsprechenden Instanz (Gesundheitsamt, Testlokal,…) hat mailen lassen. (Was machen eigentlich die noch immer zahlreich vorhandenen Senioren, die weder PC noch Handy haben?)
Für meine Leserinnen und Leser in Deutschland ist sowas alles natürlich nichts Neues, im Gegenteil. Viele werden davon träumen: wenn es doch noch so relativ freizügig wäre... In Deutschland ist man schon einen Schritt weiter in den
Verschärfungen. Vieles dürfen nur noch Menschen, die entweder "den Pieks" (auf sich) genommen haben oder genesen sind. Für uns in den Niederlanden ist g-g-g allerdings etwas Neues und eine ziemliche Verschärfung. Da kann die Regierung noch so laut behaupten, dass die neuen Regeln ab 25.9. eine "Erleichterung" seien. Unsinn natürlich, denn bislang durften alle bei 1,5 m Abstand beinahe alles, und zwar ohne Maske. Sportveranstaltungen und Festivals ausgenommen, da brauchte man schon seit sie überhaupt wieder mit Publikum bzw. überhaupt stattfinden, immer schon 3g.

Also, 3g gilt dann für Restaurants zum Beispiel. Im Prinzip. Ausnahme: draußen. Im Außenbereich sitzen und konsumieren darf man ohne. Aber wehe, man muss aufs Klo oder will sich vor dem Essen die Hände waschen - das darf man nur g-g-g. Wie verrückt soll es noch werden?

"Corona-Zugangsnachweis" muss man dann auch haben für z.B. Theater, Konzerte, Open Airs, Feste – dafür wird überall die 1,5-m-Regel entpflichtet. Gottesdienste bleiben vom g-g-g befreit. Ob gesungen werden darf, entzieht sich meiner Kenntnis.

Eine niederländische facebook-Bekannte hat in Reaktion auf die Gesetzes-Änderung vor ein paar Tagen einen kleinen Post geteilt, der so ähnlich schon einmal im Sommer 2020 die Runde machte. Er bringt eine Alternative zum Restaurant- oder Kneipen-Besuch wieder zurück ins Bewusstsein, erinnert an ein Stück in den letzten Jahren verloren gegangener Alltagskultur. Hier die Übersetzung:

Auch ohne QR-Code: in unserem Haus kann man sich sicher fühlen.
Wir haben immer Kaffee und Tee, Erfrischungsgetränke, kaltes Wasser oder Bier, Wein und etwas zu essen.
😉
Hier wird niemand verurteilt.
Jedes Familienmitglied, jede Freundin, jeder Freund mit Lust auf ein Schwätzchen ist jederzeit willkommen.
Wir können uns unterhalten, lachen, uns umarmen, oder einfach ein offenes Ohr bieten.
Wir werden unser bestes tun, für Dich, für Euch da zu sein….. Du bist jederzeit willkommen!!
Geimpft oder ungeimpft.
Das sind Werte, die verlorengegangen sind…

Private Fensterdekoration (Teddy-Aktion im Lockdown Frühjahr 2020)

Tatsächlich. Sich gegenseitig 'einfach so' besuchen ist etwas, das auf der Strecke geblieben ist. In vielenFällen nicht erst seit März 2020. Aber seit März 2020 ist das alles noch viel ärger geworden. Auf die Spitze getrieben. Ich erinnere mich noch, wie die Nachbarin, die uns Eier von ihren Hühnern brachte, und dabei nicht einmal nach drinnen zu kommen beabsichtigt hatte, mit Maske in der Hand angelaufen kam – ob sie die aufsetzen solle, ehe sie mir die Eier überreicht.

So gut wie niemand von den facebook-Bekannten derjenigen, die den Text gepostet hat, hat den Beitrag geliked.
Ich denke, dass ganz viele Angst haben, sich als jemand zu outen, der die Maßnahmen der Regierung kritisiert, hinterfragt. Denn die Zweiteilung in der Gesellschaft hat sich auch hier ausgebreitet. Niemand will facebook-öffentlich beschimpft werden. Vielleicht wollen viele sich auch nicht vor ihren eigenen facebook-Bekannten, Nachbarn, Freunden 'outen'.

Kann ich verstehen. Man will nicht noch mehr isoliert werden. Es ist alles schon schlimm genug.

Dabei  beinhaltet dieser von wem auch immer – sprachlich nicht sonderlich ausgefeilt – bedachte Text viel Wahres. Man kann sich durchaus darauf besinnen, dass es nicht immer ein Restaurant oder Café sein muss. Man kann einander auch besuchen. Ganz problemlos sowieso jetzt noch, wo man auf windgeschützten Terrassen oft noch prima draußen sitzen kann. Und also genug Frischluft vorhanden ist.

Mit der Bekannten, die den Text gepostet hat, will ich eigentlich schon seit Anfang des Jahres mal wieder einen Kaffee trinken. Wird Zeit, dass ich endlich auf einen Sprung bei ihr vorbeigehe.

Montag, 20. Juli 2020

Von Masken befreit...


…sind Dörfer und Städte. 
In den Niederlanden.
Auf dem Groninger Vismarkt gibt es zusätzliche Straßencafes
Bericht auf jouwstad.eu

Wo ich mich seit nicht ganz einer Woche wieder aufhalte. Mein aufrechter, angstfreier Gang ist zurück.
Kaum beschreibbar, das befreiende Gefühl, wenn das Straßenbild wieder so aussieht, wie es sich gehört! Eine ungeheure Erleichterung macht sich breit. Wie schön ist das, lauter Mitmenschen mit unverhüllten Gesichtern zu begegnen, Menschen, die einander ansehen und auch dem Leben wieder mit aufgerichtetem Haupt ins Gesicht schauen!
Die Angst ist vollkommen weg und wieder ersetzt von der normalen Umsicht, mit der ich mich schon seit Jahren verhalte.

Gestern waren wir spazieren in den hübschen Ortschaften Termunten und Termunterzijl an der Küste der Emsmündung, Dollart genannt. Diese riesige Bucht (nennt man sowas Meerbusen?) zählt schon zum Wattenmeer, ist den Gezeiten unterworfen und nach neuesten Standards eingedeicht.
Gerade das pittoreske Termunterzijl, in dem das Termunterzijldiep in den Dollart mündet, ist ein touristischer Anziehungspunkt. Verschiedene Straßencafés, Restaurants und Café-Terrassen sind so stark bevölkert, wie es unter der 1,5-m-Regel erlaubt ist. Die Menschen sind fröhlich und entspannt, genießen je nachdem Kaffee & Kuchen oder gebackenen Fisch mit Remoulade sowie das durch Windstille außerge-wöhnlich warme, aber normal-sommerliche Wetter.

Kein Wunder, dass hier viele deutsche Klänge zu hören sind. Mir will scheinen, noch mehr als normalerweise schon. 
Gerade bei den Deutschen fühlt man die Erleichterung und Entspannung aus allen Poren strahlen; es ist deutlich zu merken, wie froh sie sind, der maskierten Allgegenwart des Bedrohungsszenarios in ihrem Heimatland für Tage oder Stunden entkommen zu sein. Anders als aus anderen niederländischen Strandgebieten berichtet wird, halten die Allermeisten vernünftigen Abstand zu denjenigen, die nicht zur eigenen Gruppe oder Familie gehören. Nur ein paar Kinder direkt hinter mir in der Warteschlange, die dies vor lauter Vorfreude auf das Eis, das sie gleich am Tresen werden kaufen dürfen, vergessen haben, erinnere ich vorsorglich daran, nicht ganz so dicht zu uns aufzuschließen.

Eine Atmosphäre, um sich rundherum wohl zu fühlen. Sommerliches (Ferien)Leben halt.
Angst und Panik hat man hinter sich gelassen, ohne das Bewusstsein der Notwendigkeit vernünftigen Verhaltens aufgegeben zu haben.

Ich wünsche mir so sehr, dass alle Landsleute, die gestern, heute, dieser Tage das Aufatmen und die Freiheit des Gesichts in diesem Land genießen, viel davon mit zurück nehmen in ihre Heimat. Dass sie den aufrechten Gang und die Lebenslust behalten. Dass sie vor allem ab jetzt frei bleiben von Angst und Panik und aus dieser Befreiung heraus sich zwar verantwortungsvoll verhalten, aber alles Niederdrückende ignorieren, an sich ablaufen lassen. Vielleicht entsteht so eine Welle zivilen Ungehorsams und fällt so endlich die unsinnige Verhüllungspflicht.

Zur Erinnerung: das Virus ist 0,16 Mikrometer klein. Die Öffnungen in den Alltagsmasken sind 0,3 Mikrometer. Das Virus schlüpft da hindurch wie durch ein offenes Fenster. (zusammengefasst aus: Sucharit Bhagdi/Karina Reiss, "Corona Fehlalarm", Goldegg Verlag 2020).

Viel gelesen