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Montag, 10. Oktober 2022

Herbstspaziergang

Nun wohnen wir schon zehn Jahre hier in diesem Dorf in der Provinz Groningen, und doch gibt es immer wieder mal überraschend Neues zu entdecken. Vor ein paar Tagen wollten wir eigentlich im uns wohlbekannten, wunderschönen Park der Fraeylemaborg in Slochteren spazierengehen, knapp 10 km von hier entfernt. Als wir dort ankamen, war der gesamte Parkplatz total zugeparkt und selbst an den Straßenrändern waren Autos abgestellt. Ach ja, "Oktober – Kindermonat" heißt es hier in den Museen. In diesem Monat gibt es dort dann zahlreiche, besondere Veranstaltungen für Kinder, und oft ist der Eintritt für Kinder auch frei.


(Hier zwei Bilder der Fraeylemaborg aus dem Mürz 2013, als kaum Besucher unterwegs waren.)


Das würde also nichts werden. Wir erinnerten uns, dass es nicht weit von der Fraeylemaborg entfernt ein kleines Naturgebiet gibt, über das ich einmal in der Zeitschrift der Groninger Landschap gelesen hatte und das wir schon immer mal hatten sehen wollen. Und einen "Voedselpark", ein frei zugängliches Gelände, auf dem jede Menge verschiedene, essbare Dinge angebaut werden. Eine Aktion für die Bewohner des Dorfes, untergebracht in einem Verein, und gedacht sowohl als Möglichkeit, sich ehrenamtlich zu betätigen als auch als jederzeit zugängliches Gelände zum freien Schnabulieren.
Dies steuerten wir als erstes an. Wir waren neugierig, wie weit das 2019 gegründete Projekt gediehen ist.

Gleich am Eingang des ca. 1ha großen, langgestreckten Gebietes wird man von jungen Apfelbäumchen begrüßt.



Rechts ein Luftbild der Parzelle aus 2018/19, auf dem man auch sieht, wie sie ursprünglich aussah.



Inzwischen hat sich schon einiges getan, es muss aber auch noch viel passieren.

 

Alle Wege sind inzwischen angelegt, viele Bäume gepflanzt und Beete angelegt. Hir im Bild ein Rondell, von dem aus man zu den verschiedenen Zonen des Geländes kommt, mit z.B. Obstbäumen, Nussbäumen, Gemüsebeeten, Staudenbeeten, usw.

Alles wird so naturvertäglich wie möglich angelegt und bewurtschaftet. Und so fühlen sich allerlei Lebewesen wohl auf diesem Gelände.


Das mutet beinahe noch sommerlich an....


.


Aber hier ist es dann doch schon richtig Herbst.



Nicht weit weg vom Voedselpark liegt das kleine Naturgebiet "Baggerputten" – Baggerteiche.
Auf dem Weg dorthin, sozusagen die Grenze markierend zwischen dem Dorfrand und dem - ja! tatsächlich! - Waldesrand begegnet man diesem Kanal. Ich nehme an, damit wird das ehemals sehr nasse Gebiet einigermaßen trocken gehalten.



Links der Blick nördlich, rechts  derjenige südlich des Weges.

 

 

 

Kurz nachdem man den Beginn des Wäldchen passiert hat, öffnet sich zur Linken der phänomenale Blick auf einen der rechteckigen Seen. Schwimmen ist dort übrigens verboten. Die Plattform ist für Angler eingerichtet, die auf dem niedrigen Teil der Brüstung ihre Angelruten auflegen können.


Die Baggerputten sind bereits im 17. Jahrhundert entstanden, als man aus dem damals nassen Niedermoorgebiet Torf aus dem Wasser baggerte und danach in einer großen Form auf aufgeschütteten Wällen trocknen ließ. So entstanden langgestreckte Teiche, zwischen denen die Trockenwälle angelegt wurden. Heute kann man dort wunderschön spazierengehen und sich an der Natur erfreuen.




Auf den ehemaligen Trockenwällen laufen heute von Bäumen und Sträuchern gesäumte Pfade. Man spaziert also zwischen den einzelnen Teichen.
So öffnen sich immer wieder zauberhafte Blicke, manchmal offen, manchmal durchs an jenem Tag sonnenbeschienene Blattwerk hindurch.



Die Natur rund um die Teiche ist vielfältig. Was mich am meisten erfreut hat, denn Wald vermisse ich hier in der Umgebung doch sehr: das Wasser ist eingebettet in einen zwar kleinen, aber vielfältigen, 'richtigen' Wald. Wie habe ich den herbstlich-feuchten Duft genossen während dieses Spaziergangs. Waldbaden geht überraschenderweise doch auch in Groningen. Und das Männlein, das auf einem Bein im Walde steht, darf dann auch nicht fehlen.


Und dann... hat man den Waldrand erreicht, und der Blick öffnet sich in die bekannte weite Landschaft.







Dass es hier noch immer morastig ist, ist an den großen Flächen mit Riedgras zu erkennen.










Ihn habe ich am Wegesrand entdeckt.
Keine Ahnung, wie er heißt. Aber ein Prachtexemplar!



Und dann kam auf einmal diese Bank in unser Blickfeld.
Herz-berührend hat hier jemand einer großen Liebe ein Denkmal gesetzt.



"Liebe, die Kraft, die alles überwindet" steht auf der Rückenlehne.






Da es sich letztlich um einen Rundweg handelt, führt der Spaziergang dann wieder in den Wald zurück.
Herbstlicht. Und Waldesduft.














Dieser Anblick ließ mein romantisches Herz höher schlagen. Und meine sehnsüchtige Erinnerung an ausgedehnte Wanderungen im Taunus und anderen Wäldern in Deutschland.


Auf dem letzten Stück dann überraschte uns die Groninger Natur ein weiteres Mal. Erst sah ich das Blattwerk.... einer Esskastanie? Hier? So weit im Norden? Und dann entdeckte ich mehr und mehr dieser Bäume. Nun erst wendete ich meinem Blick zum Boden. So entstand dies echt herbstliche Foto rechts.






Ja, tatsächlich, alles voller Maronen!!!
Ich hätte hier mehrere Mahlzeiten zusammensammeln können, hätte ich ein geeignetes Behältnis dabeigehabt. Offenbar war noch niemand sonst auf die Idee gekommen, die Früchte aus ihren stacheligen Umhausungen zu pulen und aufzusammeln.

"Nochmal mit Sack und Fahrrad hinne..." schrieb mir eine Freundin heute als Reaktion auf nebenstehendes Foto in meinem Whatsapp-Status.

Eine Idee.













Dienstag, 22. März 2022

Frühlingsgefühl

In diesen erschöpfenden Wochen seit dem 24. Februar und nach der Schockstarre vom letzten Mal gönne ich mir und Euch eine Atempause.

Den Fokus auf etwas anderes lenken.
Das Schöne sehen.
Die Geschenke der Natur betrachten.

Und so nehme ich Euch wieder mit auf meine Ausflüge durchs Dorf, während derer ich die Boten der wiedererwachenden Natur in diesem Spätwinter und beginnenden Frühling eingefangen habe. Diesmal habe ich das Augenmerk vor allem auf diejenigen Sträucher und Blumen gerichtet, die im Pärkchen und am Wegesrand ihre junge Farbenpracht freigiebig teilen.

Die Fotos sind während meiner täglichen Spaziergänge entstanden, en passant im Wortsinn, und deswegen ausschließlich mit der Handykamera aufgenommen. Dass sie dadurch technisch manchmal zu wünschen übrig lassen, seht Ihr mir sicher nach. Danke.

Anfang Februar, wir schrieben Samstag, den 5., traute ich im Park meinen Augen kaum. An einigen Stellen waren Narzissen in voller Blüte zu sehen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch kein einziges Schneeglöckchen zu Gesicht bekommen.... aber Osterglocken! 

Einen Tag später entdeckte ich mitten in unserem Rasen, eher eine Wiese, dies Stiefmütterchen, das irgendwann von unseren Nachbar herübergeweht sein wird.

 

 

Wieder einen Tag später war der Tag der Krokusse.
Auf einer Wiese im Park leuchtete es mir hellviolett entgegen, und am Straßenrand zwischen den Kartoffelrosen entdeckte ich diese schönen und hier seltenen weißen, noch kaum geöffneten Blüten.


Jetzt machen wir einen Sprung in der Zeit von etwa drei Wochen. Ende Februar entdeckte ich in einem Vorgarten, der mir immer wieder eine große Freude ist, diese wunderherrlich üppig blühenden Azaleen. Ein Traum!

Farblich eine ganz andere Welt sind diese unglaublich kräftigfarbenen Blüten der Zierquitte. Was für ein Rot!
Die Blüten allein nur zu betrachten gibt mir ein Stück Kraft und Lebensfreude.



 
Diese Narzisse links ist mitten durch ein trockenes Eichenblatt gewachsen.  Ein seltener Anblick.

 

Und dann, kaum zu glauben, sah ich, dass die Fette Henne schon wieder austreibt. Am 28. Februar.


 

Am selben Tag entdeckte staunend ich auch die Blütenknospen an einem Lorbeerstrauch.



 

 

 

Zwischendurch ein Blick auf einen meiner beiden Herzensbäume im Jan Emmens Plantsoen, eine Platane. Vermutlich der älteste Baum in diesem kleinen Park direkt hinter unserem Garten.






Bellis Perennis, das Gänseblümchen oder Tausendschön. Sowieso liebe ich diese kleine, ausdauernde und unter den kuriostesten Umständen blühende Pflanze. Ganz besonders schätzen gelernt habe ich sie im Zusammenhang mit einer großen Operation, nach der mein begnadeter, damaliger Hausarzt mir homöpathische Bellis Perennis zur erfolgreichen Unterstützung Wundheilung verschrieben hatte.



Inzwischen sind wir im März angelangt.
Für manche Allergiker ist dies möglicherweise ein Schreckbild.
Trotzden.... schön anzusehen sind sie, die Birkenblüten.

Die Veilchen an diesem Standort habe ich letztes Jahr im Frühling auch gepostet. Nun war ich ganz glücklich, dass sie ungeachtet der Eingriffe des zugehörigen Garteneingentümers (sie wachsen unter einer Ligusterhecke) auch dies Jahr wiederkommen. Das Foto ist aus dem 1. Drittel des Monats.
Betrübt musste ich heute beim Spaziergang feststellen, dass der Hobbygärtner 'ganze Arbeit' geleistet und komplett unter seinem Liguster 'aufgeräumt' hat. Alles trockene Blatt ist weg, der sandige Grund sauber geharkt. Und kein einziges Veilchen mehr zu sehen. Schade.



"Derher Mai März ist gekommen, die Bäume schlagen aus!"
Jedenfalls die Weiden an den Weihern im Pärkchen.
Schon ziemlich früh, oder?
Bald wird der Blick zum Hirschgarten und zum historischen Bahnhofsgebäude vom Fenster im 1. Stock aus mehr ein Blick in die Kronen der großen Trauerweiden sein.



Im Garten des nahegelegenen "Hotel Hulsebos" wächst zwischen Azaleen, Rhododendron unter anderem dieser zauberhaft blühende Strauch. Jemand ein Ahnung, um was es sich handelt?

Irgendwo am Wegesrand entdeckte ich Lungenkraut, eine Pflanze, die von manchen als Unkraut betrachtet wird. Andere haben sie gern in ihrem Garten, z.B. eine Freundin von uns. Dort blüht sie violett und rosa.

Diese prächtige, kräftige Löwenzahnblüte steht am Fuß irgendeines Baumes irgendwo im Dorf.

Unter einer Linde in der Bahnhofstraße (Monopoly lässt grüßen), eigentlich "Stationsstraat", lächelten mich diese feinen weißen Blüten an. Zweifellos wieder etwas, das als 'Unkraut' gilt. Ich weiß noch nicht einmal seinen Namen.

 


Und dann schließlich doch noch... Schneeglöckchen. Am 13. März fotografiert am Muntendammer Diep.


 

Am selben Tag, eine Viertelstunde später in irgendeinem Garten: Kirschblüten!
Was für eine verrückte Zeit, in der Schneeglöckchen und Kirschen gleichzeitig blühen.

Auf der Landseite des Kanaldeichs am Winschoterdiep, am Rande eines Entwässerungsgrabens wachsen diese - tja - Winterlinge. Sind es Winterlinge? Auf jeden Fall ist über viele zig Meter das Ufer übersät mit jenen Blüten.



Auf der anderen, der Straßenseite des Schlootes, fand ich die "Blaue Blume". In diesem Fall eine  Hyazinthe, die sich hierher verirrt hat.



In einem Vorgarten in der Pijpstraat erblühen erste Geschenke für die Kameliendame.
Ich finde sowohl Blatt als auch Blüte dieser Pflanze faszinierend anzusehen.

 


Fotografiert an Frühlingsanfang, aber schon zwei Tage zuvor waren sie mir aufgefallen:
voll erblühte Magnolien!


Und als krönender Abschluss - am 21. März! - die ersten Apfelblüten.
Ich sah und staunte.
Solche Spalierbäume stehen traditionell auf der sonnigsten Seite von Häusern. Im Frühjahr erfreuen die Blüten das Auge, im Sommer geben die Bäume an der wärmsten Seite des Hauses kühlenden Schatten. Wenn es keine Zier- sondern 'richtige' Äpfel sind, liefern sie im Herbst Früchte für die kalte Jahreszeit, Zieräpfel wiederum werden von Amseln und Wacholderdrosseln gern schnabuliert. Und im Winter, ohne Laub, hindern die Bäumchen die gern gesehene Sonneneinstrahlung nur wenig.

Jetzt bleibt uns zu hoffen, dass die Zeit der Nachtfröste wirklich vorbei ist. Damit die Bienen und andere fleißge Bestäuber weiterhin fliegen und uns aus den Kirschblüten, Apfelblüten und was sonst noch so alles in den nächsten Tagen das Sonnenlicht erblicken wird, auch reiche Frucht wird.
Oh ja, und genug Niederschlag darf nicht fehlen!

Montag, 7. Februar 2022

Danke - ja

Dünenlandschaft auf Borkum, Foto 2007
 

 

 

 




 "...noch weht mir der Wind von der See her entgegen,
noch finde ich Sand in meinen Hosenumschlägen
und Dünengras in meinem Haar…" *)

Heute ist einer dieser Tage, an denen mir diese Zeilen aus einem Lied von Reinhard Mey in den Kopf kommen, während ich meinen täglichen Spaziergang durch das Pärkchen und unser Dorf mache. Es weht ein sehr kräftiger, fast stürmischer Nordwestwind, Wind aus jener Richtung also, in der das Meer liegt. Er bringt diese Frische mit, die auch hier, ein ganzes Stück entfernt von der Küste, noch an die See erinnert und eben die oben zitierten Empfindungen heraufbeschwört. Dazu diese einmalig klare Luft, kalt zwar, aber herrlich. Am Himmel jagen dicke weiße Wolken, auch manchmal große, schwere Dunkle, zwischendurch große Fetzen oder auch weite Stücke herrlichen Blaus; kaum vernebelt von den seit dem Frühling 2021 beinahe allgegenwärtigen hohen Schleierwolken, die im gesamten letzten Jahr der Sonne ihre Kraft geraubt haben. Heute hat die Sonne Kraft, schon deutlich erahnbare Frühjahrskraft, die in der diesen Winter bislang nur oberflächlich im Winterschlaf liegenden Natur neues Leben wecken wird. Von diesem Leben ist jetzt, Anfang Februar, schon viel zu sehen. **) Auch zu hören, denn seit einigen Tagen bereits sind wieder Vogelgesänge zu hören. Noch nicht üppig, aber doch nachdrücklich anwesend.
Das Leben fühlt sich – normal an.

Bis mir unterwegs, vom Bahnhof her - gerade hat ein Zug den Haltepunkt in Richtung Groningen verlassen -  ein Jugendlicher kräftig gegen den Wind tretend auf dem Rad entgegenkommt, seine schwarze Stoffmaske noch im Gesicht. Was ihm eine Art Schimpansenmundnasenpartie verleiht. Kurze Erinnerung an die Absurdität dessen, was das "Neue Normal" angeblich sei. Mein "Neues Normal" wird ein anderes sein; jenes das sich als Vision entwickelt, wenn ich über die "neue Erde" träume.
Das nur nebenbei.

Narzissenblüte im Februar
Nachdem ich mich später zuhause mit dem Lunch und der begleitenden Tasse Suppe aufgewärmt habe
und eigentlich nach oben zum Ruhen gehen will, lockt mich die Sonne noch einmal nach draußen auf die Terrasse. Dort kann ich in der Ecke zwischen Haus- und Wirtschaftsraumwand herrlich windgeschützt in der Sonne stehen. Jetzt erst spüre ich die Volle Vorfrühlingskraft unseres Zentralsterns. Ich krempele die Ärmel hoch, ziehe meinen Kragen ein Stück nach unten, will ohne es kalt zu kriegen so viel Sonne wie möglich tanken. In meinem Gesicht genieße ich die wohltuende, heilende Kraft des Sonnenlichts.

Wie von selbst stellt sich die Erinnerung an eine Übung ein, die ich vor ein paar Tagen im Interview eines bereits abgelaufenen Online-Kongresses von Udo Grube gehört habe. An sich ist sein Tip dazu gedacht, sich selbst zu helfen, wenn es einem mal gerade ganz und gar nicht gut geht. Das habe ich die letzten zwei Tage ein paar Mal ausprobiert, und obwohl ich erst das Gefühl hatte, dass sich gar nichts tue, hatte ich irgendwann später festgestellt, dass sich doch irgendwie innere Ruhe eingestellt hatte. Warum es nun nicht tun, um mich mit einem guten Gefühl noch besser zu fühlen?

Die Übung ist ganz einfach:
Tief einatmen, dabei innerlich "Danke" sagen
3 Sek Pause
Ausatmen, dabei innerlich "ja" sagen
Das ganze 10 bis 15 Mal wiederholen bzw. bis zu vier Minuten lang.

Und – tatsächlich, das wunderbar entspannte Glücksgefühl beim Sonnen verstärkt sich noch. Und meine Wahrnehmung verändert sich. Ich höre auf einmal ganz bewusst alle Geräusche um mich herum. Was für ein Konglomerat aus menschengemachtem Lärm und Naturklängen. Beim Getreide-, Saatgut-, und Düngemittelhändler hinterm Bahnhof mit seiner inzwischen enorm gewachsenen Anzahl von riesigen Silos rauscht, rumpelt, bläst alles Mögliche. Irgendwo pumpt eine Pumpe.
Der Verkehr von der Autobahn ist vergleichsweise schwach zu hören. Der Wind tost in den Ästen der Parkbäume. Vögel tirilieren. Irgendwo wird gehämmert. Die Efeublätter der Hecke rascheln windbewegt. Ich spüre der Wärme auf meiner Haut nach. Und dem Licht hinter den geschlossenen Lidern. Ich bewege meinen Kopf, so fällt das lidgedämpfte Licht mal von der rechten, mal von der linken Seite aufs Auge. Ein nicht zu definierender, sicher aus irgendeinem Haus nach draußen gewehter Geruch hängt in der Luft, irgendwas Gebäck-artiges, ich kann es nicht näher deuten.

Ab und zu blinzle ich, wenn es plötzlich kühl wird. Kleine Wölkchen, die wieder vorbeiziehen, verdunkeln kurz die Sonne. Lange werde ich hier nicht mehr stehen können, aus dem Nordwesten kommt eine große, schwarze Wolke angezogen. Als ihre Spitze die Sonne erreicht, gehe ich nach drinnen. Kurz darauf regnet es.

Während ich nach oben gehe, fällt mir das kurze Video von Tijn Touber ein, das ich heute Morgen angehört habe. Kluge Gedanken zur ganz aktuellen Situation. Er befasst sich mit den Hoffnungen, die jetzt allerorten aufkeimen bei den Menschen, auf jeden Fall hier im Land. Ganz, ganz viele hoffen, dass die Niederlande es bald Großbritannien und Dänemark u.a. nachtun und alle Maßnahmen fallen lassen. Um hoffentlich schnell zum "alten Normal" zurückkehren zu können. Touber macht auf die Gefahr aufmerksam, die in dieser Hoffnung verborgen ist: sollte diese Rückkehr zu der Art Leben möglich sein, die wir vor der Krönchenzeit gelebt haben – und jenes Leben (gesamtgesellschaftlich und global betrachtet) war ja weder wirklich schön in einem tieferen Sinn und wirklich lebendig, noch freundlich zu den lebenden Mit-Wesen - , dann könnte es passieren, das Viele ganz viel von dem vergessen und wieder wegsinken lassen, was sie in den letzten zwei Jahren gelernt, praktiziert und über die Zusammenhänge in unseren herrschenden Gesellschaftssystemen begriffen haben.

Das wäre sehr, sehr, sehr schade. Und für die tatsächliche Weiter-Entwicklung der Menschheit mehr als nachteilig. Wach bleiben und die Art von Leben als Vision und Ziel im Auge behalten, die ich wirklich, wirklich leben will – das ist gerade, wenn die Lage sich zu ent-spannen scheint, besonders wichtig.

Ausschnitt der Titelseite des New Earth Manifesto
Danke Tijn, dass Du das bewusstgemacht hast.

 *) Reinhard Mey, "Wirklich schon wieder ein Jahr"
**) Die meisten Fotos in diesem Blog sind gestern und heute entstanden. Liebe Stammleserin, Deinen Wunsch zu erfüllen war mir eine Freude.

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