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Montag, 8. August 2022

Tapetenwechsel

Deichvorland in der Nähe von Termunten beim Gemal Fiemel
Man soll sich ja bemühen, trotz aller schaurigen Nachrichten – an denen in unseren Tagen kein Mangel herrscht: Kriegstreiberei allüberall; die Aussicht auf einen kalten und dunklen, Strom- und Gas-reduzierten Winter; eine Inflation, die die Menschen in die Verzweiflung und einige Großkonzerne in schwindelerregende Gewinnzonen treibt – immer das Positive im Blick zu behalten.
Fällt mir nicht leicht. Das gebe ich unumwunden zu. Manchmal überfällt mich die komplette Panik bezüglich der Zukunft, denn mir fehlt zum Selbstversorgerdasein sowohl das Know How als auch - und vielleicht vor allem - die Kraft. Nur fürchte ich, irgendwann werden wir alle müssen.

Gestern war wieder so ein Tag, an dem an dem ich im Weltschmerz hätte ertrinken können.

Glücklicherweise fiel mir noch gerade rechtzeitig ein, dass wir ja gar nicht so weit weg vom Dollart, der bereits zum Wattenmeer zählenden Emsmündung wohnen. Der Gedanke an Seeluft, Deichspaziergang, Weite und – Seehunde ließ mich träumen.

Vor drei Jahren an gleicher Stelle bei Hochwasser aufgenomen

Nachmittags konnte der Traum Wahrheit werden.
Wir machten uns auf den Weg in Richtung des eine gute halbe Autostunde entfernten Termunten, wo in einem Außengebiet hinterm Deich ein wunderschönes Naturschutzgebiet entstanden ist, in dem Tausende Wasservögel sich tummeln, der Polder Breebart. Und oben auf dem Deich stehend kann man Seehunde beobachten. Durch die Gezeitenströme hat sich an dieser Stelle das Watt so entwickelt, dass bei auflaufender Flut die Seehunde kommen und sich dort auf Sandbänken niederlassen zum Ausruhen. Weibliche Seehunde ziehen sich dorthin auch zurück, um ihren Nachwuchs zu gebären. Damit die Tiere nicht gestört werden, ist der Deich im Umkreis dieser Stelle nicht ganz frei zugänglich. Eine Bretterwand  wurde aufgestellt, Zeehondenkijkwand genannt, mit Gucklöchern, in verschiedener Höhe angebracht und verschieden groß, damit man auch fotografieren kann, hinter der große und kleine, junge und alte Menschen die Tiere beobachten können und diese doch ungestört bleiben.

Man erreicht diese Stelle nach einem kleinen Spaziergang von 10 bis 15 Minuten durch den Polder.
Leider hatte ich nicht an meinen Fotoapparat gedacht, so dass die Fotos nur Handy-Qualität haben.

Trotzdem lasse ich Euch gerne an diesem Spaziergang teilhaben.
Es war ein so schöner Nachmittag, der mich mit vielem zumindest zeitweise versöhnt hat. 


 

 

 

Unterwegs durch die weite Landschaft im Nordosten der Provinz Groningen an einem Sommertag, der schöner nicht hätte sein können. Angenehme 21 Grad, ein angenehmer Wind, klare Luft und Wolken wie gemalt.




 
 
Angekommen beim Besucherzentrum am Punt van Reide noch einmal ein genießerischer Blick ins weite Land, mit der Gewissheit, den Deich im Rücken habend in wenigen Minuten aufs Meer, oder zumindest die Emsmündung schauen zu können.







Vor uns liegt der bequem zu gehende Weg durch den Polder zum Deich.
Die Sonne stach trotz der angenehmen Temperatur, und ich bereute es, meinen Strohhut zuhause vergessen zu haben.




Rechts vom Betrachter liegt der Deich. Links ein Teil der gigantischen Wasserfläche, die zum Naturschutzgebiet gehört.
Die Besonderheit ist, dass dieses Gewässer mittels eines Deichdurchgangs an die Gezeiten angekoppelt ist, wodurch bedrohte Seevögel einen geschützten Lebensraum erhalten haben.



Und das ist sie also, die kleine Bucht mit rechts und links den Sandbänken, auf denen sich die Seehunde niederlassen. Sie gehören übrigens zur gleichen Population, die auch auf einer zu Fuß erreichbaren Sandbank im Nordwesten der Insel Borkum eine geliebten Ruheplatz hat.
 
 
 
 
 
 
Es ist nun gut drei Stunden nach Niedrigwasser, und immer mehr Seehunde kommen mit der Flut angeschwommen. Die zwei schwarzen Punkte im Wasser auf dem Foto rechts sind die Köpfen von sich nähernden Seehunden, die offenbar so schnell schwimmen, dass sie eine sichtbare Kielwelle erzeugen.



 
 
 
 
Und noch drei, die eilig heranschwimmen.




Landgang....





zwischengeschmuggeltes Foto aus 2019

... und entspannen!


...noch mehr! noch tiefer!... ent-spannen!






Dann heißt es allmählich Abschied nehmen.
Blick zurück Richtung Seehunde von entfernteren Deichabschnitt aus.



An der gleichen Stelle vom Deich aus in die andere Richtung geschaut zum Polder Breebart.





 

 

 

Vorbei an der Idylle mit Schafen gehts zurück zum Parkplatz.
Im Hintergrund die dunkler grüne Linie ist übrigens der Deich - für die tiefen Binnenländer unter Euch 😃




Und fürs Fernweh, Inselheimweh .... hier noch ein Seehunde-Foto aus meinem Borkumurlaub im Glutsommer 2018, aufgenommen bei Hochwasser (dem höchsten Wasserstand der Flut, bevor die Ebbe einsetzt).



Donnerstag, 23. September 2021

Auf einen Sprung

Blick aus dem Kirchturm in Termunten
Heute schwelge ich in der Erinnerung an den gestrigen Besuch einer herzensvertrauten, langjährigen Freundin, die in einer norddeutschen Stadt lebt und darum mit nicht allzuviel zeitlichem Aufwand für ein paar Stunden kommen kann. Wir erinnern uns: in Deutschland lebende Menschen dürfen entsprechend hiesiger Bestimmungen momentan ohne Test/Impfung/Gesungsnachweis maximal 12 Stunden in den Niederlanden bleiben. Wer länger bleiben will, braucht eins von den dreien.
Nach dem gemeinsamen Lunch hier zuhause waren wir unterweges an der Dollart-Küste. Wir besichtigten die wunderschöne, romanogotische Kirche in Termunten, bestiegen den Turm und erfreuten uns an dem Ausblick weit übers Land und das Wasser, spazierten auf dem Deich und schlenderten eine Weile später durch das pittoreske Termunterzijl. Zwischendurch war uns nach Kaffee und Kuchen. In dem wunderschönen, kleinen Café "Teetied" konnten wir beides genießen. Dabei genossen wir beide auch, dass wir ganz normal ins Café schlendern und bestellen konnten. Keine Masken, kein '3g'. Meine Freundin freute es, weil sie das von zuhause so nicht mehr kennt. Und ich schwelgte in dem Gefühl, weil es noch möglich ist.

Übersetzung:
Endlich hab ich meinen QR-Code auf meinem Telefon.
Das war eine ganz schöne Bastelei!
(Netzfund, facebook-Post)

Ab dem 25. September wird hier in den Niederlanden der sogenannte "Corona-Zugangsnachweis" an vielen Orten verpflichtend. D.h. ab dem Moment darf man diese Orte nur noch gespritzt – genesen – getestet betreten. Nachweisen muss man das mit dem entsprechenden QR-Code, den man entweder "auf dem Telefon hat", d.h. mittels einer bestimmten App in sein Handy geladen hat,  oder als Computerausdruck mit sich führt, nachdem man ihn sich von der entsprechenden Instanz (Gesundheitsamt, Testlokal,…) hat mailen lassen. (Was machen eigentlich die noch immer zahlreich vorhandenen Senioren, die weder PC noch Handy haben?)
Für meine Leserinnen und Leser in Deutschland ist sowas alles natürlich nichts Neues, im Gegenteil. Viele werden davon träumen: wenn es doch noch so relativ freizügig wäre... In Deutschland ist man schon einen Schritt weiter in den
Verschärfungen. Vieles dürfen nur noch Menschen, die entweder "den Pieks" (auf sich) genommen haben oder genesen sind. Für uns in den Niederlanden ist g-g-g allerdings etwas Neues und eine ziemliche Verschärfung. Da kann die Regierung noch so laut behaupten, dass die neuen Regeln ab 25.9. eine "Erleichterung" seien. Unsinn natürlich, denn bislang durften alle bei 1,5 m Abstand beinahe alles, und zwar ohne Maske. Sportveranstaltungen und Festivals ausgenommen, da brauchte man schon seit sie überhaupt wieder mit Publikum bzw. überhaupt stattfinden, immer schon 3g.

Also, 3g gilt dann für Restaurants zum Beispiel. Im Prinzip. Ausnahme: draußen. Im Außenbereich sitzen und konsumieren darf man ohne. Aber wehe, man muss aufs Klo oder will sich vor dem Essen die Hände waschen - das darf man nur g-g-g. Wie verrückt soll es noch werden?

"Corona-Zugangsnachweis" muss man dann auch haben für z.B. Theater, Konzerte, Open Airs, Feste – dafür wird überall die 1,5-m-Regel entpflichtet. Gottesdienste bleiben vom g-g-g befreit. Ob gesungen werden darf, entzieht sich meiner Kenntnis.

Eine niederländische facebook-Bekannte hat in Reaktion auf die Gesetzes-Änderung vor ein paar Tagen einen kleinen Post geteilt, der so ähnlich schon einmal im Sommer 2020 die Runde machte. Er bringt eine Alternative zum Restaurant- oder Kneipen-Besuch wieder zurück ins Bewusstsein, erinnert an ein Stück in den letzten Jahren verloren gegangener Alltagskultur. Hier die Übersetzung:

Auch ohne QR-Code: in unserem Haus kann man sich sicher fühlen.
Wir haben immer Kaffee und Tee, Erfrischungsgetränke, kaltes Wasser oder Bier, Wein und etwas zu essen.
😉
Hier wird niemand verurteilt.
Jedes Familienmitglied, jede Freundin, jeder Freund mit Lust auf ein Schwätzchen ist jederzeit willkommen.
Wir können uns unterhalten, lachen, uns umarmen, oder einfach ein offenes Ohr bieten.
Wir werden unser bestes tun, für Dich, für Euch da zu sein….. Du bist jederzeit willkommen!!
Geimpft oder ungeimpft.
Das sind Werte, die verlorengegangen sind…

Private Fensterdekoration (Teddy-Aktion im Lockdown Frühjahr 2020)

Tatsächlich. Sich gegenseitig 'einfach so' besuchen ist etwas, das auf der Strecke geblieben ist. In vielenFällen nicht erst seit März 2020. Aber seit März 2020 ist das alles noch viel ärger geworden. Auf die Spitze getrieben. Ich erinnere mich noch, wie die Nachbarin, die uns Eier von ihren Hühnern brachte, und dabei nicht einmal nach drinnen zu kommen beabsichtigt hatte, mit Maske in der Hand angelaufen kam – ob sie die aufsetzen solle, ehe sie mir die Eier überreicht.

So gut wie niemand von den facebook-Bekannten derjenigen, die den Text gepostet hat, hat den Beitrag geliked.
Ich denke, dass ganz viele Angst haben, sich als jemand zu outen, der die Maßnahmen der Regierung kritisiert, hinterfragt. Denn die Zweiteilung in der Gesellschaft hat sich auch hier ausgebreitet. Niemand will facebook-öffentlich beschimpft werden. Vielleicht wollen viele sich auch nicht vor ihren eigenen facebook-Bekannten, Nachbarn, Freunden 'outen'.

Kann ich verstehen. Man will nicht noch mehr isoliert werden. Es ist alles schon schlimm genug.

Dabei  beinhaltet dieser von wem auch immer – sprachlich nicht sonderlich ausgefeilt – bedachte Text viel Wahres. Man kann sich durchaus darauf besinnen, dass es nicht immer ein Restaurant oder Café sein muss. Man kann einander auch besuchen. Ganz problemlos sowieso jetzt noch, wo man auf windgeschützten Terrassen oft noch prima draußen sitzen kann. Und also genug Frischluft vorhanden ist.

Mit der Bekannten, die den Text gepostet hat, will ich eigentlich schon seit Anfang des Jahres mal wieder einen Kaffee trinken. Wird Zeit, dass ich endlich auf einen Sprung bei ihr vorbeigehe.

Montag, 20. Juli 2020

Von Masken befreit...


…sind Dörfer und Städte. 
In den Niederlanden.
Auf dem Groninger Vismarkt gibt es zusätzliche Straßencafes
Bericht auf jouwstad.eu

Wo ich mich seit nicht ganz einer Woche wieder aufhalte. Mein aufrechter, angstfreier Gang ist zurück.
Kaum beschreibbar, das befreiende Gefühl, wenn das Straßenbild wieder so aussieht, wie es sich gehört! Eine ungeheure Erleichterung macht sich breit. Wie schön ist das, lauter Mitmenschen mit unverhüllten Gesichtern zu begegnen, Menschen, die einander ansehen und auch dem Leben wieder mit aufgerichtetem Haupt ins Gesicht schauen!
Die Angst ist vollkommen weg und wieder ersetzt von der normalen Umsicht, mit der ich mich schon seit Jahren verhalte.

Gestern waren wir spazieren in den hübschen Ortschaften Termunten und Termunterzijl an der Küste der Emsmündung, Dollart genannt. Diese riesige Bucht (nennt man sowas Meerbusen?) zählt schon zum Wattenmeer, ist den Gezeiten unterworfen und nach neuesten Standards eingedeicht.
Gerade das pittoreske Termunterzijl, in dem das Termunterzijldiep in den Dollart mündet, ist ein touristischer Anziehungspunkt. Verschiedene Straßencafés, Restaurants und Café-Terrassen sind so stark bevölkert, wie es unter der 1,5-m-Regel erlaubt ist. Die Menschen sind fröhlich und entspannt, genießen je nachdem Kaffee & Kuchen oder gebackenen Fisch mit Remoulade sowie das durch Windstille außerge-wöhnlich warme, aber normal-sommerliche Wetter.

Kein Wunder, dass hier viele deutsche Klänge zu hören sind. Mir will scheinen, noch mehr als normalerweise schon. 
Gerade bei den Deutschen fühlt man die Erleichterung und Entspannung aus allen Poren strahlen; es ist deutlich zu merken, wie froh sie sind, der maskierten Allgegenwart des Bedrohungsszenarios in ihrem Heimatland für Tage oder Stunden entkommen zu sein. Anders als aus anderen niederländischen Strandgebieten berichtet wird, halten die Allermeisten vernünftigen Abstand zu denjenigen, die nicht zur eigenen Gruppe oder Familie gehören. Nur ein paar Kinder direkt hinter mir in der Warteschlange, die dies vor lauter Vorfreude auf das Eis, das sie gleich am Tresen werden kaufen dürfen, vergessen haben, erinnere ich vorsorglich daran, nicht ganz so dicht zu uns aufzuschließen.

Eine Atmosphäre, um sich rundherum wohl zu fühlen. Sommerliches (Ferien)Leben halt.
Angst und Panik hat man hinter sich gelassen, ohne das Bewusstsein der Notwendigkeit vernünftigen Verhaltens aufgegeben zu haben.

Ich wünsche mir so sehr, dass alle Landsleute, die gestern, heute, dieser Tage das Aufatmen und die Freiheit des Gesichts in diesem Land genießen, viel davon mit zurück nehmen in ihre Heimat. Dass sie den aufrechten Gang und die Lebenslust behalten. Dass sie vor allem ab jetzt frei bleiben von Angst und Panik und aus dieser Befreiung heraus sich zwar verantwortungsvoll verhalten, aber alles Niederdrückende ignorieren, an sich ablaufen lassen. Vielleicht entsteht so eine Welle zivilen Ungehorsams und fällt so endlich die unsinnige Verhüllungspflicht.

Zur Erinnerung: das Virus ist 0,16 Mikrometer klein. Die Öffnungen in den Alltagsmasken sind 0,3 Mikrometer. Das Virus schlüpft da hindurch wie durch ein offenes Fenster. (zusammengefasst aus: Sucharit Bhagdi/Karina Reiss, "Corona Fehlalarm", Goldegg Verlag 2020).

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