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Montag, 7. März 2022

Keine Tulpen

 ...la la la la la la la la, Tulpen aus Amsterdam....

Vor ein paar Tagen musste ich in Passangelegenheiten zum Konsulat in Amsterdam. Ein Tagesausflug mit reichlich Eisenbahnfahren, ein bisschen Straßenbahn, einer großen Flasche Mineralwasser und vielen belegten Broten.

Den Termin hatte ich vor Wochen online gebucht, was einer Art Lotterie gleichgekommen war. Jede Woche am Freitagmorgen wird eine bestimmte Anzahl Termine für ca. 4 Wochen später freigeschaltet. Dann muss man schnell genug sein und Glück haben. Irgendwann gelang mir beides, und ich konnte sogar eine Tageszeit wählen, die mir erlaubte, zu einer angenehmen Zeit starten zu können. Morgens kurz nach 10 gings los. Es war eisekalt, aber ansonsten Superwetter. Auf den Zug wartend, hatte ich einen guten Blick auf das perfekt restaurierte historische Bahnhofsgebäude, das 1868 in Gebrauch genommen wurde. Heute beherbergt es das Noord-Nederlands Trein & Tram Museum.

In diese Richtung sollte die Reise in wenigen Minuten beginnen; irgendwo dahinten, etwas mehr als 20 Reiseminuten entfernt, liegt die Stadt Groningen.

Und dann saß ich auch schon im Zug. Im "Dieseltje", wie manche Leute  unsere Regionalzüge von Arriva auf der nicht elektrisierten Strecke freundlich nennen. Und fror. Ungeheizte Bahn.
Um in Groningen genug Zeit zum Umsteigen zu haben, hatte ich extra einen Zug früher genommen. Ich war so lange nicht mehr richtig auf Reisen gewesen, da kamen mir 5 Minuten Umsteigezeit auf einmal viel zu kurz vor.

Natürlich hatte ich nun viel zu viel Zeit auf dem Bahnhof in Groningen, und war froh, dass der Intercity der Nederlandse Spoorwegen schon bereitstand. Auch hier, wie schon eben: nicht viele Reisende um mich herum. Allerdings hatte ich auch den Luxus meiner Senioren-Tagesnetzkarte, ein tolles Angebot der niederländischen Bahn für Menschen über 60. Zu einer Jahreskarte, die in etwa der Bahncard entspricht, kann man zusätzlich 7 Tagesnetzkarten 1. Klasse à 7,50 EUR kaufen. Einziger Nachteil: sie gelten nur außerhalb der Rush Hour.


Es war schön, endlich wieder einmal so richtig unterwegs zu sein. Hier irgendwo in Drenthe. Wir passieren gerade eine Reihe Kopfweiden, von denen ein Teil bereits gestutzt wurde, ein anderer Teil noch nicht.

Eine Zeit später fuhren wir durch "den Polder". Ein anderer Name für die jüngste Provinz der Niederlande, die Provinz Flevoland. Sie besteht aus jenem Gebiet der ehemaligen Zuiderzee, seit der Eindeichung 1932 Ijsselmeer genannt, das seit den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts durch Trockenlegung gewonnen wurde. Die Provinz Flevoland wurde 1986 aus den Poldergebieten gebildet.

In Flevoland liegt auch das ausgedehnte, der Natur zurückgegebene Gebiet der Oostvaardersplassen, in dem rund 850 Stück Damwild, 1000 Konikpferde und 400 Heckrinder leben sowie unzählige, auch seltene Vogelarten. Leider war ich mit dem Handy nicht schnell genug, und so ist nur Landschaft auf dem Bild zu sehen. Das Gelbe ist kein stehengebliebenes Getreide, sondern eine riesige Fläche mit Riedgras.

Ziemlich durchgefroren, wie schon der Arriva-Zug nach Groningen war auch der Intercity nicht geheizt, fand ich mich dann doch irgendwie unerwartet und plötzlich in Amsterdam Zuid an der Straßenbahnhaltestelle in Richtung Stadtmitte wieder.

Und erlebte ein Konglomerat von Gefühlen. Seit Juli 2020, meinem letzten Besuch in Frankfurt, war Groningen die einzige Stadt, die ich erlebt hatte. Das hier war ein ganz anderes Kaliber.

Als die Straßenbahn in die Station einfuhr und gegenüber anhielt, kamen mir fast Tränen. Seit nunmehr bald zwei Jahren erlebte ich - Großstädterin aus tiefster Seele - erstmals wieder eine echte Straßenbahn. Ich freute mich wie ein kleines Kind.

Und mit diesem Gefühl stieg ich dann auch in die - wiederum ungeheizte - Straßenbahn. Die Sitze waren zwar eisekalt, aber das tat vorläufig dem Stadtgefühl keinen Abbruch. Neugierig schaute ich aus den Fenstern. Der Weg führte durch ein städtisches Erweiterungsgebiet aus dem ersten Viertel des 20. Jahrhunderts, schöne, backsteinene drei- bis viergeschossige Wohn- und Geschäftshäuser säumen hier die Straßen.
Ich konnte mich nicht sattsehen an dem ganz normalen städtischen Leben, das wir passierten. Lieferautos mit Waren für die zahlreichen Geschäfte. Menschen unterwegs von irgendwo nach irgendwo. Leute, die Einkaufen gingen. Autos. Fahrräder. Stadt halt. Mir klopfte das Herz, ich war voller Freude und Begeisterung, mit einem Kloß im Hals.
Hinter der Rührung meldete sich vehement das Heimweh nach Frankfurt. Erst recht, als ich am Museumplein ausgestiegen war und noch einmal in Ruhe die Straße entlangsah, auf der ich gekommen war.

Doch nun hieß es, den Weg zum Konsulat einzuschlagen. Ich hatte noch 20 Minuten für einen Weg, der laut Routenplaner 5 Minuten dauerte. Konnte also auch unterwegs meine Blicke schweifen lassen und auf mich wirken lassen, was ich sah.

Da, am Ende des riesigen Platzes stand es also, das berühmte Rijksmuseum. Das niederländische Nationalmuseum, in dem 800 Jahre niederländischer Geschichte erzählt werden. Und viele berühmte Gemälde zu sehen sind.
Und das ich noch nie besucht habe.
Das würde mir auch diesmal nicht gelingen, ich hatte nur wenig Zeit bis zur Rückfahrt vor Beginn der Rush Hour, und die Schlangen an den Kassen waren endlos. 

Sozusagen gegenüber, am anderen Ende des Museumpleins, das Van Gogh Museum, das die weltweit größte Sammlung von Werken von Vincent van Gogh beherbergt. Auch das habe ich bislang noch nicht besucht.
Daneben schließt sich eine gigantische Rasenfläche an, die bei dem Superwetter und den inzwischen angenehmen Temperaturen von vielen, vielen Menschen zum Sitzen, Spazieren oder Spielen genutzt wurde. Überhaupt waren Straßen, Plätze und zahlreiche Straßencafés enorm bevölkert. Wahrscheinlich hätte ich nur mühsam irgendwo einen Platz bekommen, hätte ich danach gesucht.

 

Dies Statement für die Kunst, Protestruf gegen all die Schließungen, die in den letzten zwei Jahren den Kunst- und Kultursektor übermäßig hart getroffen haben, begegnete mir auf dem Weg zum Konsulat.

20 Minuten später hatte ich dort alles erledigt. Mir blieb nun noch eine gute Stunde  Zeit in Amsterdam. Gerade noch genug, um ein Stückchen in Richtung Innenstadt zu laufen und entlang ein paar der berühmten Grachten zu schlendern.
Kein Abklappern der üblichen Sehenswürdigkeiten. Aber Schauen nach des Sehens Wertem.

Entlang der Nordwestseite des Rijksmuseum führte mein Weg

zur Singelgracht.
Als wie gerufen eines der typischen Rundfahrtbote angefahren kam, konnte ich der Verführung nicht widerstehen und knipste drauflos.

 

Dito ein paar Meter weiter an der Lijnbaansgracht.
Klischeemäßiger, typischer geht es nicht. Das Tolle ist, dass hier Klischee und gelebtes Leben übergangslos in einander fließen. Das Rad steht hier nicht zur Zier, weil es halt typischerweise so sein muss, sondern ist schlicht hier geparkt, weil sein Besitzer irgendwo in der Nähe was zu erledigen hat.



Spiegelgracht. Einfach nur typisch.


Prinsengracht Ecke Nieuwe Spiegelstraat. Das sehenswerte Ladenlokal beherbergte früher eine Metzgerei mit "Feinen Fleischwaren". Heute befindet sich ein großes Antiquitätengeschäft dort. Nebenbei genieße ich die Betriebsamkeit um mich her. Und die Tatsache, dass nirgends auch nur eine einzige Maske zu sehen ist.

Es ist inzwischen so warm geworden, dass man getrost seine Jacke über den Arm nehmen kann. Richtig Frühling.

An der Keizersgracht wieder so etwas ganz Typisches:
die schmalen, hohen Häuser mit ihren Flaschenzügen für die Umzüge. Weil die Stiegen zu schmal und zu eng sind, um Möbel zu transportieren.

Wenn ich mich an diesem Standort umdrehe, habe ich den auf dem rechten Bild festgehaltenen Blick.

 
Und dann beginnt schon der Rückweg in Richtung Rijksmuseum.



Auf dem Straßenschild am Haus lese ich "Prinsengracht". Da klingelt was bei mir. Irgendwas, das mit Anne Frank zusammenhängt.
Später lese ich nach: das Haus, in dem die Familie Frank sich versteckt hielt, steht an der Prinsengracht.
Allerdings ca. 20 Minuten Fußweg von hier entfernt und für heute unerreichbar.

Und da ist dann schon wieder das Rijksmuseum.



Völlig genial: Das riesige Torgebäude ist eine breite Durchfahrt bzw. Durchgang.
In der Mitte eine Fahrbahn (auf der nur Fahrräder unterwegs sind) und rechts und links Bürgersteige.

Vor dort aus kommt man auch zum Eingang.
Dort ringeln sich dann auch die zwei Warteschlangen vor den Kassen.

 


 

Blick aus dem Durchgang in Richtung Museumplein.
Ich bin hin und weg vor Begeisterung. Bei meinem wann immer stattfindenden nächsten Besuch in Amsterdam werde ich mich hier eine Weile aufhalten und alles in mich aufnehmen.



Wow!!!
Japanische Kirschen in voller Blüte.
Eine wunderbar geschützte Südwestecke am Rijksmuseum.

Mir geht das Herz auf. So schön!!!

 

 

Aber dann... hieß es: hurtig, hurtig zur Straßenbahn. 15:11 h geht der Zug zurück von Amsterdam Zuid.




Vorbei die Idylle. Eiligen Schrittes, mitten unter den ersten Pendlern auf dem Heimweg, unterwegs von der Straßenbahnhaltestelle Zuid zum Bahnhof Amsterdam Zuid.

Inzwischen war ich auch müde geworden.
Angestrengt von den vielen Eindrücken, die auf mich eingestürmt waren. Vom Straßenverkehr, dem Autorauschen. Von den vielen Menschen.
All das bin ich inzwischen, nach zwei Jahren völliger Zurückgezogenheit in unserem Dorf, offenbar nicht mehr gewöhnt.


Auf dem Bahnsteig wartend, keine Ahnung, aus welcher Richtung der Zug kommen muss, blickte ich mich nochmals um. Der Gegensatz zwischen Amsterdam Innenstadt und Amsterdam Zuid könnte größer nicht sein.

Diese Bauten musste ich noch auf den Chip bannen.
Auch jenes Stück Architektur-Idee scheint mir ein bisschen typisch für die Niederlande zu sein. Jedenfalls sind mir auch schon andernorts solche kreuz und quer verschachtelten Bauten, manchmal selbst statische Rätsel aufgebend, aufgefallen.




Und dann saß ich wieder im Zug. Blickte nach draußen in die nun spätnachmittäglich besonnte Landschaft.
Und fror.
Die Bahn war wiederum ungeheizt.


 

Uff! Geschafft.
Da bin ich wieder.
Im heimisch gewordenen Zuidbroek.
Was für eine Stille!
Die ich jetzt ganz anders genieße.
Bloß: hier ist es kalt. Die Sonne trügt.
Nix wie nach Hause.
Auf was ich mich jetzt am meiste freue?
1. Eine große Tasse Bouillon.
2. Eine große Tasse wärmenden Tee.

Es sollte noch viele Stunden dauern, bis ich - eingehüllt in richtig dicke, warme Winterkleidung und zusätzlich eine wollene Decke, wieder einigermaßen warm geworden war.
Das hätte ich mir auch nicht träumen lassen, dass es im Jahr 2022 angeraten sein würde, bei einer Bahnreise eine warme Wolldecke im Gepäck zu haben.

PS: Den ganzen Tag über habe ich keine einzige Tulpe gesehen.
....la la la la la la la la, la la la la la la laaa...                                     🌷


Donnerstag, 10. Juni 2021

Premiere

Zum ersten Mal seit ich-weiß-nicht-wievielen Monaten, ich vermute Spätsommer 2020, waren wir zum Essen in einem Restaurant. Was war das herrlich! Ein neues altes Stück Lebensqualität, am eigenen Leibe erfahren.

Wir hatten eines unserer Lieblingsrestaurants mit Terrasse am Kanal ausgesucht. In den vergangenen Monaten hatten wir regelmäßig Essen zum Abholen dort bestellt. Da musste man eine Stunde vorher anrufen und genau den Zeitpunkt ausmachen.

Aber jetzt, nach den Lockerungen und Öffnungen am 5. Juni: zur Sicherheit auf der Website nachgesehen, wie lange abends geöffnet ist und dann: einfach loslaufen! Keine telefonische Voranmeldung nötig, einfach so spontan losmarschieren. Türe auf und eintreten, bzw. bei diesen Sommertemperaturen durch die geöffnete Tür hineingehen, einen fröhlichen Gruß in die Runde rufen, durchs Restaurant hindurch auf die Terrasse und einen schönen Platz suchen. So spät, wie wir immer essen, sind kaum bis keine anderen Gäste mehr unterwegs, und so nötigte uns nicht einmal jemand zur Maske auf unserem Weg durchs Lokal.

Auf der Restaurant-Terrasse sitzen, mit dem Inhaber ein Schwätzchen halten, unser Lieblingsessen bestellen, aufs Wasser gucken, den Spatzen unterm Dach der Nachbarn zuhören, die sich im leisen Wind bewegenden Blätter der Bäume beobachten. Ein Traum! Nun erst merke ich, wie sehr ich das vermisst habe. 

Wir brauchen hier nirgends negative Tests. Niemand fragt, ob man geimpft ist oder nicht. Wir müssen auch nicht mit irgendeiner Kontroll-App ins Restaurant einchecken. Mit den Getränken bringt die Bedienung ein vorgedrucktes Blatt, auf das einer von uns Namen und Adresse einträgt, das war's.
Wir erleben einfach ein Stück normale Normalität. Nach 15 Monaten C-Wahnsinn
fühlt sich das neu und unverbraucht, gleichzeitig jedoch vertraut und gemütlich an.

Schon bei meinen etwas häufigeren Besuchen in der Stadt Groningen in den letzten zwei, drei Wochen war mir die enorm entspannte Atmosphäre in der Stadt aufgefallen. Menschen gehen frei mit einander um. Man sieht im Straßenbild, auch in der gut besuchten Fußgängerzone so gut wie keine Masken. Shoppende Menschen tragen die ihre wie ein Handtäschchen am Handgelenk, unterm Kinn oder schlenkern sie herum und ziehen sie auf, wenn sie in einen Laden gehen. Wodurch der sinnbefreite Feigenblattcharakter des Ganzen mehr als deutlich wird. An manchen kleineren Läden steht die Maximalanzahl der zugelassenen Kunden auf einem Zettel an der Tür. In den Straßencafés stehen die Tische auf Abstand, und oft tragen die Kellner/innen Maske. Das ist aber auch schon das Einzige, was auf C hinweist. Jede/r darf die Café und Restaurant-Terrassen einfach so betreten, sich niederlassen und etwas bestellen.
Auf dem Wochenmarkt sieht man keine einzige Maske. Weder bei Händlern noch bei Kunden. Dito beim Pommes-Stand mit den oberleckeren belgischen Pommes. Dito auch beim Eisverkäufer, der seit ein paar Tagen täglich auf unserem Dorfplatz seine Schleckereien an den Mann, die Frau, das Kind bringt.

Und nirgendwo muss man einen negativen Test vorweisen oder gar mitteilen, ob man geimpft sei.

Wie besonders das ist, wurde mir bewusst, als ich heute den Brief einer Brieffreundin las, die gerade nach Niedersachsen umzieht. Sie schrieb über einen Tagesbesuch in einer dem neuen Wohnort sozusagen gegenüber liegenden, niederländischen Stadt: "Wir haben bestaunt, wie offen alles in den Niederlanden ist. Die Restaurants waren alle gut besucht und die Leute haben sich benommen, als wäre Corona auf einem anderen Planeten."

Genau so ist das. Niederländer selbst nennen das "nonchalant". Man hält an Regeln ein, was unbedingt sein muss, immer nochmal zusätzlich gefiltert durch die eigene Einschätzung der Notwendigkeit. Das gibt dem Ganzen hier die entspannte Atmosphäre.

Die Politik behauptet, sie gehe davon aus, ab 1.9. alle Maßnahmen aufheben zu können. Nun, deren Wort in Gottes Ohr! Die Menschen selbst sehen das lockerer. Er habe, erzählte mein Mann, in einer der Zeitungen gelesen, dass sich eine Initiative gegründet habe, die vor Gericht ziehen will, um vor allem die Maskenpflicht per sofort aufzuheben. Von der die Politik übrigens von Anfang an gesagt hatte, dass es um Verhaltensbeeinflussung gehe. Auf die (angebliche) medizinische Notwendigkeit wurde hier nie so gepocht wie in Deutschland. Eigentlich verrückt.
In der Hochzeit der 'Zahlen' sind manche Leute dennoch ängstlich maskierter rumgelaufen als nötig. Jetzt aber sehen immer weniger Menschen ein, warum sie sich das Ding vor's Gesicht hängen sollen. Ich bin gespannt, wie das weitergeht und wann die große De-Maskierung beginnt.

Vorläufig halten die Leute es bei einer schleichenden Befreiung des Lebens, jede/r für sich so, wie er oder sie es für richtig hält.

Diese unaufgeregte Stimmung macht das Leben hier enorm angenehm. Wenn das große C eines zuwege gebracht hat, dann, dass ich mich in meinem Gastland jetzt wirklich tief verwurzelt, wohl und vertraut fühle. Zur Zeit, muss ich zum wiederholten Mal und mit immer wieder einigem Erstaunen feststellen, gibt es wenig, was mich in das Land zieht, in dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin.

Das jedem gesunden Nicht-Politiker-Verstand widersprechende Vorhaben der deutschen Regierungskoalition, morgen die "Epidemische Lage von Nationaler Tragweite" für weitere 3 Monate zu verlängern, trägt nicht dazu bei, daran etwas zu ändern. Wie kann auch nur ein einziger Abgeordneter bei den derzeitigen Inzidenzen – in manchen Städten und Gemeinden bei Null (!) – auf die Idee kommen, nicht gegen dies Vorhaben zu stimmen?
Kopfschüttelnd schaue ich nach jenseits der Grenze.

Derweil ich hier auf der Terrasse des Restaurants sitze und mein Essen sowie die Gespräche und die Atmosphäre genieße.

Mit kugelrund gegessenem Bauch und wohlgemut spazieren wir nach dem Essen noch ein wenig durchs Dorf, lauschen den Amseln, flirten unterwegs mit der einen oder anderen Katze und schauen in einer der Seitenstraßen den Leuten zu, die anlässlich der morgen beginnenden Fußball EM ihre Häuser mit organgefarbenen Löwen-Wimpeln verzieren.

Lasst uns das Leben genießen, hier ist's gut sein!

Donnerstag, 22. April 2021

Traumgesichte

Vor ein paar Tagen am Morgen. Ich schlage meine Augen auf und blicke durchs Schlafzimmerfernster in einen wolkenlosen, blauen Himmel. Im Tiergehege "Hertenkamp" krähen die Hähne: eine eher piepsig hohe Stimme und ein eher ganz typisches Kükerüküü. Ansonsten ist es still. Wunderbar still. Kein Wind. Keine Autos. Das Gebläse der Saatguttrockenhalteanlage in den Silos hinter der Bahnlinie schweigt. Ein herrlicher Tag nach einer wunderbar erholsamen Nacht!


 

 

 

Wunderbares Reisewetter auch.
Wie wäre es - nachher buche ich meine Fahrkarte, und übermorgen fahre ich nach Frankfurt!

 

 

Blick aus einem Fenster im Historischen Museum aufs Haus Wertheim

Meine kleine Wohnung genießen.
Die Stadt genießen.
Ins Historische Museum. Dem Städel einen Besuch abstatten. Beim zauberhaften Weltkulturenmuseum vorbeischauen.
Vielleicht gibt es demnächst ein Konzert der hr-Bigband im Großen Sendesaal, den ich von zuhause aus fußläufig erreichen kann. Oder eines der Telemann-Gesellschaft im Festsaal der "Loge zur Einigkeit".
Mich mit meiner Schwester, meiner Nichte, deren Vater beim Kleinen Italiener treffen und genießen. In der Alten Mühle schlemmen.

 

 

Über die Zeil bummeln, den Kaufhof nach Schnäppchen durchstromern, im Karstadt in der Handarbeitsabteilung nach Wolle stöbern. In der menschengefüllten Fußgängerzone flanieren, irgendwo ein Eis auf die Hand genießen oder ein Fischbrötchen bei der Nordsee – je nach Appetit in jenem Moment.
Durch die 'neue Altstadt' schlendern.
Zu Abend essen im griechischen Gartenrestaurant beim Turnvater-Jahn-Sportgelände…
Oh ja, herrlich!!!

Es gibt Tage, da scheint das alles für einen Moment greifbar und normal.

Bis ich richtig wach bin.

Nix von alledem wird Wahrheit werden.

Zwischen der Reise in meine geliebte Heimatstadt und mir stehen 7 bis 8 Stunden mit Maske im Gesicht. Und 14 Tage Zwangsquarantäne, weil ich aus einer roten Zone komme. Und ein paar PCR-Tests. Und was weiß ich noch alles, was mit dem neuen, angeblich "Infektionsschutz"-Gesetz an Verhinderungen und Beschränkungen noch dazugekommen ist.
Museen hätte ich, als ich obigen Traum träumte, noch mit negativem Test besuchen dürfen. Jetzt, mit der "Bundes-Notbremse" sind sie wohl wieder geschlossen.
Konzerte finden nicht statt.
Der Kleine Italiener, die Alte Mühle, der Grieche beim Sportplatz sind geschlossen. Allenfalls Abholgerichte könnte ich wahrscheinlich erwerben.
Gemütlich zusammensitzen mit der Familie – von der jeder woanders wohnt – Fehlanzeige.
Offiziell nicht erlaubt. Und wahrscheinlich wollen sich alle erst testen, ehe sie einander treffen.

Karstadt: geschlossen für immer.
Kaufhof: geschlossen für immer.
Die Zeil, die Neue Altstadt: nur mit Maske vorm Gesicht darf man da herumlaufen.
Eine Reise nach Frankfurt zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist alles andere als attraktiv.

Es gibt kein Normal mehr.

Und so bekräftige ich, nun endgültig wach geworden, erneut meine seit Mitte Juli 2020 ständig neu zu bekräftigende Entscheidung ein weiteres Mal:
Bleibe (in einem Deiner) Zuhause und nähre Dich redlich.

Sicher momentan habe ich hier sowieso das bessere Teil erwählt.

In meinem Dorf im Norden der Niederlande ist (jedenfalls vom Gefühl her) weitgehend wirklich alles normal. Kinder spielen zusammen draußen, rennen, springen, schreien, fischen in den Teichen im Park, kicken, radeln in Grüppchen – frei, ungezwungen, wie sich das für Kinder gehört. Masken sieht man nur beim Einkaufen und in den Gesichtern junger Leute, die vom Bahnhof kommen und sie - weiß der Himmel aus welchem Grund - aufbehalten haben.

Leute gehen mit dem Hund spazieren, ansonsten ist es hier im Dorf sowieso meistens ruhig. Diejenigen Nachbarn, die im erwerbstätigen Alter sind, gehen Arbeiten wie immer. Homeoffice findet wohl so gut wie nicht statt. Mit dem Pärkchen hinterm Haus habe ich gezähmte Natur in direkter Reichweite, in 15 Minuten Fußweg bin ich in der weiten Landschaft des Nordens mit vereinzelten Höfen, Schafen auf der Weide oder Ackerflächen vom Hopfenanbau bis zur Kartoffel.

Szene aus diesem Video von Meinardi auf facebook

Sollte es irgendwann wieder wärmer werden, kann ich auch wieder aufs Rad steigen. Der Erdbeer- und Spargelbauer im nächsten Dorf hat die ersten Erdbeeren aus seinen Gewächshäusern wieder im Verkauf – leckere Ergänzung fürs morgendliche Müsli.

Mit anderen Worten: wenn ich nicht gerade das Gefühl habe, dass mir die Decke auf den Kopf fällt, lässt es sich hier einigermaßen aushalten. Und lässt sich der Irrsinn da draußen über weiteste Strecken des Tages vergessen.

Auch ein Weg, der Angst- und Panikspirale zu entkommen.

Donnerstag, 3. Dezember 2020

Von Zwängen befreit

 

 

 

Vor ein paar Tagen las ich hier auf der Website einer Zeitung die Überschrift: "Schlampige Kleidung, Haare und Bartwuchs – Ich hab sogar einen Kollegen daraufhin angesprochen". Corona-Mode.
In dem Artikel im Algemeen Dagblad wurde Kritik daran geübt, dass die Menschen sich um so weniger Mühe geben mit ihrer Kleidung, je länger die Homeoffice-Phase dauert.

 "Die Niederländer bemühen sich immer weniger, pico bello auszusehen" beschwerte sich der Interviewte. Kein Wunder, dass er darüber klagt – er ist der Inhaber der Firma Suitsupply, die Anzüge herstellt. Er sieht seinen Umsatz einbrechen.

"Keine chiquer Sakko oder gebügeltes Oberhemd, sondern ein bequemer Troyer oder verkrumpeltes Shirt. Und nicht nur unsere Kleidung verschlampt, man sieht es auch am unkontrollierten Bartwuchs und schlampigen Frisuren." seufzt er.

Auf der Website von RTL  wird auch die weibliche Seite der häuslichen Bequem-Mode beleuchtet. "Bügeln? Bei Joyce zuhause weiß man schon fast nicht mehr, was das ist. Jetzt, da ihr Freund zuhause arbeitet, brauchen keine Oberhemden mehr gebügelt zu werden. Herrlich!

Und der Hausanzug ist inzwischen ihr Lieblingsoutfit, wenn sie das Haus nicht zu verlassen braucht.

"Klar ziehe ich eine normale Hose an, wenn ich die Kinder zur Schule bringe. Aber ich kann mich zum Beispiel nicht daran erinnern, wann ich zum letzten Mal Make-up benutzt habe." Erzählt besagte Joyce weiter.  

Auf einen Aufruf von RTL via facebook zum Thema "Corona-Mode" "reagierten eine Menge Leute auf die gleiche Weise wie Joyce. So lange und so häufig wie möglich laufen sie in Trainingsanzug, Pyjama oder Bademantel herum. Wenn man will, kann man das schlampig nennen. Die Menschen selbst aber finden es prima."

Und auch hier darf die Klage eines (in diesem Fall Damen-)Modegeschäfts nicht fehlen. 


All die schöne, chique Kleidung für offizielle oder festliche Anlässe bleibt im Laden hängen. Pullover, Hosen, klassische Hosen mit Stretch im Gewebe, solche Sachen sind diesen Herbst im Schwange.

"Bequem ist Norm" ergänzt die Ladeneigentümerin "Schade. Aber ich kanns schon gut verstehen. Im Laden trage ich ordentliche, feine Kleidung. Zuhause tausche ich mein Kostüm auch schnell gegen eine Jeans."

Endlich! ruft es in mir laut angesichts dieser Schilderungen.
Der Aufregung kann ich mich ganz und gar nicht anschließen. Endlich kommen die Leute dahinter, dass es für den Menschen in seiner Gesamtheit nicht gut ist, sich in unbequeme Kleidung zu zwängen, nur weil die als "chic" bzw. "gepflegt" etikettiert ist und von den Arbeitgebern und Anstandsgurus unisono zur Norm erhoben wird.

Winerkollektion 2020
von Gudrun Sjöden

Endlich merken die Menschen, wie schön es ist und wie gut es tut, wenn der Körper sich in den Kleidungsstücken frei bewegen kann, nichts zwickt, zwackt, einengt. Wie gut es tut, wenn man frei atmen kann, ohne kneifenden Rock- oder Hosenbund oder über der Brust fast spannende Bluse oder Oberhemd. Wie schön es ist, in bequemen Schuhen zu stecken, in denen die Zehen freies Spiel haben, die Füße atmen können, und in denen man schwingend und federnd natürlich gehen kann. Auch kalte Füße gehören mehr oder weniger der Vergangenheit an mit solcher Fußbekleidung. Statt Nylons oder dünnen Baumwollstrumpfhosen mit pumpsartigem Schuhwerk baumwollene oder wollene Socken mit Bequemschuhen. Herrlich!
Winterkollektion 2020 von hessnatur

Endlich dürfen auch berufstätige Menschen bereits das genießen, das alle Pensionierten sofort tun, wenn sie nicht mehr an irgendwelche Dienstkleidungen gebunden sind: sich so kleiden, wie es ihrem Körper gut tut. Und sich fortan in all ihren Kleidungsstücken rundum pudelwohl fühlen.

Hoffentlich bleibt der nun massenhaft an die Seite gekickte Kleidungs-Zwang dauerhaft auf der Strecke! Den an einem Schreibtisch arbeitenden Menschen wird das auf jeden Fall gut tun. Der Produktivität übrigens wahrscheinlich auch. Denn Menschen, die sich bei der Arbeit wohlfühlen, sind auch produktiver.

Der im Algemeen Dagblad und auf RTL zitierte Anzughersteller führt noch an, dass ihm bezüglich der eigenen Landesgenossen während internationaler Online-Konferenzen oft die Haare zu Berge stünden. Seiner Aussage nach säßen vor allem in Frankreich, Deutschland und Belgien die Teilnehmer eines solchen Video-Gespräches piekfein in der Runde. Und die eigenen Landsleute im Bequemlook.

Das ist auch nur Show, habe ich inzwischen von Leuten aus Deutschland gehört, die es wissen müssen. Weil selbst schon seit Monaten im Homeoffice.

Hier gehts zu dem Artikel auf der RTL-Website
Dieser Chic ist lediglich obenherum. Genau so weit, wie die Kamera reicht. Der Rest vom Körper, unterm Schreibtisch verborgen, sitzt auch in Jogginghose, Pyjamahose, Stretchjeans, Leggings, an den Füßen dicke Wollsocken oder gemütliche Schlappen, eventueel Sneaker. Auch völlig unbekleidete Unterkörper sollen schon vorgekommen sein.

Es lebe die Freiheit des Homeoffice.

 

Donnerstag, 10. September 2020

Distanz fatal



"Gespräche sind der wirkungsvollste Weg, tief greifende soziale Veränderungen herbeizuführen." 
(Meg Wheatly, zitiert in N.D. Walsch, Der Sturm vor der Ruhe, Berlin 2012, Seite 65)


Gute Gespräche, mit Menschen, live, gehören zu den Dingen, die ich am meisten vermisse. Schon bevor der Wahnsinn des großen C losging, lebte ich einigermaßen zurückgezogen. 
Aber ich hatte meine Frankfurt-Reisen und dort allerlei Begegnungen mit lieben Menschen. Wir gingen ins Café, gemeinsam Essen, besuchten zusammen Museen, machten Spaziergänge, trafen uns bei einer von uns zuhause zum Kaffeeklatsch.



Mit dem Maskenzwang wurde mir die bequeme Bahn-Reisemöglichkeit nach Frankfurt genommen, ich bin nach 10 Minuten mit so einem Ding vorm Gesicht kaputt. Und vom "urbanen Leben" ist ja auch nicht mehr so viel übrig, mit den Gesichtslappen überall zwischen den Menschen.

So bleiben mir Chats, Telefongespräche, mails, Briefe. 

Und dieser Blog. Der ja mehr eine Einbahnstraße*) ist… aber immerhin kann ich meine Gedanken in die Welt hinaus schreiben.

Und erneut geht mir durch den Kopf: "honni soit qui mal y pense" – Ein Schelm, wer Böses dabei denkt - wenn ich weiterlese, was Meg Wheatly im Jahr 2002 weiter schreibt:


"Echte Gespräche sind (…) ein zeitloser und verlässlicher Weg, wie Menschen gemeinsam denken können. (…) Wir hungern nach Gelegenheiten, miteinnder ins Gespräch zu kommen. Die Leute möchten die eigenen Geschichten erzählen und sind bereit, sich Ihre anzuhören. (….) Veränderung wird nicht dadurch herbeigeführt, dass jemand sich hinstellt und einen Plan verkündet. Veränderung kommt tief aus dem Inneren eines Systems, wenn einige Leute erkennen, dass da etwas ist, was sie nicht länger zu tolerieren bereit sind, oder wenn jemand einen Traum zukünftiger Möglichkeiten hat und sie auf diesen Traum reagieren."

Honni soit qui mal y pense…  
Wenn man bedenkt, dass Regierungen weltweit die Menschen in die Distanz von einander zwingen. Und in vielen Ländern sie auch noch die Hälfte ihres Gesichtes verbergen müssen.
Sich einen Maulkorb umhängen müssen. So nennen es manche.



Es ist für uns als soziale Lebewesen überlebenswichtig, die Distanz zu überwinden.
Wir müssen uns wieder nahe kommen. Wir müssen wieder mit einander ins Gespräch kommen. Gedanken austauschen. Gefühle besprechen. Wie es uns geht. Wie wir mit der Situation umgehen. Können. Wollen. Müssen.

Finden wir Möglichkeiten, zu einander zu kommen!

 

Ich kenne die Regeln in den einzelnen Bundesländern nicht. 
Wir hier in den Niederlanden können einigermaßen frei mit einander umgehen und dürfen auch bis zu 6 haushaltsfremde Personen in der eigenen Wohnung empfangen. 
Wir dürfen einander also besuchen. Sicher gibt es auch vergleichbare Regelungen in Deutschland, wenn die auch pro Bundesland anders sein mögen.
 






Man kann auch gemeinsam Spazierengehen, Radeln, Laufen – Freiluftaktivitäten.

Man muss sich nur trauen.
Lasst uns die Distanz überwinden!





Normalerweise habe ich nicht viel mit Schlagerartigem am Hut. Dieser Song aber hat mich berührt. Darum teile ich ihn hier zum Abschluss meines heutigen Blogbeitrags. 

 
Über den Künstler und seine Motivation ist auf seiner Website  mehr zu finden

Der Song stammt von Alex Olivari (*1967), der über sich selbst schreibt:
"Als Gitarrist, Bassist, Sänger und Keyboarder bin ich schon eine halbe Ewigkeit unterwegs und habe für nationale und internationale Künstler gearbeitet:

Jennifer Rush, Paul Carrack, Spencer Davis, Gloria Gaynor, The Kelly Family, Guildo Horn, Barbara Dennerlein, Tommy Engel, Matthias Reim und viele mehr.

Jetzt konzentriere ich mich auf meine große Leidenschaft: Das Komponieren und Produzieren von Songs."

*) Es ist durchaus erlaubt und erwünscht, Kommentare zu meinen Texten zu schreiben. Manche tun das ja schon. Danke dafür!
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