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Montag, 23. August 2021

Wertezerfall

Reliefskulptur am Landgerichtsgebäude in Frankfurt am Main
Kürzlich schrieb eine meiner Freundinnen in einem Brief, in dem sie über das sinnierte, was aktuell in beinahe allen parlamentarisch-demokratischen Ländern passiert:

"Wo sind all unsere so hoch gepriesenen Werte wie Integrität meines Körpers, Meinungs- und Versammlungsfreiheit, Elternrecht ... geblieben, wo? Alle  übern Haufen geworfen weil die Regierung es sagt, und das schneller als die Polizei erlaubt!"

Genau so schnell, wie die Regierenden es wollen. Kaum Stimmen einer parlamentarischen Opposition, die dagegen protestieren. Es ist mir noch immer ein Rätsel, wo all die kritischen Denker – mindestens bei den Grünen, die doch ihre Wurzeln in der Außerparlamentarischen Opposition haben, die nichts so sehr auf ihre Fahnen geschrieben hatte wie Freiheit und Menschenrechte – geblieben sind.

Ich erinnere mich an mich als kleines Dötzchen, das in der vierten oder fünften Klasse in Sozialkunde erstmals vom Grundgesetz hörte. Davon hörte, wie besonders eine solche Verfassung sei und wie gut geschützt vor gesetzlicher oder polizeilicher Willkür die Menschen in der Bundesrepublik durch die unveräußerlichen Grundrechte seien. Dass man aus der Geschichte gelernt habe: so etwas wie die Rechtlosigkeit und Gewaltherrschaft des Dritten Reiches dürfe und könne nie wieder vorkommen. Dafür hätten die Väter des Grundgesetzes gesorgt. Mit aufgesperrten Ohren lauschte ich, und mit begeistertem Herzen nahm ich das Lehrbuch mit dem Deutschen Grundgesetz und der Hessischen Verfassung mit nach Hause. Wahrscheinlich erzählte ich stolz von dem, was ich gelernt hatte und wie gut es uns in der Bundesrepublik mit einem solchen Grundgesetz gehe.

Über die unveräußerlichen Menschenrechte ging auch später im Gymnasium noch so manche Unterrichtsstunde, in Geschichte – in Abgrenzung zum Dritten Reich und zu den Diktaturen des Warschauer Paktes -, in Gemeinschaftskunde – in Auseinandersetzung mit allerlei Philosophien des 18. Jahrhunderts. Undsoweiter.


Als wir die Schule verließen, war das Vertrauen in die Rechtssicherheit, vor allem in die unverbrüchlich immerwährende Gültigkeit der Grundrechte, die schwerer wögen als jedes andere Recht, tief in unsere Köpfe, Seelen und Herzen gepflanzt. Jedenfalls bei den meisten von uns.

Offenbar aber, so lernen wir jetzt gerade alle, war das trotz all der Anstrengung hunderttausender Lehr-Körper bei vielen nicht wirklich verwurzelt.
Mit ein paar, von Mal zu Mal stärker eingreifenden Gesetzesänderungen ist dies alles wegradiert. Zählt nicht mehr. Nicht mehr die Grundrechte sind das höchst stehende Recht. Sondern ein Infektionsschutzgesetz.

Was das bis in kleinste Verästelungen hinein für auch atmosphärische Folgen hat, habe ich schmerzlich heute im Telefongespräch mit einem guten Freund erfahren. Es geht mir noch sehr nach.

Seine Frau liegt seit sieben Wochen in einer deutschen Großstadt in der Klinik (hat nix mit C zu tun), und die Behandlung wird sich noch lange hinziehen. Besuche sind dort sowieso nur Leuten erlaubt, die durchgeimpft sind. Seit heute müssen sie auch noch einen negativen Schnelltest nachweisen, der nicht älter als 48 Stunden sein darf. Maskenpflicht herrscht sowieso. Mein Freund, fast 80, hat in dieser Klinik ein kafkaeskes Erlebnis nach dem anderen. Vor ein paar Tagen, da war es gerade superwarm, stand er am frühen Nachmittag in der Einlass-Schlange vor dem Krankenhaus. Für 15 Uhr hatte er sich seiner Frau angekündigt, kurz nach 14:30 war er angekommen. Etwa 25 Leute vor ihm in der Schlange. Eine Wachfrau, die Einlasskontrolle machte. Nach minutenlangem Wachten, etwa 8 Positionen war er schon vorgerückt, erfuhren plötzlich alle, dass sie erst ein Formular ausfüllen mussten. Run auf die Formulare, es gab wohl Tische, wo man sie ausfüllen konnte, und dann mit Formular wieder neu anstellen. 'Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied' bedeutete hier: nicht etwa dass alle wieder dieselben Plätze in der Schlange eingenommen hätten wie vorher, wer sich vorschieben konnte, schob sich vor… und so hieß es für ihn, nicht mehr so superschnell zu Fuß, erneut in langer Schlange in der Hitze schmoren.

Angekommen bei der ca. 20-jährigen Sicherheitsfrau, zeigte er den verlangten Impf- und Testnachweis auf seinem Handy vor. Dann sollte er seinen Personalausweis zeigen. – Dumm, den hatte er, mit dem E-Bike gekommen und daher ohne Brieftasche, nicht dabei. Aber er hatte ein Foto auf dem Handy vom Ausweis. Froh zeigte er es vor. Antwort des jungen Huhns: Das könne sie nicht anerkennen. Das Handy hätte er ja gefunden haben können. Er: "Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich mit meinen 80 Jahren …." – Na, dann wolle sie mal gnädig sein und diese Personalausweiskopie auf dem Handy akzeptieren.

Aber, triumphierte sie, sie würde ihn trotzdem nicht reinlassen. Er habe nämlich keine FFP2-Maske auf, sondern nur eine OP-Maske. Und sie ließe ihn nur mit FFP2-Maske rein. Er verwies auf die hinter der Frau auf der Tür klebenden Schilder, die sagten: Zugang mit FFP2- oder OP-Maske.

Das wäre ihr egal, so die Frau vom Sicherheitsdienst, sie hätte das Schild nicht geschrieben. Er solle sich gefälligst in der Apotheke eine FFP2-Maske kaufen und dann wiederkommen.
Also machte er sich auf zur Apotheke, die ein paar Minuten entfernt am anderen Ende der Klinik sich befindet. Kaufte die FFP2-Maske. Dackelte zurück. Durfte sich erneut in der Hitze anstellen.

Eineinhalb Stunden nach seiner Ankunft am Krankenhaus und eine Stunde nach der verabredeten Zeit konnte er dann endlich um 16 Uhr seine Frau in ihrem Krankenzimmer begrüßen.

Keine Person in der Warteschlange, die für ihn Partei ergriffen hätte. Niemand, der ihn nach der Rückkehr aus der Apotheke vorgelassen hätte. Einen 80-jährigen, deutlich nicht gut zu Fuß seienden Mann….

Eigentlich bin ich noch immer fassungslos. Mal abgesehen von der an sich schon unmenschlichen Regelung für den Krankenhausbesuch ....  [Hier in dern Niederlanden braucht man nur eine medizinische Mundnasenbedeckun, keinen negativen Test, schon gar nicht die Impfung, um seine kranken Angehörigen in der Klinik besuchen zu können.]  Das ist dann also nach 18 Monaten das Ergebnis der sozialen Isolation der hinter Masken versteckten 1,5-m-Gesellschaft. Welche Unmenschlichkeit hat sich in dieser kurzen Zeit breitgemacht. Es ist wieder soweit. Gib kleinen, unbedeutenden Figuren Macht, und sie kosten sie aus bis in den letzten Zentimeter. Lassen die anderen spüren, wer hier das Sagen hat.

Das hatten wir doch alles schon mal.

Die komplette Abwesenheit jeglicher Menschlichkeit und Mit-Menschlichkeit macht mir Angst. Wenn das die vorherrschende Stimmung, der vorherrschende Umgangston in der Gesellschaft ist, dann gute Nacht.

Jetzt, ein paar Stunden nach dem Telefonat, nachdem ich das alles mir von der Seele geschrieben habe, geht es mir etwas besser, blicke ich mich um in meinem Leben.

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Und ich bin froh, dass ich eine Menge Menschen kenne und um mich habe, die völlig anders ticken. Von denen ich weiß, dass sie – hätten sie mit meinem Freund in der Schlange gestanden – ihm bei gestanden hätten in der Diskussion mit der jugendlichen Torwächterin. Oder zumindest nach der Rückkehr von der Apotheke dafür gesorgt hätten, dass er nicht wieder völlig hinten sich anstellen hätte müssen.

Bin froh, dass es noch viele, viele Menschen gibt, die sich von dieser Eineinhalb-Meter-Kälte nicht einfrieren lassen. Die sich ihre Herz-lichkeit bewahren und sie gerade jetzt besonders zum Ausdruck bringen.
An diese Menschen halte ich mich. Mit solchen Menschen kann man überall, wo man ist, wo man hinkommt, kleine Keimzellen von Wärme und Mitmenschlichkeit aufbauen. Und hoffen, und sehen, wie sie wie in einem Schneeballsystem die Kälte von innen her wieder aufwärmen.

Donnerstag, 24. September 2020

Hölle und Himmel

In meiner V.L.O.W. Gruppe hörte ich heute eine wunderbare Geschichte, die ich gerne mit Euch teilen möchte. Wir unterhielten uns über das veränderte Klima im Zusammenleben der Menschen, über das immer noch zunehmende Ich-Ich-Ich, die immer mehr spürbare Spannung und die Angst ums Überleben, die als gesamtgesellschaftliches Klima enorm zugenommen haben. 

Und dann erzählte eine aus der Gruppe die folgende Geschichte über Hölle und Himmel. 

Es war einmal ein Mann, Karl mit Namen, der plagte sich schon wochenlang mit einer furchtbaren Angst vor dem Sterben und fragte sich zitternd und zagend, ob er nach seinem Ableben wohl in die Hölle oder in den Himmel kommen werde. Am liebsten wüsste er sicherheitshalber vorher schon, wie es dort jeweils sein würde. 

Plötzlich stand eine hochgewachsene Lichtgestalt neben ihm: ein Engel. "Du willst sehen, wie es in der Hölle und im Himmel zugeht? Dann komm mit. Ich zeig's Dir."
Das ließ Karl sich nicht zwei Mal sagen. Vertrauensvoll machte er sich mit dem Engel auf den Weg.


An der Pforte der Hölle angekommen, taten sich die Tore wie von Geisterhand auf, und Karl und der Engel konnten einen ausführlichen Blick nach drinnen nehmen.
 

Nix brennende Feuer, nix fürchterliche Monstergestalten, nix Teufel mit Forken, die arme Seelen piesackten. Sie schauten in einen wunderschönen großen Saal, darin eine lange, festlich gedeckte Tafel mit allen Köstlichkeiten, die man sich nur vorstellen konnte. In kristallenen Weinkelchen funkelte wunderbarer Rotwein. Rund um diese Festtafel saß eine bunte Gesellschaft von Leuten aus allen Schichten und aus aller Herren Länder. 

Das einzig auffallende war: es herrschte eine bedrückte Stille, und sie aßen nichts und tranken nichts. Zwar bemühten sich alle furchtbar, etwas zu sich zu nehmen, das Wasser war ihnen im Munde zusammengelaufen, und sie hatten Hunger und Durst. Aber all ihr Bemühen war vergebens. Sie hatten riesenlange Arme, mit denen sie die Speisen und Getränke nicht zum Mund führen konnten. 

Wie von Geisterhand schlossen sich die Türen wieder. Karl fühlte eine Gänsehaut.
"Nun geht's zum Himmel", verkündete der Engel. Gesagt, getan.
 

Auch das Himmelstor öffnete sich wie von selbst, so dass unsere beiden Reisenden ausführlich betrachten konnten, was es zu sehen gab. Karl staunte nicht schlecht, als er in einen vergleichbaren, wundervollen Saal blickte. Auch hier gab es eine lange Tafel, festlich gedeckt und beladen mit den herrlichsten Speisen und erlesensten Weinen. Auch hier saß eine bunte Gesellschaft von Menschen aus allen Schichten und aus aller Herren Länder rund um die Festtafel. Allerdings waren sie fröhlich im Gespräch mit einander und genussvoll beim Essen und Trinken. 

Auch sie hatten viel zu lange Arme, so dass sie die Speisen und Getränke nicht zum eigenen Mund führen konnten.
Aber…. anstatt zu versuchen, mit den ungeeigneten Armen die Herrlich-keiten in den eigenen Mund zu kriegen, nährten sie einander. Mit den langen Armen konnten sie prima bis zum Mund der ihnen gegenüber sitzenden Person reichen. Sie erzählten einander, worauf sie gerade Appetit hatten, oder wann sie etwas bzw. was sie gerade trinken wollten. Das war ein Hall
o! Manchmal viel jemand etwas von der Gabel oder dem Löffel, und ab und zu traf einer nicht gut den Mund des Gegenüber, und es wurde gekleckert. Viel fröhliches Lachen war die Reaktion auf solche Missgeschicke. 

Schwupp…. schlossen auch hier die Türen sich wieder wie von Geisterhand.
"So ist das also!" dachte Karl. Die Gänsehaut war verschwunden.

Montag, 21. September 2020

Zwei Grautöne?

Vorgestern fiel mir auf, dass eine bestimmte Briefmarke zur Zeit besonders häufig auf den Briefen klebt, die mich aus Deutschland erreichen. Ich hatte sie mir bislang nicht genau angesehen, nur die nicht gleich interpretierbare Abbildung und die etwas düstere Atmosphäre mit dem  Grau und dem Lila halbbe-wusst wahrgenommen. Lila ist hier in den Niederlanden eine Farbe der Trauer.

Nun schaute ich mir die Marke näher an. Wenn die Deutsche Post für so ein Motiv sich entscheidet, muss es ja einen Sinn haben, war die Überlegung, dann muss ja was dran sein…Oh ja, die Marke hat einen tiefen Sinn! Es ist eine Menge dran, wenn ich an meine Erfahrungen während der längeren und kürzeren Besuche in Deutschland in der letzten Zeit denke.

"Zwei Grautöne? 2020 Deutschland"
Deutlicher und treffender kann man es nicht sagen! Leider.
Danke, Deutsche Post, für diese Offenheit in verlogenen Zeiten.

Wird man die Deutsche Post wegen dieser (wahrscheinlich nicht beabsichtigten) Offenheit nun als Verschwörungstheoretikerin entlarven? Oder die Marke vom Markt nehmen, weil sie aus Versehen so unverblümt die Wahrheit sagt? Und dann auch noch dem Ausland gegenüber? Der Markenwert ist nämlich derjenige für Auslandsbriefe.

Was ich zur Zeit wahrnehme, wenn ich nach Deutschland reise, ist genau das: ein einziger,
gigantischer Grauschleier, erzeugt durch die "Pandemie der Angst" und die beschlossenen Maßnahmen. Da in den Niederlanden das Leben weitaus freier und uneingeschränkter verläuft, Menschen einander mit offenem Gesicht begegnen und Kinder ganz normal mit einander spielen und zur Schule gehen dürfen, natürlich auch mit offenem Gesicht, erfahre ich den Unterschied zwischen der regenbogenbunten  Beinahe-Normalität hier und dem grauen Pandemie-maßnahmen-Alltag dort besonders deutlich.

"Ooch", höre ich manche nun sagen, "so schlimm ist es doch gar nicht. Eigentlich verläuft mein Leben ganz normal. Wenn ich einkaufen gehen, ziehe ich halt die Maske an. Das macht mir nicht so viel aus.  Da hab ich mich inzwischen dran gewöhnt. Aber ansonsten geht doch alles fast wie immer. Ich sehe meine Familie, meine Freunde. Halte halt Abstand. Gehe aus Essen oder ins Café. Halte halt Abstand. Und im Museum, na gut, da muss die Maske an, aber das hält man schon aus." Oder andere: "Ich hab mich so an die Maske gewöhnt, ich vergesse manchmal, sie wieder abzunehmen." – "Das mit dem Abstand ist doch gar nicht so schlimm. Man gewöhnt sich dran. Es muss halt sein."

Ich selbst erlebe es völlig anders. Niemals normal. Niemals gewöhnungsfähig.
Als Soziologin habe ich unglaublich feine Antennen entwickelt für die (Lebens)Atmosphäre in einer Gesellschaft. Ich habe gelernt, hinter die Masken zu schauen. Nicht die heute im Außen getragenen. Die anderen, die symbolischen Masken. Es gehört zur Profession, nach dem "Eigentlichen" zu suchen hinter einem gesellschaftlichen Phänomen. Was sich verändert hat, ist vor allem die Atmosphäre des Zusammen-Lebens, das durch die Maßnahmen  in ein Nebeneinanderher-Leben gezwungen wird. Das finde ich schlimm. Es macht mich unendlich traurig.

"Zwei Grautöne? 2020 Deutschland"
Wo immer ich in der letzten Zeit in Deutschland bin (im Sommer einen Monat in Frankfurt, nun ab und zu zum Einkaufen jenseits der Grenze in ostfriesischen Städtchen), fröstelt es mich. Ist zwar ganz praktisch während einer Hitzewelle. Aber ansonsten schaurig. Der Grauschleier liegt über allen öffentlichen Räumen, wo viele Menschen gleichzeitig anwesend sind, seien es Plätze, Parkplätze, Läden.
Normalerweise lebe ich teils in Frankfurt und teils in den Niederlanden, und Ich bin immer gerne nach Frankfurt zurückgefahren, oder auch nur Einkaufen im deutschen Landstrich gegenüber. Wenn ich die Grenze nach Deutschland passierte, erfasste mich jedes Mal ein warmes Gefühl von Vertrautheit und Zuhause-Sein.
Was in den letzten Monaten in meiner Heimat passierte und passiert, hat mir dieses Gefühl vollkommen zerstört.

Das zwanghafte Distanzhalten, einander aus dem Weg gehen, verbreitet immer stärker Isolation. Besonders, seit jetzt massenhaft die Kinder in der Schule von einander isoliert werden und hinter Masken gezwungen. Anstatt dem menschlichen Urinstinkt zu folgen und uns unseresgleichen anzuschließen, geht man einander aus dem Weg. Was für eine gigantische Einsamkeit. Nicht zuzupflastern mit den erlaubten Umarmungen und der Nähe in der eigenen Partnerschaft, so man eine hat, oder zwischen den Menschen, mit denen man lebt.

Ich erlebe Menschen, die erfasst von Angst und Panik kritiklos alles annehmen, was ihnen von 'Oben' verordnet wird, wie sehr sie dadurch auch eingeschränkt werden. Erlebe immer wieder Menschen, die völlig unnötigerweise sich maskieren, sobald sie die eigenen vier Wände verlassen. In Läden huscht man an einander vorbei, ohne sich anzusehen. Es gibt keine kleinen Schwätzchen mehr mit der Verkäuferin an der Brot- oder Käsetheke oder an der Kasse. Wenn ich eine Mitarbeiterin was fragen muss, versteht man einander kaum und muss alles mehrfach wiederholen. Jede und jeder versucht, so schnell wie möglich aus dem Laden wieder rauszukommen. Wenn jemand sich nicht an die Regeln hält, wird oft von irgendwelchen Mit-Kunden geblafft und geschrien. Ohne zu fragen, ob es vielleicht einen medizinischen Grund gibt, warum jemand keine Maske trägt. Ohne darüber nachzudenken, dass jemand vielleicht in Gedanken war und darum die 1,5 m mal eben nicht eingehalten hat.
Kinder in einer Waldorfschule in Aurich werden überfallartig von Gesundheitsamtsmitarbeitern in kompletter Schutzmontur – ohne Einwilligung der Eltern - während der Unterrichtszeit zwangsgetestet, weil eines der Kinder in der Klasse Geschwisterkind von einem anderen Kind ist, das im Verdacht steht, eventuell PCR-positiv zu sein. Keines der Kinder hat auch nur das kleinste Symptom. 
Solcher Dinge gibt es viel mehr, man findet sie zuhauf, wenn man es wissen will. Nur breite ich ganz bewusst diese Details nicht alle aus.

Das alles dringt zu mir trotz Nachrichten-Fasten. Über meine eigenen Wahrnehmungen. Über Mitteilungen von Menschen, mit denen ich in Sozialen Medien verbunden bin. Keine halbseidenen Gestalten, denen sich leicht sonstwas unterstellen ließe. Sondern aufrechte, ehrliche und ehrlich besorgte Personen.


Es ist eine täglich neu herausfordernde Übung, unter diesen Umständen sich selbst positiv zu stimmen und "Freude ins Feld" (Link heraussuchen) zu bringen. Nichts ist in dieser momentanen Situation wichtiger, als genau das zu tun. Das Grau durch die Farbigkeit lebendiger, hoffentlich übersprudelnder Freude immer mehr zu durchlichten.
Ob das nun Gartenarbeit ist, bei der ich mich mit der Erde verbinde; ein bewusster Spaziergang, auf dem ich mich einstimme auf die Bäume, Sträucher, Pflanzen, Tiere, Landschaft, die mir begegnen, zu ihnen Kontakt aufnehme und mich aus der Menschensphäre eben ausklinke; ob ich aufmerksam ein Stück Musik anhöre, ein Schwätzchen mit den Nachbarn halte, mich aufs Fahrrad setze oder nach Strich und Faden die Tatsache genieße, dass ein paar Kilometer von hier noch immer frische Erdbeeren im Hofladen des Erdbeerbauern zu kaufen sind (ach ja, demnächst aus dem Gewächshaus, und auch kein bio – manchmal muss man verschiedene Prinzipen gegeneinander abwägen und sich entscheiden). Oder ich beschließe ganz bewusst, welche Kleidungs-stücke ich trage, genieße das wunderbare Naturmaterial, aus dem sie gemacht sind, freue mich über die Farbe und Gestaltung der Ohrringe, die ich dazu trage. Auch die Blockflöte werde ich mal wieder zur Hand nehmen, die durch die Frankfurt-Reise und die folgende Hitzewelle in Vergessenheit geraten ist. Ich pflege Verbundenheit zu anderen Menschen durch meine Brieffreundschaften und lasse meiner Kreativität freien Lauf in diesem Blog.

Es gibt so viele, freudvolle Dinge und Situationen, auf die ich mich konzentrieren kann.
Auf die Ihr Euch konzentrieren könnt. Tut es!

Hier in diesem Land, in dem wir relativ viel Freiheit genießen, freue ich mich jeden Tag an all den Menschen, denen ich im Straßenbild begegnen darf. Menschen, die aufrecht, angstfrei und mit offenem, sprechendem Gesicht unterwegs sind. Hier ist das Leben tatsächlich einigermaßen normal. Ich hoffe und wünsche für alle Menschen, dass das in ihrer Lebensumgebung auch schnellstmöglich wieder der Fall sein wird.

Nein, noch anders.

Ich wünsche aus ganzem Herzen, dass wir alle, alle Menschen auf dieser Welt – am liebsten sofort –alle Freiheit und Freude genießen können, die uns als Geburtsrecht von Anfang an zusteht!


Ein guter Anfang wäre das Beherzigen des folgenden Wahlspruchs:
"Die Presse muss die Freiheit haben, alles zu sagen, damit gewissen Leuten die Freiheit genommen wird, alles zu tun.“

Louis Terrenoire (1908-1992),
Journalist, Politiker, Widerstandskämpfer und Gewerkschafter


Donnerstag, 13. August 2020

Unmenschlich (II)



Einer Brieffreundin von mir, selbst in der Pflege alter Menschen tätig, widerfuhr vor eineinhalb Monaten Ähnliches wie dem Freund, von dem ich vergangenen Montag erzählte.

Sie durfte ihre terminal kranke Tante nicht in der Klinik besuchen. Am Arbeitsplatz hätte sie dafür freibekommen, aber das Krankenhaus erlaubte nicht, dass sie ihre Tante besuchte.
Die Tante, die in ihrem Leben die Position einer Mutter hatte, die Tante, mit der sie tief verbunden war, der sie hätte Liebe geben wollen, die sie hätte begleiten wollen...  verweigert vom Krankenhaus.
Wenige Tage später starb die Tante. Einsam.

Die Ziehtochter kann nun sehen, wie sie mit der durch diese Erfahrung extra schwer wiegenden Trauer umgeht und wie sie verarbeitet, dass sie sich nicht verabschieden durfte. Möge ihr das gut gelingen und möge sie Menschen um sich haben, die dies Leid mit ihr tragen.
Und - ich wünsche ihr von Herzen, dass sie nicht von ihrem Arbeitgeber unter Druck gesetzt wird, mit den ihr zur Pflege anvertrauten Menschen und deren Angehörigen ebenso umzugehen.

~~~.~~~.~~~

Eine Frau mit Nierenbeckenentzündung und Fieber wurde vor wenigen Tagen in einem Krankenhaus in Oldenburg nicht behandelt. Sie hatte sich dort vorgestellt und bekam zu hören, dass man sie nur aufnehmen würde, wenn sie bestätigt, dass sie an COVID19 erkrankt sei. Und so wurde sie, so krank wie sie war, wieder nach Hause geschickt. (Quelle ab Minute 03:52)
Durch Vermittlung des Machers von obigem Videos und ein Ärztenetzwerk , dass sich als Folge allen Corona-Maßnahmen-Elends gegründet hat, konnte ihr glücklicherweise kurzfristig anderweitig medizinische Hilfe vermittelt werden.

Was nur ist mit den Menschen in diesen Zeiten los?
Wohin ist es mit unserem Zusammenleben in kürzester Zeit gekommen?

Leute, wacht auf!
Hier läuft etwas enorm schief!

Es geht nur noch um Maßnahmen. Maßnahmen und Regeln.
Angeblich zu unserem Schutz. Es wird gesagt: zum Schutz der Bürgerinnen und Bürger.
Es wird gesagt: zum Schutz von allen Menschen, die hier leben..
Aber. Dies alles hat sich schon lange gegen die gekehrt, die, so wird gesagt, geschützt werden sollen.

Hier hat sich eine absolut unbarmherzige "Der-Zweck-heiligt-die-Mittel"-Ideologie Bahn gebrochen.
Und jede Mit-Menschlichkeit, jegliche Menschen-Freundlichkeit, jegliches Einfühlungsvermögen in Grund und Boden getreten.

Gewachsen auf dem furchtbar fruchtbaren Acker der Krankheits- und Todesangst jeder und jedes einzelnen.
Jede/r ist nur noch sich selbst die/der Nächste.

 



Sterben müssen wir alle.
Unklar ist nur, wann.
Bei der derzeitigen gesellschaftlichen Stimmung ist es ein sehr, sehr einsamer Prozess. 
In großer Verlassenheit.

O Herr, lass 💖Herz💖 vom Himmel fallen!!!
Und umgehend, bitte  🙏

Montag, 10. August 2020

Unmenschlich



Ein sehr lieber Freund, mit dem ich seit Jahrzehnten tief und herzlich verbunden bin, musste sich vor etwa einem Monat einer schweren, orthopädischen Operation unterziehen. Die Klinik war von sich aus auf ihn zugekommen: sie könnten die schon lange geplante OP jetzt durchführen. Chirurgische und pflegerische Kapazität sowie Betten seien ausreichend vorhanden.
Am Tag nach dem Eingriff hatten wir kurz Kontakt – es ging ihm einigermaßen gut, Nachwirkungen von der Narkose vor allem – und zwei Tage später noch einmal. So weit o.k. Dabei wurden wir unterbrochen, weil der Physiotherapeut ins Zimmer kam.
Seitdem war Funkstille. Ein paar Nachfragen, wie es ihm gehe, blieben unbeantwortet. 
Ich begann, mir wirklich Sorgen zu machen.

Gestern, nach einer weiteren, dringlich formulierten Frage nach seinem Befinden, bekam ich eine halbe Stunde nach Mitternacht, eine Antwort.

Es geht ihm in der Tat richtig mies.
Aber nicht aufgrund seiner Operation.

Sein Bruder, mit dem er ein enges, seelisches Band hat(te), lag schwerkrank in einem Krankenhaus. (Nein, kein COVID19!) Es war deutlich, dass er sich in der letzten Phase seines Lebens befand und es war abzusehen, dass er bald sterben würde.
 
Mein Freund hatte auf alle erdenklichen Arten und Weisen versucht, vom Krankenhaus die Erlaubnis zu bekommen, seinen Bruder besuchen zu dürfen. 
"Mit und ohne Anwalt", wie er mir schrieb. 
Und dieser Freund ist kreativ und hat schon die unmöglichsten Dinge in seinem Leben hinbekommen bzw. für andere Menschen erfochten!
Der Bruder hatte intensiv nach ihm verlangt und, als es ihm wirklich schlecht ging, immer wieder nach ihm gerufen.
Er bekam keine Besuchserlaubnis.
"Wegen Corona."



Am Samstag, in den frühen Abendstunden starb der Bruder. Allein.

Ich frage mich wirklich, was das für Menschen sind, die einem Sterbenden im Angesicht seiner seelischen Not den dringend benötigten Seelentrost verwehren. Die einem Sterbenden, der inbrünstig nach seinem Lieblingsbruder ruft, der erreichbar ist und kommen will, diese Begegnung und Begleitung verwehren.

Was sind das für Ärzte?
Was für Schwestern und Pfleger?
Was sind das für Menschen, die die Einhaltung unsinniger Regeln höher stellen als die Sorge für die ihnen anvertrauten Leidenden ?!?

Was geht in solchen perfekt im System der Maschinenmedizin funktionierenden Menschen vor?
Wie können sie so hart-herzig sein angesichts der tiefen, tiefen Not ihrer Patienten?
Können diese Ärzte, können diese Pfleger, können diese Schwestern sich selbst noch im Spiegel ins Gesicht sehen, in die Augen schauen? *)

Dies alles geht nun schon Monate so, und es sind unzählige Menschen in vergleichbarer, unfassbarer seelischer Not den aller-aller-letzten Weg ihres Lebens gegangen.
Allein gelassen.
Vollkommen allein gelassen.

Es ist schon (zig)tausendmal gesagt und geschrieben worden: Was hat es für einen Sinn, jemanden, der im Sterben liegt, noch vor der eventuellen, und in der momentan aktuellen Situation sehr, sehr unwahrscheinlichen Ansteckung mit Corona schützen zu wollen?
Ach so, die Besucher könnten Schwestern, Pfleger, Ärzte und andere Patienten gefährden?
Wenn doch Masken so gut "die anderen" schützen (darum, wird gesagt, sind sie ja an immer mehr Orten und bei immer mehr Gelegenheiten in Deutschland verpflichtet) – dann könnten die Besucher des Sterbenden doch ausgestattet mit den noch viel sichereren Masken der Klinik sich durchs Krankenhaus bewegen, bis sie im Zimmer der betreffenden Person angekommen sind!

Mein Feund wird wahrscheinlich noch monatelang an dem Erlebten knabbern: dass er den inniggeliebten Bruder nicht begleiten durfte. Ihm nicht beistehen durfte. Sich nicht von ihm verabschieden durfte. Er muss nun mit dem Bewusstsein leben, dass diesem geliebten Menschen ein menschenwürdiger Weg aus dem Leben verwehrt, weggenommen wurde.
Und damit, dass kein Weg, auch kein Rechtsweg in unserem demokratischen Rechtsstaat das Personal des Krankenhauses zu menschenwürdigem Verhalten bringen konnte.

Ich kann nur hoffen, dass seine Frau, wenn auch selbst mit zerbrechlicher Gesundheit, es schafft, ihn gut aufzufangen und in diesen schweren Wochen zu begleiten. Da auch sie ein sehr liebevoller, warmherziger Mensch ist, habe ich da eine gewisse Zuversicht.


*) Ich kann mir nicht helfen, dies lässt mich unweigerlich an andere historische Situationen in der deutschen Geschichte denken, in denen die Bevölkerung massenhaft mitgemacht hat, weil: "Befehl ist Befehl". 
In diesem heutigen Fall geht es nicht einmal um Befehle, sondern 'nur' um Anweisungen, die man nicht befolgen würde, ließe man es zu, dass Sterbende menschenwürdig begleitet werden von denjenigen Menschen, nach denen sie sich sehnen.
Dabei ist sogar beim Militär Befehlsverweigerung (im offiziellen Sprachgebrauch "Gehorsamsverweigerung") straffrei, wenn durch die Ausführung des Befehls 
- die Menschenwürde verletzt oder
- wenn durch das Befolgen eine Straftat begangen würde (§ 11 SG, § 22 WStG).
Nicht ausgeführt werden darf [Hervorhebung d. Verf.] (§ 11 Abs. 2 SG) ein Befehl, dessen Befolgen selbst eine Straftat oder einen schweren Verstoß gegen den Kerngehalt des Völkerrechts zur Folge hätte. 
(Quelle)
Die Menschenwürde wird durch das Ausführen solcher Corona-Regeln auf jeden Fall verletzt
Ob es sich in diesen Fällen auch um unterlassene Hilfeleistung handelt (es liegt ein schwerer, seelischer Notfall vor, bei nach ärztlicher Kunst versorgtem Körper), vermag ich nicht zu beurteilen. Mein Herz sagt: ja liegt vor. Aber Herz und Juristerei sind zwei paar Schuh.
Und wie das mit dem Kerngehalt des Völkerrechts ist, müsste auch juristisch geprüft werden.
Vielleicht sollte man sich auch nur wieder einmal ausführlich mit dem Milgram-Experiment beschäftigen. Man vergisst so leicht, zu was die Menschen in der Lage sind. Wikipedia-Link

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