Mitte März bis 10. April 2020 täglich. Ab 11. April 2020 erscheinen die Beiträge jeden zweiten Tag. Ab Montag, 22. Juni 2020 immer Montag und Donnerstag abends. Ab Montag, 13. Dezember 2021 am Montagabend nach 22 Uhr.


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Montag, 1. August 2022

Ferientag

Es ist Ferienzeit. Um mich herum sind viele Menschen in Urlaub. Fahren an die Nordseeküste – womit hier in den Niederlanden der Küstenstreifen im Westen des Landes gemeint ist, Nord-Holland und Süd-Holland sowie Zeeland. 'Unser' Teil der Nordsee in den Provinzen Groningen und Friesland, an der es nur Deich und dahinter Wattenmeer gibt, heißt dann folgerichtig auch "Waddenzee".
Wie gesagt, manche vergnügen sich an einem der wunderschönen Sandstrände im Westen oder auf einer der Westfriesischen Inseln. Andere campen in der Eifel. Einzelne steigen ins Flugzeug und fliegen in die Türkei oder auf eine der Balearen-Inseln. Wieder andere zieht es nach Dänemark oder zum Übersommern nach Schweden. Oder auf eine begleitete Fahrradtour entlang der Weser.

Wir bleiben hier. Ich bin momentan nicht so besonders reisefähig, aus den verschiedensten Gründen. 

Glücklicherweise gibt es in meinem Bekanntenkreis noch genügend Menschen, die ebenfalls nicht in Urlaub fahren, so dass das große, sommerliche Einsamkeitsgefühl mir erspart bleibt, das mich früher manchmal heimsuchte, wenn ich – da ohne Kinder – zur Sommerferienzeit keinen Urlaub bekam und in der Gluthitze Frankfurts zurückblieb.

Meine Teddies haben diesen Nachmittag die Gelegenheit beim Schopf ergriffen und sich einen Gartentag im Sonnenschein gegönnt. Es ist nämlich heute noch so richtig angenehm temperiert, heiter bis wolkig bei Nordwestwind, und nicht wärmer als 21°. Da kann Teddy es mit seinem Fell gut draußen aushalten.

Ich selbst bin heute auch eher in Faulenzerstimmung und habe darum den heutigen Montag mitsamt des Blogabends zum Ferientag promoviert.

 

Wenn Ihr noch mehr süße Teddy-Fotos mit Teddies in allen Lebenslagen sehen wollt, dann klickt mal entweder auf das unten stehende Foto oder auf diesen Link.



Kürzlich hatte ich in einem Laden die nebenstehende Postkarte gefunden und mich dann im Internet auf die Suche nach der Künstlerin gemacht. Natürlich habe ich mich im Shop gleich mit einem Stapel Karten eingedeckt.
Also, liebe Brieffreundinnen, die ihr vielleicht diesen Blog lest – freut Euch schon mal auf die eine oder andere bärige Beigabe zu einem meiner nächsten Briefe!


Euch allen wünsche ich viel Freude beim virtuellen Blättern durch die Teddykarten und schöne Sommertage. Trotz der Hitze. Oder wegen der Hitze - für die, die das gut vertragen können und solche Tage lieben. Die soll es auch geben. 😉

Montag, 21. Februar 2022

Gleicher Schritt

Ganz zu Beginn dieses Blogs schrieb ich schon einmal, und auch ein weiteres Mal Mitte letzten Jahres  dass ich mich in diesen Jahren der C-Krise wie in einer Achterbahn fühle. Das ist noch immer so. Auch zur Zeit. Es geht mir so, wie das Wetter draußen ist: abwechselnd Schnee, Regen, Sonne; dicke schwarze Wolken, weiße Wölkchen, blauer Himmel; stürmisch, ruhig.
Sehnsucht danach, einfach normal zu leben. Ohne, dass ständig eine bekannte oder neue Panik - irgendein Bedrohungsszenario wird es schon geben, mit dem sich den Menschen Angst machen lässt - wie die sprichwörtliche Sau durchs Dorf getrieben wird.
Sehnsucht nach einer Lebensatomosphäre ohne die allgegenwärtige Angst vor {setze hier ein, was gerade die Schlagzeilen beherrscht}. Und ohne dieses Wechselbad von Zügel anziehen - Zügel lockern - Zügel noch härter anziehen.

Vor gut einer Woche fand sie in den Niederlanden statt, die berühmte Pressekonferenz der hiesigen Regierung, auf der die "Lockerungen" verkündet wurden, auf die alle schon so dringend warteten. Es waren ja genug Details schon auf irgendwelchen Wegen in die Presse lanciert worden.

Tauwetter auf unserem Dachfenster, 21.02.2022
"3G verschwindet", "Der coronatoegangsbewijs (übersetzt: Coronaeintrittskarte, auch QR-Code
genannt) verschwindet" lauteten enthusiastische Überschriften.
Überenthusiastische Überschriften.
Nichts davon verschwindet wirklich. Es wird nur vorläufig nicht mehr eingefordert.

Zunächst mal wurden lediglich Öffnungszeiten verlängert bis nachts um 1 Uhr: Theater, Gastronomie, Kinos z.B. Zugang mit 3g, drinnen darf man dann aber ohne Maske sich aufhalten, und die Einsfünzig-Regel sowie maximale Besucherdichte sind aufgehoben. Außerdem dürfen zuhause wieder mehr als vier Menschen gleichzeitig zu Besuch kommen.

Erst ab kommenden Freitag dann wird die Maskenpflicht völlig aufgehoben (außer in der öffentlichen Personenbeförderung und wahrscheinlich in Krankenhäusern, Polikliniken und Arztpraxen) und 3g außer Kraft gesetzt (außer bei Veranstaltungen in Innenräumen mit mehr als 500 Besuchern). Und der verplichtete 1,5-m-Abstand wird aufgehoben.

So ist es dann doch Einiges, was ab 25. Februar wieder gelebt werden darf. Ungefähr so wie im Sommer 2020, denke ich. Das bringt erst einmal ein erleichtertes Gefühl zuwege. Für meine Reise nach Amsterdam nächste Woche, bei der ich um punkt soviel Uhr bei einem Termin sein muss, bedeutet es, dass ich eventuelle Wartezeit (hab ja einen Puffer eingebaut) ohne weiteres Hick-Hack und mit hergezeigtem Gesicht irgendwo bei einer Tasse Kaffee überbrücken kann.

Jedoch: am 15. März gibt’s eine neue Pressekonferenz, bis dahin wird alles nochmal unter die Lupe genommen. Ehrlich gesagt rechne ich zu jenem Zeitpunkt nicht mit erneuten Verschärfungen, denn am 17. März sind in den gesamten Niederlanden Gemeinderatswahlen. Käme gar nicht gut.

Blauer Himmel 21.02.2022
Also dürfen wir uns auf jeden Fall auf ein paar Wochen fast normales Leben freuen.

Was mich sehr erstaunte, war die Tatsache, dass zur gleichen Zeit, zu der hier plötzlich über zumindest teilweises Aufheben der Lebensbeschränkungen angefangen wurde, öffentlich und regierungsintern zu diskutieren, plötzlich in vielen umgebenden Ländern auch von anstehenden Lockerungen die Rede war. Es kam mir sozusagen von allen Ecken und Enden entgegen. Zwar nicht im Gleichschritt, aber doch in gleichem Schritt schien es überall plötzlich voranzugehen.

Es fühlte sich an wie damals zu Beginn der 👑 Krise, als auf einmal überall die Rede vom Gleichen war. Damals waren es Ausdrücke wie "neues Normal", "1,5-m-Abstand", "Hygieneregeln" und die später schleichend eingeführte Verdrehung der Bedeutung des Wortes Solidarität.
Heute ist es die Rede von den "Erleichterungen".
Je nach Grad des inzwischen stattfindenden Autoritarismus in den einzelnen Ländern bedeuten sie eine mehr oder weniger große
(zeitweise) Rückerstattung von Freiheit.

Es macht mich nachdenklich.

Genau, wie mich nachdenklich macht, dass derweil bei der WHO an neuen Regeln zu unentkommbaren weltweiten Bestimmungen für den Fall zukünftiger Pandemien gestrickt wird. Wo bleibt die Autonomie der Nationalstaaten? Es ist doch immer noch die Regierung jedes einzelnen Landes, die entscheidet, was in ihrem Einflussbereich gilt und was nicht.

In wie weit sind internationale Verträge gültig, frage ich mich, in denen Regierungen dieses Recht

Schneegestöber 21.02.2022
einmal und für alle Zeit abgeben an Institutionen, die über keinerlei demokratische Legitimierung verfügen? Im Privatrecht würde so ein Vertrag wohl wegen Verstoßes gegen die guten Sitten als ungültig erklärt werden. In Deutschland z.B. gilt noch immer was bereits 1901 vom Reichsgericht ausgeführt wurde, das den "Begriff gute Sitten  nach dem 'Anstandsgefühl aller billig und gerecht Denkenden'" definierte. "Die guten Sitten entsprechen folglich der vorherrschenden Rechts- und Sozialmoral." Quelle: Wikipedia

Nachdenklich macht mich auch die Verordnung der Europäischen Kommission, die aktuell in Vorbereitung ist. Mit ihr soll der Einsatz des 'EU-Zertifikats über geimpft/genesen/getestet' über das heutige Gültigkeitsende 30.6.2022 um zunächst ein weiteres Jahr verlängert werden. In kurzen Worten läuft es darauf hinaus, dass, solange die pandemische Lage bestehen bleibt, die Freizügigkeit innerhalb Europas beschränkt bleibt auf diejenigen, die ein solchen Zertifikat vorweisen können.

Im Erläuterungstext zu der Verordnung wird dabei in einer gewissen Verdrehung der Tatsachen ständig von "Erleichterung der sicheren Ausübung des Rechts auf Freizügigkeit während der COVID-19-Pandemie" (z.B. S. 2 des Dokuments) gesprochen. Es soll "die Freizügigkeit erleichtert werden" (S. 1).
An anderer Stelle wird ein anderer Zweck der Übung deutlich benannt: "ist die Steigerung der Impfquote nach wie vor ein wesentliches Ziel im Kampf gegen die Pandemie" (S. 4), wozu hauptsächlich das "EU-Zertifikat", im Volksmund "Corona-Pass" genannt beitragen soll. Seine von der EU-Kommission als solche benannten Erfolge in dieser Hinsicht sind ganz am Anfang des Textes benannt: "Studien zufolge hat seine Verwendung zu einer verstärkten Impfaktzeptanz (…) geführt." (S. 1unten, 2 oben)
Mit anderen Worten: eine Menge Leute haben sich der Impfung unterzogen, um frei reisen zu können.

Im Dokument wird auch berichtet, dass etwa ein Drittel (ich habe mir die Studie angesehen, es sind 34%) der im Rahmen einer Eurobarometer-Umfrage befragten EU-Bürger nicht der Meinung war, dass das Zertifikat eine gute und sichere Möglichkeit zur Garantie der Freizügigikeit in Europa sei.
(Wobei mir als Soziologin allerlei Fragen kommen angesichts der Art und Weise, in der die Fragen im Rahmen Untersuchung gestellt wurden. Das habe ich damals im Studium anders gelernt. Aber dies nebenbei.)

Zu dieser Verordnung "VERORDNUNG DES EUROPÄISCHEN PARLAMENTS UND DES RATES
zur Änderung der Verordnung (EU) 2021/953 über einen Rahmen für die Ausstellung, Überprüfung und Anerkennung interoperabler Zertifikate zur Bescheinigung von COVID-19-Impfungen und -Tests sowie der Genesung von einer COVID-19-Infektion (digitales COVID-Zertifikat der EU) mit der Zielsetzung der Erleichterung der Freizügigkeit während der COVID-19-Pandemie" findet zur Zeit eine Bürgerbefragung statt. Noch bis zum 8. April kann jeder EU-Bürger, jede EU-Bürgerin ihre Meinung dazu offiziell kundtun.
Bislang (Stand 21.02.2022 21:00 Uhr) haben 58.968 Bürger dies getan. 

Hoffentlich werden es noch viel, viel mehr, die von einer der wenigen Möglichkeiten Gebrauch machen, als EU-Bürger eine Meinung zu den Vorhaben der EU-Kommission zu äußern!

Mitmachen kann man über diesen Link .

Montag, 3. Januar 2022

Alles neu?

Der erste Morgen des neuen Jahres. Was für eine wunderbare Stille. Es ist draußen wirklich ganz still. Keine menschlichen Geräusche. Keine Motor- und Reifengeräusche von der nahen Autobahn. Die grässlichen Gebläse in den hinterm Bahnhof liegenden, in den letzten Jahren verfünffachten Getreidesilos des Korn- und Düngemittelhändlers schweigen. Keine Menschenseele ist draußen zu sehen oder zu hören.
Die Hühner im Garten der Gegenüber-Nachbarn gackern. Irgendwo fliegt ein Vögelchen auf und zwitschert dabei. Drei, vier Gänse fliegen, laut rufend, über das Haus hinweg. Ansonsten: Stille.
Aufatmen.
Eine tiefe Liebe zum Leben, wie es eigentlich gemeint ist, füllt mich aus. Ein tiefes, stilles Glück.
Welch ein erfüllender Start ins neue Jahr! Lang her, dass ich mich so gefühlt habe.

Später dann fällt mir das Museums-Magazin für Frankfurt, Ausgabe Januar 2022, in die Hände.

Werbung für die Ausstellung im Frankfurter Kunstverein - facebook

Ich blättere es durch, lese hier, schaue dort. Ein voller Terminkalender in Museen und Galerien der Stadt, des gesamten Rhein-Main-Gebietes und darum herum. Die Artikel haben Faszinationskraft. Machen Appetit auf die Ausstellungen. Eine zieht mich besonders an, im Frankfurter Kunstverein: "Die Intelligenz der Pflanzen". Läuft bis zunächst 30. Januar, verlängert bis 20. Februar. Trotz Verlängerung keine Chance, sie zu sehen.

Aktuelle Einreisebestimmungen: sich vorher digital anmelden; die Niederlande gelten momentan als "Hochrisikogebiet", d.h. nach Ankunft am Zielort Zwangsquarantäne und Test-Orgien. Entsprechende Beweise von irgendeinem "g" – und damit ist leider nicht glücklich, geliebt, gelassen gemeint, die führte ich mit viel Vergnügen mit mir – sind bei Einreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln bereits vor Antritt der Reise vorzulegen bzw. im Zug mitzuführen und bei der Grenzkontrolle vorzulegen.  Herzlichen Dank.

Erinnert sich noch jemand?
Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Union. Man konnte - es ist gefühlt Ewigkeiten her - jederzeit kreuz und quer hin und her reisen, ohne kontrolliert zu werden.
Und ohne mehr Voraussetzungen zu erfüllen als: EU-Bürger zu sein.
Jetzt steht auf allen Informationsseiten des Bundes über die aktuellen Regelungen: Kontrollen durch die Grenzbehörden können jederzeit stattfinden. Und wehe, Du hast dann keinen Nachweis über eines der "g" bei Dir!

Mit leicht bitterem Geschmack im Mund blättere ich weiter.
Das Magazin sieht aus wie immer. Es könnte auch vom Januar 2018 sein, qua Ausstrahlung und Anziehungskraft. Wenn man darin blättert und sich berühren lässt, entsteht ganz von selbst ein Gefühl von: da könnte ich hingehen, und dahin auch. Ach ja, und auch jenes finde ich sehr interessant…. und so formt sich ein ganzes Museumsbesuchsprogramm für einen nächsten Besuch in der Heimatstadt.
Doch dann bleibt mir die spontan entstandene, Vorfreude im Halse stecken. Sie ist leider vollkommen unrealistisch.
Die Macher des Magazins gehen mit keinem Wort auf die besondere Situation ein. Nirgendwo steht, was doch eigentlich in einem dick eingerahmten Textfeld mit fettgedruckten roten Buchstaben mitgeteilt werden müsste – so außergewöhnlich und bis Ende 2020 unvorstellbar gewesen ist es:
dass nämlich der Zugang nur Menschen mit dem offiziell anerkannten Status "genesen" oder "vollständig geimpft", im Zweifelsfall noch plus negativem Test, erlaubt ist. 

Allein schon die pure Anwesenheit dieser Regel verdürbe mir jeden Besuch im Museum (oder sonstwo), völlig unabhängig davon, welches der offiziellen "g" mir zuerkannt ist. Ich kann nicht mit gutem Gefühl ein Museum besuchen, mich an 'Kultur' erfreuen, wenn von vorneherein schon mal 25% (ungefähr) meiner Mitmenschen vom Museumsbesuch ausgeschlossen sind. Wirkliche, echte, tief empfundene und gelebte Kultur, genauso übrigens wie gelebte Religiosität, hat für mich ganz, ganz viel mit (Mit-)Menschlichkeit zu tun, Humanitas im weitesten Sinn. Und so kann ein Museumsbesuch unter diesen aktuellen 'Umständen einer Un-Kultur' für mich niemals ein warmherziges, liebevolles Kultur-Erleben sein. Wie könnte ich etwas genießen, wenn ich gleichzeitig weiß, dass Mit-Menschen, die genau so kulturinteressiert, genauso gebildet, genauso tief empfindend sind wie ich, per se von diesem Erleben ausgeschlossen sind?

Und damit komme ich zu meinem Vorsatz vom vergangen Jahresanfang. Den Text, den ich da in den Mittelpunkt gestellt hatte,  habe ich mir im Lauf des Jahres viel zu selten erneut vor Augen geholt.

"Ich werde kein ungelebtes Leben sterben."

Mein 2021 hatte viel zu viel ungelebtes Leben. Menschen, die ich nicht gesehen habe. Dinge, die ich nicht getan habe. Aktivitäten, die ich unterlassen habe. Alles wegen der allesüberschattenden Bedrohung durch (die Maßnahmen gegen) 👑 die Bekrönung, die schwer auf unser aller Köpfe drückt.

Das wird dies Jahr anders.

Und darum schreibe ich mir den Text von Dawna Markowa, den ich Anfang Januar 2021 zitierte,  noch einmal über das neue Jahr, diesmal mit tieferer Bewusstheit, und mit kleinen, für mich passenderen Umformulierungen:

Ich werde kein ungelebtes Leben sterben.
Ich werde furchtlos leben vorm Fallen oder Feuer fangen.
Ich wähle, meine Tage zu bewohnen,
und erlaube meiner Lebensweise, mich zu öffnen,
um mich beherzter sein zu lassen,
zugänglicher,
um mein Herz zu lösen,
bis es ein Flügel wird,
eine Fackel, ein Versprechen.
Ich wähle, meine Wichtigkeit zu riskieren;
so zu leben, dass das, was zu mir als Same kommt,
als Blüte zum Nächsten geht,
und das, was zu mir als Blüte kommt,
weiter geht, als eine Frucht.

Donnerstag, 2. Dezember 2021

Erinnerungen

Auf dem Rückweg vom Einkaufen in Winschoten begann es in mir zu sinnieren darüber, wie still und zurückgezogen mein Leben sich jetzt abspielt. Eigentlich sehe ich – außer meinem Mann, mit dem ich gerade im Auto saß – kaum andere Menschen. So werden die mit meinen Einkäufen zusammenhän-genden Gespräche mit den Mitarbeiterinnen des Bio-Ladens schon beinahe zum  Highlight der Woche.

Daraufhin versuchte ich mich zu erinnern, wie mein, wie unser Leben bis einschließlich Februar 2020 ausgesehen hat. War es da eigentlich auch schon so einsam, wie es sich heute anfühlt?

Ich erschrak heftig, als ich merkte, dass ich mich gar nicht mehr richtig entsinnen kann, wie es war. Was für ein Lebensgefühl ich damals (es ist nur 21 Monate her! und ich schreibe damals!) hatte. Wie mein, wie unser Alltag damals aussah.
Etwas hilflos fragte ich meinen Mann, ob er mir behilflich sein könne beim Nachdenken. Gemeinsam tragen wir ein paar Dinge zusammen.

Foto aufgenommen in einer Ausstellung im Museum für Kommunikation,
Frankfurt am Main März 2020

Da waren zum Einen die regelmäßigen Fahrten und längeren bis langen Aufenthalte in Frankfurt.
Dort unternahm ich natürlich alles Mögliche, ging Bummeln in der Stadt, Spazieren am Main, Fahrradfahren; besuchte Museen, Konzerte, hörte montags und donnerstags 30 Minuten Orgelmusik in der Katharinenkirche, verabredete mich, traf Menschen, ging Essen. Machte Einkäufe, ergänzte Vorräte zum Mitnehmen in die Niederlande von Dingen, die hier nicht oder nur sehr teuer zu bekommen sind.
Und natürlich waren waren da die Reisen selbst, 7 bis 8 Stunden Bahnfahrt mit zwei bis drei Mal umsteigen. Reisen, die ich immer sehr genoss, obwohl sie anstrengend waren. Es war schön, gemütlich im reservierten Abteil zu sitzen und durchs Land zu sausen.

Wöchentlich traf ich meine Damen von Actief 50+, mit denen ich mich bei "Tänzen aus aller Welt" eine gute Stunde lang tanzend im Kreise drehte. Danach saßen wir noch ein Viertel- bis ein halbes Stündchen zusammen bei Kaffee und Tee.
Zu meinen monatlich stattfindenden spirituellen Gruppen in Groningen fuhr ich selbstverständlich öffentlich; es machte mir nix aus, umzusteigen und insgesamt eine gute Stunde unterwegs zu sein. So what!
Mit unserer Freundin aus dem Nachbarort machte ich ein paar Mal im Jahr mit dem Zug eine Tour zu einer interessante Sonderausstellung eines Museums
irgendwo hier im Land. Mit den speziellen Senioren-Tageskarten, die man zu bestimmten Jahreskarten hinzuerwerben kann, können wir alle zwei Monate einen ganzen Tag lang kreuz und quer bahnfahren, und zwar in der 1. Klasse. Davon machten wir gerne Gebrauch.
Manchmal stieg ich auch einfach so in den Zug, z.B. wenn ich die See sehen wollte. Dann fuhr ich nach Harlingen in Friesland, von wo aus die Fähren nach Terschelling und Vlieland fahren, und wo man – im Gegensatz zu Delfzijl, das ja am Dollart liegt – "richtig" das Wattenmeer sehen, fühlen und riechen kann. Oder ich fuhr nach ebenjenem Delfzijl, um auf dem Dollartdeich Spazieren zu gehen.

Ein paar Mal im Jahr reisten mein Mann und ich in den Westen des Landes, wo seine Tochterfamilie lebt, seine Schwester lebt, einige Freunde von früher leben. Wir übernachteten ein oder zwei Mal und machten Besuche. Geburtstage, Ostern, Weihnachten waren eigentlich selbstverständliche Gelegenheiten hierfür.
Regelmäßig besuchten wir auch Orgelkonzerte in der näheren (fußläufig oder Fahrradabstand) oder weiteren Umgebung.

Die monatlichen Sitzungen des Dorpsraad fanden im Bürgerhaus statt, antelle, wie jetzt, online. Es gab  kürzlich zwei Monate, in denen wieder 'echte' Sitzungen stattfinden durften – allerdings unter 3g-Bedingungen. Das verdarb den Spaß schon.
Die Arbeitsgruppe des Museums tagte monatlich, und wir 'bastelten' begeistert an unserem nächsten Projekt für Gruppen-Besuche von Schulklassen. Die Gruppenbesuche gibt es nicht mehr, es ist auch nicht abzusehen, wann sie je wieder werden stattfinden dürfen, weil beim aktiven Erkunden des Museums in Kleingruppen die 1,5 m nicht eingehalten werden können, und überhaupt. Die Arbeitsgruppe pausiert.

Und so wie diese letzten beiden Dinge, ist auch alles andere mehr oder weniger weggebrochen.
Die niederländische Familie habe ich im Januar 2020 zum letzten Mal gesehen. Mein Mann hat diesen Sommer, im damals sich sicher wähnenden Gefühl des Geimpftseins, nochmal eine zweitätige Reise nach Westen gemacht. Ich blieb hier, mir ist viel Fitness abhanden gekommen durch den C-Wahnsinn.
Meine Reisen mit Bahn und Bus musste ich nach Einführung der Maskenpflicht einstellen. Schon die
20 Minuten Maske-auf bis Groningen halte ich kaum aus – eine bis mehrere Stunden in Zug und Bus wären für mich nicht machbar.
Die spirituellen Gruppen, immer schon im privaten Rahmen, finden nach einer größeren Pause wieder statt – sie haben jeweils so wenige Mitglieder, dass es auch im Rahmen der aktuellen Verschärfungen noch möglich ist. Unterscheidungen nach "geimpft – ungeimpft", wie das wohl in Deutschland der Fall ist, gibt es hier nicht. Allerdings bin ich drauf angewiesen, dass mein Mann mich bringt und holt – die lange Fahrzeit im ÖPNV würde ich maskiert nicht durchstehen.
Der Tanzkreis "Pausiert" wieder. Es gab ein kurzes Wiederaufleben im Frühherbst unter 3g-Bedingungen, bis jetzt im Rahmen der "4. Welle" (oder ist es die 5.? oder 6.? ich hab den Überblick verloren) alles wieder abgesagt wurde.

Undsoweiter. Undsoweiter.
Alles futschikato kaputo.

Und es sieht so aus, als würden wir noch eine Weile so leben müssen. Manchmal ist das furchtbar kahl.

Gegen dies Kahlheitsgefühl können kleine Übungen helfen. Atemübungen mache ich sowieso immer mal zwischendurch um mich wieder zu zentrieren. 

Die folgenden beiden Gedanken-Spiele helfen, innerlich eine freundliche, optimistische Stimmung zu kreieren. Ich habe die Anregung im letzten Friedenszirkelmitgeschrieben – und, muss ich schamrosa gestehen – erst aktuell in meinem Buch wiedergefunden. Aber ab jetzt werde ich sie wirklich immer wieder machen, mir einen erinnernden Zettel auf den Schreibtisch legen:

  • Denke bei jedem Schluck Wasser, den Du trinkst:
    Ich bin im Frieden (in der Liebe; bin Licht)

    Die Welt ist im Frieden (in der Liebe; voller Licht)
  •  Kreiere deine Vision der Welt, in der Du leben willst. Stelle sie Dir so lebendig wie möglich vor.
    Stelle Dir so viel wie möglich das alltägliche Leben vor.

    Du kannst Dir z.b. folgende Fragen stellen, um das innere Bild so richtig lebendig werden zu lassen:

    Wie würde das denn konkret aussehen, ….

    - beim Bäcker; wie stellt er seine Waren her, was stellt er her, wo kommen die Rohstoffe her…  
    - wie ich zu meinen Lebensmitteln komme;
      was esse ich, wo kommt es her, wie kommt es zu mir…

    - wie ich zu Kleidungsstücken komme, zu Materialien für Kleidung

    - wie bewegt man sich fort?

    - wie gehen die Leute mit einander um?

    - was mache ich so den Tag über, was machen andere den Tag über?

    - wie ist die Atmosphäre?

    - mit wem gehe ich um?

    - wie findet Energieausgleich statt? Gibt es ein Tauschmittel?

    Der Phantasie sind hier keinerlei Grenzen gesetzt.

Beide scheinen mir in der Phase des Ganzen, in der wir uns gerade jetzt befinden, besonders wichtig zu sein. Es gilt, dem zunehmenden Chaos aus Druck, Panik, Polarisierung etwas entgegen zu setzen. Auch oder vielleicht gerade auf der gedanklich-emotional-geistigen Ebene.

Montag, 26. Juli 2021

Inselgefühl

Im Naturgebiet Reiderwolde
Am Samstag waren wir Spazieren im Naturgebiet Reiderwolde bei Winschoten. Dieses ca. 200 ha große Gebiet wurde vor 15 Jahren durch eine Gruppe von Bauern der Agrarischen Naturvereinigung Ost-Groningen eingerichtet. Inzwischen ist es ein wirklich schönes Stückchen Ost-Groningen, in dem das Flüsschen Tjamme wieder in seinem früheren, mäandernden Bett fließt.

Von unserer Wohnung aus ist es nur mit dem Auto zu erreichen.

So waren wir Samstagnachmittag unterwegs auf der Autobahn Richtung Winschoten, die in ihrer Fortsetzung zur deutschen Grenze und zum Autobahndreieck Bunde führt, wo sie mit der deutschen A31 zusammentrifft, dem Highway ins Ruhrgebiet bzw. in der anderen Richtung nach Oldenburg und Bremen. Unterwegs wurden wir von enorm vielen Autos mit weißen Nummernschildern überholt (wir hier in den Niederlanden habe gelbe Nummernschilder). Massenhafter Rückreiseverkehr nach Deutschland. Ungewöhnlich. Mitten in der Sommerferienzeit.

Und dann erinnerte ich mich an die Radiosendung "Met het oog op morgen" (Mit dem Blick auf morgen) vom Abend vorher. Dort war eine deutsche Journalistin interviewt worden, die als Korrespondentin in den Niederlanden tätig ist. Übrigens ist es immer ein kurioses Gefühl, andere Deutsche Niederländisch sprechen zu hören und den krassen deutschen Akzent überdeutlich wahrzunehmen. Man selbst denkt ja immer, dass man die Sprache perfekt beherrsche...

Thema im Interview, wieder einmal: das Krönchen, das große C. Und die aktuellen Regelungen.

Die Journalistin erklärte der Moderatorin, dass die Niederlande ab Sonntag als Hochinzidenzgebiet eingestuft seien, was bedeute: nach Rückreise aus den Niederlanden 10 Tage Quarantänepflicht, auch mit negativem Test. Mit erneutem negativem Test nach fünf Tagen darf diese vorzeitig beendet werden. Ausgenommen: Genesene und komplett Geimpfte. Die brauchen gar nicht in Quarantäne.
Diese Ausnahme ist natürlich seuchenpolitisch kompletter Unsinn. Auch komplett Geimpfte können ja das Virus weitergeben können und auch selbst erkranken können. Für letzteres habe ich in meinem erweiterten Bekanntenkreis zwei Beispiele. Aber das steht auf einem anderen Blatt Papier.

Wessen wir also auf unserer Fahrt zum Spaziergang Zeugen wurden, war wohl eine Art 'Massenflucht' deutscher Touristen. Schnell vor der Quarantänepflicht wieder zurück nach Deutschland.
Kopfschüttelnd schaute ich mir das absurde Schauspiel an. Wieder ein weißes Nummernschild. Berlin. Und noch eines. Gotha. Wieder einer, Dortmund. Da einer aus Hessen! Undsoweiter.

Das Interview, besser gesagt die Antworten der deutschen Journalistin, waren noch in anderer Hinsicht aufschlussreich.

Auf die Frage, worauf sich diese aktuelle Einstufung der Niederlande basiere, nannte sie die 7-Tage-Inzidenz, also die berühmte Anzahl der in den letzten 7 Tagen neu positiv PCR-Getesteten auf 100.000 Einwohner. Die war am 24.7. in den Niederlanden 360. Heute, am 26.7. liegt sie bei 266. Die Journalistin erzählte weiterhin, dass die Inzidenz als alleiniges Kriterium allerdings in Deutschland jetzt auch – wie in den Niederlanden schon länger – immer mehr in Frage gestellt werde. Man müsse vielmehr nach den tatsächlichen Aufnahmen ins Krankenhaus und der Anzahl intensivmedizinisch Behandelter Covid Patienten schauen. Beides sei in den Niederlanden in keinem dramatischen Bereich.

Das Gespräch drehte sich weiter um die Situation der Urlaubsrückkehrer nach ihrer Ankunft. In gut niederländischer Manier, die Menschen gehen hier öfter mal relativ flexibel mit Regelungen um, fragte die Moderatorin danach, wer das denn wie kontrolliere, ob mit dem Auto Reisende nach ihrer Rückkehr sich brav melden und in Quarantäne begeben. Grenzkontrollen seien doch so gut wie nicht durchführbar.

Screenshot des inzwischen offline geholten Formulars der Stadt Essen
Die deutsche Journalistin: die Leute würden sich auch ohne Kontrolle weitestgehend an diese Regelungen halten. Zum Einen seien die Deutschen sowieso zu einem hohen Prozentsatz sehr regelgetreu. Dazu käme, dass in Deutschland eine ziemliche Gesundheitsangst herrsche, man schon aus purer Furcht vor der Verbreitung alle Maßnahmen mitmache.

Im übrigen gäbe es in Deutschland ein hohes Maß an sozialer Kontrolle. Nachbarn, Freunde und Verwandte wüssten ja im Allgemeinen, dass man im Urlaub in den Niederlanden gewesen sei. Da müsse man schon damit rechnen, dass jemand aus der Gruppe darauf reagieren würde, wenn man sich nicht an die Quarantäneregeln hielte.
Das hat sie aber schön gesagt.
Eine sehr dezente Formulierung der Tatsache, dass die Bereitschaft zur Denunziation in Deutschland nicht gerade niedrig ist.

Eines der Dinge, die mir im letzten Jahr besonders bitter aufgestoßen sind. Ich hätte das nicht für möglich gehalten, 75 Jahre nach Ende des Dritten Reiches und 31 Jahre nach Ende der DDR. Die Tatsache, dass es Städte gab, die auf ihren offiziellen Websites unverhohlen zur Denunziation aufriefen, belehrte mich eines anderen.

Nun sind sie also wieder weg, die deutschen Touristen. Wir sind wieder unter uns hier in unserem kleinen Ländchen. Wieder stellt sich bei mir ein Gefühl ein ähnlich dem letztesJahr während des zweiten Lockdowns.  Damals nannte ich das einen Gläsernen Vorhang. Jetzt ist es eher ein Gefühl wie auf einer der Ostfriesischen Inseln am Abend, wenn die letzte Fähre abgelegt hat. Eine gewisse Stille stellt sich ein. Erst jetzt fühlt es sich wirklich wie auf der Insel an. Ich kann nicht mehr ohne weiteres weg. Es kommen nicht mehr ohne weiteres neue Touristen an. Man ist unter sich. Ein bisschen isoliert, ein bisschen abgeschnitten vom Rest der Welt. Aber auch abgeschnitten von der Umtriebigkeit des Restes der Welt.

Das ist natürlich ein sehr subjektives Gefühl, genährt von der Situation hier im sowieso eher leeren Norden der Niederlande. In Amsterdam oder anderswo im übervollen Westen würde die Empfindung vielleicht nicht so entstehen und hörte ich noch immer ein kunterbuntes Sprachgemisch. Ich muss aber sagen, das hier hat was.

So ähnlich wie im vergangenen Jahr, als der Himmel klar blau, wolkenlos und frei von jeglichen Düsenflugzeugspuren war, bringt auch diese erneute Abgeschlossenheit gegenüber Deutschland (wie Belgien es im Augenblick den Niederlanden gegenüber handhabt, habe ich nicht recherchiert) ein Innehalten mit sich. Da schaut sie wieder um die Ecke, eine der Chancen dieser Pandemie-Situation. In sich hineinfühlen. Vielleicht das Leben anders, neu einrichten. Prioritäten verändern. Gewohnheiten hinterfragen.

Persönlich bin ich damit sowieso immer wieder befasst, seit im März letzten Jahres die ersten Maßnahmen verkündet wurden. Nichts ist mehr wie vorher. Und es wird auch nie wieder wie vorher werden.

Immer wieder ist diese C-Situation für Überraschungen gut. Jeder Gedanke: 'jetzt ha'm wir aber alles durch und können uns entspannen' wird in kürzester Zeit durch eine noch krudere, noch kuriosere Realität im Außen widerlegt. Da hilft nur Stille im Innern.


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